Das Tor.
Roman von Sahar Khalifa (1990).
Besprechung von Janko Kozmus in Marabout, 08/2003:

Zeitweilige Bewohner eines zweifelhaften Hauses

Husam, ein junger palästinensischer Kämpfer, wird in einem Scharmützel von den Israelis am Bein verletzt. Er erreicht das nächste Haus und bittet um Zutritt. Nach einer Weile wird er eingelassen. Ausgerechnet in Sakinas Haus, im Haus der liquidierten Kollaborateurin, ist er in seiner Not gelandet. Und ist auf die Hilfe von Sakinas Tochter, Nasha, angewiesen, die selbst noch unter Verdacht steht. Es beginnt ein gegenseitiges Belauern und Verhöhnen, das Sahar Khalifa in nuancierten Tönen, facettenreich und akzentuiert, ausmalt.

Es klopft erneut an der Tür, Husam wird schnell im Nebenzimmer versteckt. Die Studentin Samar bittet Nasha, die Tochter des in Verruf geratenen Hauses um ein Interview. Themen seien die Situation der Frau, Palästina, die Intifada. Nasha lässt sie ein. Bei einem gemütlichen Tee beginnt das Interview. Bald weicht Samar vom Fragebogen ab, möchte mehr wissen über die Geschichte des angeblichen oder tatsächlichen Verrats von Nashas Mutter. Die Beiden sprechen über die Leute im Viertel. Irgendwann kommt die Rede auf Husam, der die Szene von nebenan verfolgt, was Nasha natürlich weiß.

Sieht man ab von der politischen Dimension, der Frage nach den Implikationen der Intifada für die Frau, besteht die klassische Konstellation einer Komödie. Zwar wird das Ganze mit weiteren Besuchen und mit teilweise absurd komischen Dialogen bis an die äußerste Grenze getrieben, doch nicht der Dialog ist die eigentliche Stärke der palästinensischen Autorin Sahar Khalifa, es ist der stille Kommentar, der innere Monolog, der jeden, auch noch so kleinen Redewechsel begleitet. Hier erhalten ihre Figuren Konsistenz und Kontur. Und mit dem Roman Die Sonnenblume hat sie zu erkennen gegeben, was ihr spätestens mit dem Folgeroman Memoiren einer unrealistischen Frau das Etikett Feministin eingebracht hat, dass es sich eben in erster Linie um den Personenkreis der Frauen handelt, dem sie glaubwürdige Standhaftigkeit verleihen möchte. Und das gelingt ihr in für die arabische Welt fast unvergleichlicher Form, obschon die vielen Wechsel im Erzähltempo, signifikant für Sahar Khalifas ersten Roman Der Feigenkaktus und - wenn auch weniger ausgeprägt - auch noch für den zweiten Die Sonnenblume einem ruhigeren Erzählfluss gewichen sind.

Samar gelangt durch Bildung zu einer neuen Perspektive ihrer Umgebung. Sie begreift die Tragweite israelischer Besatzung sowie des palästinensischen Widerstands. Und sie beginnt ihre doppelte Gefangenschaft als Frau zu ermessen. Doch spürt sie auch den Zweifel, den Widerspruch, die Schwierigkeit, die erworbene Erkenntnis in Praxis umzusetzen. Wegen einer von den Israelis verhängten Ausgangssperre, ist sie gezwungen, die Nacht in Sakinas Haus zu verbringen. Hierfür wird sie von ihrem ältesten ungebildeten Bruder brutal verprügelt. In der Folge muss sie noch mehrfach schmerzhaft erkennen, dass Bildung allein ihrem Dasein nicht die Standhaftigkeit verleiht, die sie für sich beansprucht. Aus tiefer Überzeugung versichert sie Nasha »Ich bin wie Du«. Sie entstamme einer einfachen Bäckersfamilie.

Nasha ist anders. Zwar kommt auch sie aus einfachen Verhältnissen, aber ihr Blick ist von einer unmittelbaren Ungetrübtheit. Nicht erst mit dem Tod ihrer Mutter hat sie jegliche Illusion verloren. Unglückliche Ehe, unerfüllte Liebesbeziehungen und der ständige Überlebenskampf haben sie hart werden lassen. Gleichzeitig hat sie sich ihre Spontaneität bewahrt. Und ihre Liebe, die ganz auf ihren kleinen Bruder gerichtet ist. Sie ist weit davon entfernt, den palästinensischen Widerstand, die Intifada - verkörpert in der Person ihres Zwangsgastes Husam - zu idealisieren. Doch auch sie verspürt die Anziehungskraft des jungen Kämpfers.

Husams Tante, Sitt Sakija, repräsentiert die traditionelle Frauenrolle. Ihr Beruf als Hebamme erlaubt ihr Einblick in die Verhältnisse nahezu aller Häuser des alten Viertels von Nablus. Sie liebt ihren Beruf, doch ihr eigentliche Fürsorge, ihre Liebe gilt ihrem Neffen. Für ihn, den Kämpfer und Träumer, hat sie ein Mädchen im Auge wie die reizende Samar.

Mit dem Buch Das Tor stellt Sahar Khalifa erneut eindeutig die Perspektive der Frau in den Vordergrund. Sie scheut sich jedoch nicht, diesen Roman einem Mann - »Er der sich sehnt nach Horizonten« - zu widmen. Doch damit hat sie nicht etwa den Mann in den Mittelpunkt gerückt. Nicht länger ist er der Fixstern, um den die weiblichen Planeten kreisen. Nahezu ausgebrannt ist er, verletzt, flügellahm. Mithin lässt sich das Verhalten der Protagonistinnen nicht auf die traditionelle Rolle der arabischen Frau und Mutter reduzieren, deren einzige Sorge der Familie, dem Manne gilt. Es deutet vielmehr auf die Vielschichtigkeit der Beziehungen zwischen den Geschlechtern, auf die gegenseitige Hilfsbedürftigkeit. Die Frau ist nicht mehr gewillt, jeden Kampf des Mannes - es sei gar der nationale Widerstand - vorbehaltlos zu unterstützen. Mit ihrem Einspruch definiert sie ihre Rolle neu. Als die erneute Auseinandersetzung gegen die Besatzungsmacht am Ende des Romans ihre Opfer fordert, sind nicht alle Frauen mehr bereit, in den Märtyrerruf »Unser Herzblut für Palästina« einzufallen. (Originaltitel: »Bab as-saha«)

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