Das Traumpaar von Jörg Uwe Sauer, 2001, Jung und JungDas Traumpaar.
Roman von Jörg Uwe Sauer (2001, Jung und Jung).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 04.04.2001:

Hochschul-Stapelei kommt vor dem Fall

Als Jörg Uwe Sauer vor zwei Jahren mit seinem "Uniklinik"-Roman ein weithin beachtetes, ja gefeiertes Debüt hinlegte, setzte einer das fort, woran Thomas Bernhard durch einen so empörend banalen Umstand wie sein Ableben gehindert ist: Die Schimpfkanonade als Form der künstlerisch wertvollen Weltgestaltung. Sauer machte die ganze Universität zur Klinik, in der jeder die anderen für verrückt hält - und alle recht haben. Sauer machte sich lustig. Wie aber würde der junge Mann aus Wanne-Eickel mit dem Ernstfall des zweiten Buchs fertig werden - nach all den wenig begeisternden zweiten Büchern all der vielen gefeierten Debütanten der letzten Jahre? Sauer war schlauer: Er schrieb das erste Buch nicht ein zweites Mal, sondern einfach fort. Der neue Roman "Das Traumpaar" erwähnt Essen nur noch als Standort der "Motor Show" und steigt vom leitmotivischen Maserati der "Uniklinik" auf einen alten Citroén DS um, bleibt aber konsequent den akademischen Leerlauf-Bahnen verhaftet - und landet dann doch wieder im Maserati. Beziehungsweise an einer anderen Stätte des hochtourigen Wahnsinns, der Salzburger Irrenanstalt Steinhof, nach Zwischenstationen in Berlin und Triest.Mal ganz abgesehen davon, dass man sich am Ende fragt, wie er da wieder rauskommen will, setzt der neue Roman tatsächlich am Ende des alten ein - und wird zu einem rasanten Bastard, dessen Vater immer noch Thomas Bernhard ist, dessen Ahnenreihe aber nun von Simplizius Simplizissimus bis zu Felix Krull reicht. Hochstapelei und Hochschule schließen einander heute ja weniger aus denn je - und so kommt der Held des "Traumpaars" als einfacher Germanistik-Student zu einem Musik-Lehrstuhl an der FU Berlin, wo er über zehn Jahre hinweg das marode Universitätssystem nicht nur beschimpfen, sondern auch zum Zwecke der komfortablen Lebensgestaltung benutzen kann. Wieder eine hochkomische Geschichte im Bernhard-Sound also, spottend über Road Movies, Holocaust-Filme und Gehaltsstreifen. Mit ein paar müden Kalauern, einem Kennedy etwa, der in Berlin bekennt, "ein Krapfen" zu sein - aber auch mit Erkenntnishöhepunkten, zum Beispiel über die Gier der Lesewelt nach Legenden: "Ein Autor ohne Werk ist praktisch der Idealfall im Literaturbetrieb." Da sind wir aber heilfroh, dass Jörg Uwe Sauer jetzt praktisch zum zweiten Mal der Idealfalle entkommen ist.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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