Das Tier, das weint von Michael Kleeberg, 2004, DVA

Das Tier, das weint.
Libanesisches Reisetagebuch von Michael Kleeberg (2004, DVA).
Besprechung von Ludwig Ammann in Neue Zürcher Zeitung vom 30.06.2004:

Levante und Abendland
Michael Kleebergs Beiruter Tagebuch

Drei Wochen Beirut - mehr waren dem Berliner Autor und Übersetzer Michael Kleeberg nicht vergönnt. Sein Reisetagebuch ist kurz. Ein Buch der Erinnerungen und Abschweifungen, sagt er. Und mehr noch ein Buch, in dem der Literat sich selbst betrachtet, verwundert. Eingeladen hatte das Goethe-Institut, erst den libanesischen Lyriker und Feuilletonisten Abbas Beydoun nach Berlin und dann seinen dortigen Führer Kleeberg nach Beirut. West-östlicher Divan nennt sich dieser Austausch, und er führt zu einem einigermassen Goethe-fernen Ergebnis. Was Kleeberg in Beirut entdeckte, ist kein Orient, sondern Levante und Abendland: Man trifft sich in der westlichen Geistesrepublik, weil libanesische Intellektuelle Hegel und Pynchon kennen, ihre deutschen Kollegen aber in der Regel nicht mit Ibn Arabi und Adonis vertraut sind. Das ist so, wenn eine Kultur vorherrscht und die Neugier auf alle anderen dämpft. Selbst die Kinder Beydouns lesen seine Werke erst, wenn sie in eine Weltsprache übersetzt wurden: Arabisch ist uncool, das wird auch der Schwerpunkt der diesjährigen Buchmesse kaum ändern.

Das abgehakt, schenkt uns Kleeberg eindrückliche Porträts seiner beiden Beiruter Mentoren, des atheistischen Schiiten Beydoun und des atheistischen Christen Rachid Daif. Die Nonchalance Daifs, der ein Attentat nur knapp überlebte, kontrastiert merklich mit den Ängsten, literarischen Selbstzweifeln und spirituellen Sehnsüchten des Berichterstatters, dem derlei Kriegserfahrungen bisher erspart blieben. Kleeberg reflektiert diese und andere Erfahrungsmängel und begegnet ihnen mit listiger Selbstironie, indem er sich bei seinen Beiruter Beobachtungen dann und wann vor den Augen des Lesers der Ahnungslosigkeit überführt: Die vermeintlichen «Bonzen» entpuppen sich als Bauern, die «Drogenbarone» als Diplomaten, und die Gattin eines Vertreters der «Provinznotabeln» hat «Sein und Zeit» übersetzt.

Merkwürdig nehmen sich in der Versammlung teils kürzester Notate, teils proustscher Perioden zwei ellenlange, quälend genaue Beschreibungen von Fotografien aus, die kurz vor oder nach einem Mordanschlag entstanden. Man kann dieses fast mechanische Abtasten einer sprachlosen Oberfläche eigentlich nur als Exerzitium lesen, das auf umständliche Weise demonstriert, was Schnappschüsse jedweder Art, also auch die literarischen Impressionen eines Drei-Wochen-Gasts, nicht leisten können: vertieftes Verständnis einer fremden Wirklichkeit.

Eben darum verzichtet Kleeberg auf derlei Fototapeten und konzentriert sich auf das, was ihn berührt. Zum Beispiel die Katzen von Beirut: Nach Tagen der Blindheit für ihr Dasein entdeckt er plötzlich auf Schritt und Tritt eine einzigartige Stadtguerilla und beginnt mit der Arbeit, schaut und beschreibt die Einzelkämpfer in ihrer faszinierenden Vielfalt. Und noch ein Einzelkämpfer wächst ihm ans Herz, der Programmassistent des Goethe-Instituts, Yussuf Assaf, der das verlassene Institut als «Eingeborener» im Krieg unter Lebensgefahr offen hielt. Ihm und seiner deutschen Frau setzt er am Ende ein Denkmal. So dankt dieses unprätentiöse, manches erhellende Gelegenheitswerk zu guter Letzt denen, die den West-östlichen Divan wirklich leben.

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