Das Tuch aus Nacht von Christoph Peters, 2003, btb1.) - 2.)

Das Tuch aus Nacht.
Roman von Christoph Peters (2003, btb/Goldmann).
Besprechung von Käthe Trettin in der Frankfurter Rundschau, 5.2.2004:

Kette und Schuss
Christoph Peters liest im Frankfurter Literaturhaus aus seinem Roman "Das Tuch aus Nacht"

Vorsicht: Schwierig! Aber keine Angst, wir werden dem Autor seine Geheimnisse schon entlocken. Moderatorin Verena Auffermann war fest entschlossen, das Publikum didaktisch an die Hand zu nehmen und die "Irritationen" des Romans zu beseitigen. Allein schon der Titel! Was bedeutet denn bloß das Tuch aus Nacht? Und vor allem, welche Stimmen sprechen hier?

Dabei könnte die Technik klarer nicht sein. Es gibt genau zwei Erzähler: Erstens Albin, Bildhauer, Säufer, führt eine Art inneren Monolog, seine Sprache ist elaboriert, manchmal übertrieben artifiziell. Zweitens Olaf, Kunststudent, unbeteiligter Chronist der Ereignisse, seine Sprache ist sachlich und schnörkellos. Damit die Leser auch ja nichts verwechseln, hat der Verlag, auch er didaktisch beflissen, Albins Rede kursiv gedruckt.

Christoph Peters, Absolvent der Karlsruher Akademie der Bildenden Künste, seit seinem Debüt als Schriftsteller 1999 mit viel Lob bedacht, las im Literaturhaus Frankfurt fast eine Stunde, manchmal klang der niederrheinische Zungenschlag durch. Der Plot wurde erkennbar: Schauplatz ist Istanbul im November, nicht nur das Wetter ist trist. Albin und Livia versuchen vergeblich, ihre Liebesbeziehung zu retten; Albin glaubt, von der Hotelterrasse aus einen Mord beobachtet zu haben; sie treffen auf deutsche Kunststudenten mit ihrem Professor, die nicht genau wissen, was sie an diesem Ort eigentlich sollen. Ein ödes Besichtigungsritual des Topkapi-Palastes wird aus Albins Sicht zu einer großartigen surrealistischen Fantasie.

Eigenartig, dass diese facettenreiche Tristesse in der anschließenden Diskussion nicht zur Sprache kam. Dafür wurden folgende Fragen abgehandelt. Warum muss Albin ein Säufer sein? Weil eine Figur gebraucht wurde, die nicht mehr genau zwischen Realität und Hirnkonstruktionen unterscheiden kann. Warum diese klischeehafte Mordszene am Anfang? Weil es um Bilder und Bildverbote gehe, um Filmzitate, etwa aus Das Fenster zum Hof: Hollywood-Klischees als Ikonen unserer Zeit, hart neben byzantinische Kunst und islamische Ornamentik gestellt, über die in der Gruppe der Kunststudenten schwadroniert wird. Warum Istanbul als Schauplatz? Um die Touristenerwartung aufs Exotische und deren erstaunliche Erfüllung zu thematisieren.

Und das "Tuch aus Nacht"? Auf diese Frage schien Peters nur gewartet zu haben. Ein Tuch sei etwas Gewebtes, Kette und Schuss, ein Teppich, natürlich auch Metapher für den Text selbst, ein Hinweis auf die chronologisch gegenläufige Erzählweise. Und die Nacht, wer hätte es gedacht, ist eine Metapher des Todes oder Todnahen. Ein Leichentuch für Albin, wenn er im Bosporus verschwindet. Musste er wirklich über Bord gehen? Vielleicht waren die klugen Konstruktionen des Romans ein bisschen zu klug.

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Das Tuch aus Nacht von Christoph Peters, 2003, btb2.)

