Das stille Mädchen von Peter Høeg, 2007, Hanser1.) - 2.)

Das stille Mädchen.
Roman von Peter Høeg (2007, Hanser -
Übertragung Peter Urban-Halle)
Besprechung von
Paul Jandl in Neue Zürcher Zeitung vom 3.2.2007:

Schlafes Schwester
Peter Høegs esoterische Krimiparabel «Das stille Mädchen»

Peter Høegs Roman «Das stille Mädchen» beginnt nicht auf Seite eins. Er beginnt vor zehn Jahren. Das von der Kritik nicht gerade geliebte Buch «Die Frau und der Affe» hatte der dänische Schriftsteller damals noch abgeliefert, dann verschwand er. Man wollte ihn kurz in Supermärkten gesichtet haben und auf Schiffen, man lauerte ihm auf und entdeckte seine Spuren bei einer dänischen Sekte, die auf einer kleinen Insel lebt. Geschwiegen, so viel ist klar, hat der weltberühmte Schriftsteller mit den Millionenauflagen ziemlich lange. Mit dem «Stillen Mädchen» beendet Høeg all die nachrichtenlosen Jahre. Botschaften hat der neue Roman wahrlich genug.

Dass «Gott die Herrin», wie die höhere Instanz des Romans heisst, «einen jeglichen Menschen in seiner eigenen Tonart gestimmt» hat, ist die Prämisse von Peter Høegs neuem Buch. Einer nur kann diesen inneren Klang hören, und das, weil er in seiner Kindheit einen Unfall hatte. Kasper Krone heisst nicht nur wie die Zirkusdynastie, er ist auch weltberühmter Clown in einer solchen. Mit Charlie Rivel und Grock ist er aufgetreten, und er arbeitet als Musiktherapeut mit Kindern. So lernt er Klara Maria kennen, das «stille Mädchen» mit den übersinnlichen Fähigkeiten, das bald gemeinsam mit einem anderen Kind verschwindet.

Das Zeug zum Bond

Entführt oder nicht? Man weiss es nicht genau. Jedenfalls beginnt eine Jagd durch Kopenhagen, die das Zeug zum James Bond hat. Kasper, seinerseits von den Steuerbehörden verfolgt, sucht nach dem Mädchen und einem Knaben. Die rastlose Fahrt geht durch fragwürdige orthodoxe Nonnenkloster, durch Kliniken und die dänischen Steuerbehörden. In ihren gepanzerten Büros sitzen Immobilienhaie, und unter der Stadt gurgelt ein Hightech-Abwassersystem, das bald zum unterirdischen Zentrum des Romans wird.

Dem sanften Titel des Buches zum Trotz gibt es ordentlich Hauen und Stechen. Dafür sorgt ein illustres Personal. Es treten auf: ein beinamputierter Rallyefahrer, zwielichtige Aristokratinnen, Nonnen von androgyner Sinnlichkeit und triefäugige Bösewichter. Immer wieder gibt es Showdown am Öresund. Ist Kasper Krone angeschossen und blutüberströmt, macht er sich trotz Hand- und Schädelbruch vom Schauplatz und kämpft unbeirrt weiter als Märtyrer des Guten.

Bei Peter Høeg gibt es eine gemeinsame Geschäftsgrundlage von Krimihandlung und Esoterik. Sie lautet: Vermeide Fragen nach dem Warum. Je unglaublicher die Situationen sind, in denen sich sein Personal wiederfindet, umso munterer werden auch die transzendentalen Einschübe, mit denen Høeg seinen Roman versorgt. Wie in einer zweiten Tonspur und in harter Konkurrenz zum Getöse des Krimis will der dänische Autor wohl das zur Sprache bringen, worum es ihm in seiner grossen Parabel ja eigentlich geht. «Gott Herrin, lass mich mein Herz offenhalten und verleihe mir Kraft, dem primären Licht zu begegnen!», betet Kasper Krone. Die Gestalten sekundärer Finsternis werden am Ende nicht obsiegen, so viel sei verraten.

