Das Streichelinstitut von Clemens Berger, 2010, WallsteinDas Streichelinstitut.
Roman von Clemens Berger (2010, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Peter Pisa aus Kurier, Wien vom 19.5.2010:

Ein Streichelinstitut mitten im Siebenten
Nach seinem Roman kann es nicht lange dauern, und es sperrt tatsächlich ein Institut auf, in dem gestreichelt wird: Autor Clemens Berger im Interview.

Was würde besser in die Mondscheingasse im siebenten Wiener Bezirk passen als ...
"Fehlen Ihnen Nähe, Zärtlichkeit, sanfte Berührung? Severin streichelt in der Mondscheingasse. Keine Berührungen unter der Gürtellinie" (Inserat). Man könnte meinen, das "Streichelinstitut" gibt's wirklich. Aber bisher ist es nur ein Roman des 31-jährigen (nahe der Mondscheingasse lebenden) Burgenländers Clemens Berger.
Der endgültige Beweis, dass er erzählen kann wie ein Alter. Zärtlich erzählen: Er berührt die taktilen C-Nervenfasern, die auch beim Streicheln stimuliert werden, wohlige Wärme erzeugen und uns gelassener machen.
Klug erzählen: Denn freilich merkt man, dass hier Kritik geübt wird am Kapitalismus, am Wellness-Boom und überhaupt.
Institutsgründer Sebastian (Severin ist sein "Künstlername") war einmal ein ganz linker Philosophiestudent. Strebt er nach Höherem? Unsinn. Er braucht Geld für Miete und guten Wein. Seine Idee schlägt beim traurigen Bürgertum voll ein. Der erste Kunde ist ein Ministerialbeamter. Der Letzte, der ihn gestreichelt hat, war sein Vater. Kann Severin das Gefühl zurückholen? 75 Euro kostet die Dreiviertelstunde.
Er kann sogar die Yoni-Massage. Die findet im Intimbereich statt; und schon sind wir beim Sex , und die Komplikationen können beginnen.

KURIER: Ist es verwerflich, fürs Streicheln Geld zu verlangen?
Clemens Berger:
Verwerflich nicht, aber symptomatisch für die Zeit, in der wir leben, in der alles zur Ware wird, auch das, was eigentlich der oder die Nächste tun sollte: streicheln, in dem Fall.

Was hat Sie zu dem Thema geführt?
Sagen wir so: Ich dachte, es wäre schön, wenn es ein Streichelinstitut gäbe. Dann wären die Menschen entspannter und glücklicher - und wir hätten es alle ein wenig leichter.

Weil Sie sich intensiv damit beschäftigt haben: Gibt es eine Stelle, wo Streicheln ganz besonders entspannend ist?
Die Regionen unterhalb der Gürtellinie - habe ich gehört. Jene Regionen also, die Sebastian laut Institutsstatut ausspart. An den Schläfen soll es auch sehr angenehm sein. Aber ich kenne mich da nicht so aus.

In Ihrem vergangenen Roman knöpften Sie sich ein Hot-Dog-Wettessen in Tokio vor, jetzt einen Streichler - suchen Sie sich Skurriles aus, weil Sie selbst es nicht so sind ?
Meine Geschichten sind weniger skurril als symptomatisch. Die Wettesser und das Wettessen gibt es tatsächlich, Millionen Menschen verfolgen es im Fernsehen, ein Streichelinstitut würde gut funktionieren. Ist das skurril, traurig, erschreckend? Das ist die Welt, in der wir leben!

Eine lohnende Welt - für Schriftsteller?
Zumindest für die, denen es nicht bloß um den eigenen Nabel geht. Ich will so nah wie möglich am Heute, seinen Widersprüchen und Fallstricken schreiben - und eine andere Sicht darauf ermöglichen. Anderes lohnt vielleicht mehr, aber etwas Anderes will ich nicht.
Manchmal wünscht man sich beim Lesen, Clemens Berger möge seinen Severin zwischendurch härter zupacken lassen. Nicht zwicken. Das ist was für andere Autoren. Aber ein bisschen kneten vielleicht.
Denn nur angenehm, das ist anstrengend. Man könnte zu dösen beginnen und etwas versäumen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]

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