Das stille Haus.
Roman von
Orhan Pamuk, (2009,
Hanser - Übertragung Gerhard Meier).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 5.9.2009:
In den
Jungen, die er porträtierte, steckt immer ein Stück von ihm. In der Rolle der
Großmutter ist Orhan Pamuk, Nobelpreisträger von 2006, aber am besten.
Arzt war er. Verbannt in eine Provinzstadt, 45
Autominuten von Istanbul entfernt. Patienten hatte Doktor Selahattin bald keine
mehr: Weil er ihre Dummheit nicht aushielt. Die Bäuerinnen wollten sich oben
nicht frei machen, und mancher Kranke legte sich Kuhdreck auf die eitrige Wunde.
Hinausgeworfen hat er sie alle; und an seiner 48-bändigen Enzyklopädie
geschrieben. Ein Verstandesparadies wollte er errichten und die Türkei nach
Europa führen. "Es gibt keinen Gott", hat er gesagt, "sondern nur Wissen." Der
Tod, hat er gesagt, führe ins radikale Nichts. Die im Westen würden das wissen -
und genau das sei der Unterschied zum Orient. Seine Frau aber hat in ihm einen
Teufel gesehen und sich geärgert, dass sein Atem selbst im Schlaf nach Raki
stank.
Selahattin starb 1942. Er ist der Geist in diesem Roman. Seine böse Frau ist
offensichtlich unsterblich. Sie ist "die Großmutter", die Besuch von ihren drei
Enkelkindern bekommt. "Das stille Haus" war Orhan Pamuks zweiter Roman. 1983
wurde er veröffentlicht. Die Übersetzung kommt - viele Jahre später als in
anderen Ländern - Montag zu uns in den Handel.
Die Jungen in der Türkei mögen das Buch. Sie können sich in allen Geschwistern,
die eine Woche bei Großmutter bleiben, finden: Im von Amerika träumenden
Schüler, im alkoholkranken Historiker, in der kommunistischen Studentin ... die
hätten sich in früherer Zeit genau wie Großvater Selahattin abgekapselt.
Auch kommen besonders Privilegierte vor, die schnelle Autos haben und Wasserski
fahren.
Und, andere Straßenseite, man empfindet mit einem armen weitschichtigen
Verwandten, der für die Faschisten Schutzgeld erpresst. Der Roman spielt im
Sommer 1980: nahe am Bürgerkrieg und vor dem Militärputsch.
Abwechselnd wird aus fünf Perspektiven erzählt und die
Handlung sehr langsam vorangetrieben. Innere Monologe und äußere Dialoge greifen
ineinander. Denkt und spricht die Großmutter, ist Orhan Pamuk atemberaubend gut.
Obwohl es ein Frühwerk ist: 31 war er, als das Buch - trotz Großvaters
Religionshass - durch die Zensur kam.
Man versteht, was passiert. Aber "Das stille Haus" sagt noch viel mehr übers
Verlorensein. Ob wir das Philosophieren zur Gänze hören können, ist zu
bezweifeln. Sicher bleibt Selahattins Liste, wovon es zu wenig gibt auf der
Welt, im Kopf hängen: Hüte, Malerei, Schach.
Und zu viel? Angst, Knoblauch und Zwiebel.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]
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