Vieles wieder da

Ein Clown und zugleich ein Schmerzensmann ist dieser Kasper Krone. «Du hast etwas vom Erlöser», heisst es einmal. Es gibt im Roman eine Maria und einen Josef, der im Nachnamen aber Kain heisst. Über Kopenhagen kommt ein Erdbeben, das womöglich die übersinnlichen Kinder ausgelöst haben, und die Sintflut. «Das stille Mädchen» ist ein interreligiöses Aufeinandertreffen der Konfessionen und der Geschlechter, des Guten und des Bösen. Die Zivilisation wird mit einer antirational verbrämten Ökokritik konfrontiert.

Die Anklänge an «Fräulein Smillas Gespür für Schnee» sind deutlich. Von der Suche nach einem Kind über den Willen zur Weltverbesserung bis zu einer im Romanpersonal wirkenden Geodätin ist vieles wieder da. Ging es in «Smilla» um die Wahrnehmung der Zeit, so ist es im «Stillen Mädchen» der Klang, um den sich alles dreht. Wenn Høegs grosser Erfolgsroman beim Publikum wie bei Kritikern gleichermassen angenommen wurde, so ist das neue Buch, das von Patrick Süskinds «Parfum» und von Robert Schneiders «Schlafes Bruder» etwas hat, letztes Jahr bei seinem Erscheinen in Dänemark ziemlich durchgefallen.

Man kann dem Roman seine hanebüchene Handlung ebenso vorwerfen wie seine esoterischen Meinungen. Aber was soll's. Mögen sich die Räucherstäbchen daran entzünden. Kitsch? Geschenkt! Was man gegen Høegs jüngstes Werk vor allem aber einwenden kann, ist sein Scheitern in einem wesentlichen Punkt. Der Roman will ein Buch über das absolute Gehör sein, aber er trifft keinen Ton. Seine im Stakkato daherkommende Sprache ist hölzern und blutarm. Leider hilft ihr da die deutsche Übersetzung von Peter Urban-Halle auch nicht auf.

Høegs Roman ist in stereotypen Formeln und Szenen erstarrt. Wieder und wieder beschreibt der Autor den Klang von Räumen und den Ton der Menschen. Nein, er beschreibt nicht, und er erzeugt keine Atmosphäre, er stellt nur fest: «Ein Aspekt von a-Moll breitete sich aus» oder «Es war ein d-Moll in seiner schlimmsten Form». Das Buch handelt von den Sinnen, und es hätte sinnlich sein können. In ihm wären vielleicht die Harmonien und Disharmonien einer Kopenhagener Welt oder sogar der ganzen Welt zu einem grossen Konzert ineinander geflossen.

Seminar für Akustiktechniker

Stattdessen fühlt man sich über 460 anstrengende Seiten lang wie in einem Seminar für Akustiktechniker. Das ganze Gerede vom absoluten Gehör und vom Klang, der in den Menschen und Dingen steckt, bleibt im Roman reine Behauptung: «Die Idylle war dabei, sich zu verdichten, bald würde sie eine Oktave springen und zerfallen.» Wenn es an dieser Stelle der Handlung denn irgendwo eine Idylle gegeben hat, sie würde nicht nur in Oktaven davonspringen. So geht es dahin, rätselhafter Synkretismus statt Synästhesie. Satz auf Satz könnte man zitieren, weil man sich über den aufgeblasenen Stil von Høegs Pseudogelehrtheit ärgert. Eine Szene spielender Kinder klingt im Roman so: «Spielen ist ein Interferenzphänomen. Zwei spielende Kinder sind eine ausbalancierte binäre Opposition. Drei Kinder bilden einen eher fliessenden, aber auch dynamischeren Einklang.»

Peter Høeg mag ein freundlicher Mensch sein, der sich Gedanken über mitmenschliche Verhältnisse macht, zum gelehrten Dichter aber ist er nicht geboren. Der Bildungsballast, der sich merksatzartig in die Seiten drängt, ist schwer verdaulich. Es ist eine Mischung aus verbogenen Kierkegaard-Zitaten, aus Meister Eckhart, Rudolf Steiner und C. G. Jung. «Sie war eine Projektion jenes Teils des Archetypus ‹böser Mutter›, den er noch nicht integriert hatte», heisst es da.