Das Tuch aus Nacht.
Roman von Christoph Peters (2003, btb/Goldmann).
Besprechung von
Dr. Eva Lacour in der Rezensionen.ch:

Ein Istanbul voller Verbrecher Das dritte Buch von Chistoph Peters ist eines über ganz verschiedene Lebenswege, die doch eines verbindet: Sie sind so destruktiv, dass sie geradewegs auf den Tod zusteuern. Ein amerikanischer Edelsteinhändler, Mr. Miller, macht Geschäfte mit dubiosen russischen Mafiosi, ist sich des damit verbundenen Risikos bewusst und wird schließlich ermordet. Albin, ein deutscher Bildhauer, als Kind an der Gewalttätigkeit seines Vaters zerbrochen, säuft sich zu Tode. Die Mutter, von ihrem Mann so brutal tyrannisiert wie dieser jüngste Sohn, kann sich trotz seines Verschwindens nicht von ihm lösen und bringt sich in Raten mit Beruhigungsmitteln und Alkohol um.

Albin reist auf Drängen seiner Freundin Livia nach Istanbul in der Hoffnung, die eigentlich bereits zerbrochene Beziehung ließe sich nochmals kitten, lernt in der Hotelbar Mr. Miller kennen und beobachtet am nächsten Morgen offenbar als einziger Zeuge, wie dieser erschossen wird. Anstatt nun das Gesehene der Polizei anzuzeigen, versucht er auf eigene Faust die Mörder zu finden, die wohl der russischen Edelsteinschmugglerszene in Istanbul angehören, und verhält sich dabei so risikofreudig, dass man ständig seine baldige Ermordung befürchtet. Livia und Albin lernen dann im Hotel noch eine deutsche Kunststudentengruppe kennen, der sie sich anschließen. Nach Albins ungeklärtem Tod versucht einer der Studenten zu rekonstruieren, was Albin in der gemeinsam verbrachten Woche in Istanbul widerfahren ist.

So laufen in dem Roman zwei Erzählstränge parallel: Albin schildert seine Erlebnisse, die, je näher sein Ende rückt, mehr und mehr unterbrochen werden von Erinnerungen an seine Kindheit, seinen Vater, seine Mutter und die ersten Jahre mit Livia. Der Student schildert Albins und Livias Tage in Istanbul, wie er sie aus den Erzählungen der anderen und seinen eigenen Beobachtungen erschließen kann - eine spannungsreiche Konstruktion. Doch der Rest, die ganze Handlung, ist banal und ohne Aussage.

Dann liefert das Buch noch die Beschreibung einer fremden, undurchschaubaren, bedrohlichen Stadt. Das Ganze ist recht spannend und gut geschrieben. Allerdings wird die Lesefreude von der vollkommen negativen Stimmung, in der es keinen Lichtblick gibt, getrübt. Istanbul hat nichts Schönes oder Liebenswertes zu bieten, nur Dreck, Betrüger, Verbrechen, Korruption und Gewalt. Auch als Livia sich in einen der Studenten verliebt, hellt sich nichts auf. Die Studenten profitieren nicht von der Klassenfahrt, untereinander vertragen sie sich nicht.

Die Geschichte wirkt völlig konstruiert. Ganz Istanbul scheint in die Tat verwickelt zu sein, die Mörder und ihre Komplizen allgegenwärtig, die Polizei ebenso mit von der Partie oder zumindest Touristen gegenüber extrem feindselig. Wenn dieses Komplott als Hirngespinst eines Alkoholikers kurz vor dem Delir verstanden werden könnte, wäre die Geschichte vielleicht gut. Doch die Feindseligkeit und mysteriöse Verschwiegenheit wird genauso von dem an sich neutralen Beobachter im zweiten Erzählstrang empfunden. Dass Istanbul so ist, dass ein Nobelhotel gemeinsam mit der Polizei einen Mafiamord vertuscht, von dem doch jedermann bis hin zum Barkeeper oder Teppichhändler weiß, dass Türken, Zigeuner, Russen, Polizei und Zöllner nichts anderes zum Ziel haben, als Touristen um Unsummen von Geld zu bringen, das alles möchte man so nicht glauben.

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