Inflationär ist das Bekenntnis zur Musik Johann Sebastian Bachs. Seine Partiten, die Kantaten und der «Actus tragicus» werden als Kronzeugen für die Macht des Klangs berufen. Eine saloppe Kumpelei zieht den Komponisten noch in die abenteuerlichste Handlung hinein: «Bach hätte es auch so gemacht.» Bach hätte es nicht so gemacht. Im Gegensatz zu dessen Werk fehlt dem von Peter Høeg zumindest die Klarheit. Im «Stillen Mädchen» findet sich die Urszene aller esoterischen Verblasenheit. «‹Ich habe immer nach etwas gesucht›, sagte er. ‹Und hat sie es?› Er schüttelte den Kopf. ‹Sie ist neun Jahre alt. Aber sie weiss etwas. Wo man es finden kann.›» In diesem Dialog steckt fast schon der ganze neue Roman von Peter Høeg.

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Das stille Mädchen von Peter Høeg, 2007, Hanser2.)

Das stille Mädchen.
Roman von Peter Høeg (2007, Hanser -
Übertragung Peter Urban-Halle)
Besprechung von Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau, 10.2.2007:

Die neue Entschlossenheit

Als 1994 Fräulein Smillas Gespür für Schnee auf Deutsch erschien, war das Buch der reinste Virus. Jeder las es ganz schnell und reichte es dann mit sehnsüchtigem Lächeln weiter. Anfang der Neunziger, das war die Zeit, als man noch nicht gewohnt war, "Deutschland" zu sagen, als man auf dem Balkon rauchte, einen festen Job hatte, keine Kinder und Zeit genug, die eigene Wurzellosigkeit zu bedauern. Will sagen: Fräulein Smilla traf damals einen Nerv. Die schroffe, unabhängige Mathematikerin aus Kopenhagen, die sich aufmacht, den Tod eines Nachbarjungen aufzuklären und dabei nicht nur ein groß angelegtes Verbrechen gegen Umwelt und Menschlichkeit entdeckt, sondern auch ihre Identität als Tochter einer Inuit. Am Ende stapft Smilla durch den grönländischen Schnee, desillusioniert, ohne Rückhalt und Zukunftssicherung - aber endlich angekommen. Der 1957 geborene Peter Høeg galt damals als Wesentlichkeits- und Spannungsschriftsteller, er war ein Star.

Es folgten Plan von der Abschaffung des Dunkels (1995) und Die Frau und der Affe (1996), die beide schon nicht mehr glücklich machten. Ersteres war zu gedankenhuberisch, letzteres zu naturromantisch. Dann verebbte die Buchproduktion des ehemaligen Matrosen und Tänzers, er widmete sich seiner Familie, arbeitete im jütländischen "Wachstumszentrum" des Psychologen Jes Bertelsen an seiner spirituellen Entwicklung und ließ sich für den nächsten Roman insgesamt zehn Jahre Zeit.

Im vergangenen Sommer war es so weit. Den stille pige erschien, ein dickes Buch, das sofort in Stapeln direkt neben den Kassen aufgeschichtet wurde, und das jetzt, nach nur acht Monaten, schon in der Übersetzung von Peter Urban-Halle auf Deutsch vorliegt. Das stille Mädchen von Peter Høeg. Wieder gibt es besondere Begabungen, wieder wurde einem Kind etwas angetan, das nach Aufklärung verlangt und wirtschaftskriminelle Hintergründe hat, wieder geht es darüber hinaus um eine innere Suche, wieder werden alle paar Textmeter wissenschaftliche Ausführungen eingestreut.

Neu ist die Entschlossenheit zum Religiösen, neu ist die Verherrlichung des weiblichen Prinzips, ein geradezu pathetischer Feminismus, neu ist die Hysterie, mit der alles bis an die Grenze zur Satire aufgeplustert wird, und neu ist, dass die Rechnung, die Høeg hier umständlich und durchaus kopfzerbrecherisch aufmacht, am Ende zu keinem Ergebnis führt, sondern sich einfach auflöst. Nach 460 Seiten will es plötzlich keiner gewesen sein, der Protagonist hat vielleicht nur geträumt oder eine höhere Bewusstseinsstufe erreicht, was sowohl logisch als auch literarisch ziemlicher Mumpitz ist.

Es geht um den 42-jährigen Kasper Krone, einen international erfolgreichen Zirkusclown, der besser hören kann als Patrick Süskinds Monsieur Grenouille riechen. Er weiß alles über Musik und ist in der Lage, Dinge zu hören, die andere selbst mit sämtlichen fünf Sinnen gemeinsam nicht wahrnehmen können. Ob der Gegner beim Kartenspiel ein rotes oder schwarzes Blatt hat etwa. Wo in der Stadt sich jemand befindet, den er am Telefon "Hallo" sagen hört. Und was für ein Mensch der Passant auf der anderen Straßenseite ist. "Gott die Herrin hatte einen jeglichen Menschen in seiner eigenen Tonart gestimmt, und Kasper konnte sie heraushören", lautet der erste Satz.

Kasper ist in Schwierigkeiten. Zum einen droht ihm die Abschiebung aus Dänemark, weil er in Spanien wegen Steuerhinterziehung vor Gericht soll, zum anderen bekommt er - der nebenberuflich als Musiktherapeut und akustischer Berater in allen denkbaren Staatsangelegenheiten fungiert- Besuch von einem entführten Mädchen, das offensichtlich misshandelt wurde und ihn bittet, ihm zu helfen. Er kennt das Mädchen, sie hat ihn ein Jahr zuvor nach einer Vorstellung besucht und zum Grübeln gebracht, weil er sie ab und zu nicht "hören" kann, ihre Gedanken, ihre Ausstrahlung, und weil diese "Stille" ihn fasziniert und mit Sehnsucht erfüllt. In Rückblenden wird erzählt, was er damals über das Mädchen herausgefunden hat, im jetztzeitigen Erzählstrang versucht er, die Entführte zu finden. Wobei sich zeigt, dass sie nicht die Einzige ist, die diese "Stille" in sich trägt, wobei es um ein Erdbeben geht, das das Zentrum von Kopenhagen unter Wasser gesetzt hat und ein apokalyptisches Stadtgefühl erzeugt, wobei eine verlorene Liebe beschrieben und wieder gefunden wird und etliche physikalische Gesetze außer Kraft gesetzt werden.

Einem Blinden von Farbe erzählen

Weitenteils ist Das stille Mädchen ein fürchterlicher Action-Schmarren. Die Logik, die an detektivischen Handlungen sonst fasziniert, bleibt außen vor, weil Kasper Krone alles, was er wissen muss, einfach HÖRT. Die Spannung wird ausgehebelt, weil sich der Held auch mit Schädelbruch und Bauchschuss weiterhin pointensprühend und betend im immer richtigen Moment am richtigen Platz ist. Und die innere Beteiligung verpufft dadurch, dass alles Emotionale so breit eingeleitet und vorbereitet wird, als müsse man Blinden von der Farbe erzählen. Am Ende ist im Verhältnis von Kasper und dem Kind genau das eingetreten, was am Anfang unmissverständlich angedeutet wurde, die Frau, um die er nebenbei die ganze Zeit über kämpft, tut so, als hätte ER SIE nicht gewollt, die Feinde enttarnen sich als Verbündete der Freunde, und der Rest dessen, was ein Katastrophenkrimi sein könnte, löst sich in pankirchlichem Wohlgefallen auf.

Ein blutiger, selbstverliebter, in seinen Wertvorstellungen durch und durch kitschiger, wenngleich nicht ganz pointenloser Roman, den man zuweilen für die verschriftlichte Parodie eines Computerspiels hält, dann wieder für religiöses Delirieren. Dabei ist die zugrundeliegende Frage, ob physische Realität durch Bewusstsein manipuliert werden kann, wahrscheinlich vollkommen ernst gemeint. Tja. Man weiß ja nicht, was die in diesem "Wachstumszentrum", in dem Peter Høeg viel Zeit verbringt, so treiben. Aber falls es noch Hoffnung gibt, am Textkörper des Stillen Mädchens was zu drehen - Hinweis genügt, und man schaut dann vielleicht lieber später nochmal rein...

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