Das Sternbild versingt.
Gedichte von Christian Uetz (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Michael Braun in Neue Zürcher Zeitung vom 5.06.2004:

Wörterbesessenheit und Existenzfieber
Christian Uetz' Liebespassion «Das Sternbild versingt»

Es war bisher das Vorrecht der Philosophie, sich in unendlicher Reflexion mit den quälenden Paradoxien des Daseins zu beschäftigen. Anfang des 20. Jahrhunderts hat man solchen Denkern den problematischen Ehrentitel «Existenzialisten» verliehen. «Existieren», so hat einer von ihnen, der Franzose Jean Wahl, gesagt, «das bedeutet: wählen; leidenschaftlich sein; werden; vereinzelt und subjektiv sein; sich unendlich um sich selbst sorgen; sich als Sünder wissen; vor Gott stehen.» Diese bis ins Ausweglose gehende Arbeit der Existenzerkundung führt nun seit einigen Jahren Christian Uetz fort. Er vereinigt in sich alle Tugenden eines poetischen Existenzialisten: Leidenschaftlichkeit, Subjektivität, inständige Selbsterforschung und die Frage nach dem Göttlichen. Uetz, selbst studierter Philosoph, ist ein Mann aus Wörtern und Obsessionen, ein moderner Meister Eckhart der atemlosen Sprach-Exaltation, der ständig nach innen horcht, in den Klangleib der Wörter, um dem «Wortwahn» auf die Spur zu kommen.

Ein Dichter der Negationen

Wer eine Performance von Christian Uetz erlebt, der erliegt zunächst einem Rausch an konvulsivisch herausgeschleuderten Wörtern, einer Monomanie des auswendigen, sich unablässig dynamisierenden Rezitierens. Die gelegentlich an der «experimentellen» Heftigkeit des Autors geübte Kritik bleibt blind gegenüber dem realen «Existenzfieber», das diese Texte antreibt und Uetz wie einen fast schamanistischen Wörterzauberer erscheinen lässt.

Seine sprachverrückten Texte erhitzen die Philosophien Sören Kierkegaards, Friedrich Nietzsches und Martin Heideggers bis zu ihrem Siedepunkt - mit Hilfe einer renitenten, gegen konventionelle Semantik rebellierenden Textbewegung. Wer mit den Verknotungen von Uetz' lyrischem Existenzialismus in Berührung kommt, der trifft alsbald auf das Sein und die Zeit, vor allem aber auf das Nichts und den Tod. Das «Nicht» und das «Nichts» - sie sind der Ausgangs- und Endpunkt all seiner Sprachexerzitien.

Christian Uetz ist ein Dichter der Negationen, der die positiven Setzungen dessen, was der Fall ist, so lange demontiert, bis am Ende selbst die schlichteste Wahrheit ihre Antithese erfährt. «Und genau im Nichts des Worts ist die Nichtexistenz verfügbar. Doch geschrieben oder gelesen oder gedacht ist es wie den Tod anderer sehen, nicht aber selber erfahren, solange ich nicht selber tot bin. Es geht aber ums Leben, und es kommt vom Wort. Ich komme ums Leben, wenn ich nicht zu Wort komme.»

Wie sehr dieser Dichter der Leidenschaft der Negation verfallen ist, zeigen ja schon die Titel seiner Bücher: «Zoom Nicht» heisst ein Band, «Nichte» ein anderer. Und auch in der Markierung seiner Individualität durchkreuzt sich dieser Autor selbst: «uetznicht» lautet die Signatur seiner digitalen Adresse.

In seinem neuen Buch, «Das Sternbild versingt», entzündet sich sein poetisches «Existenzfieber» an zwei grossen Themen: In zwei langen philosophischen Monologen, die wie ein Prosagedicht strukturiert sind, nähert sich Uetz dem Verhältnis zwischen der Sprache und dem Heiligen und den Beziehungen zwischen «Wortwahn» und «Liebeswahn». Dieser metaphysischen Abteilung stehen zwei Kapitel mit zyklisch ineinander verwobenen Gedichten gegenüber, deren Titel «Minne Sang» und «Ein Engel in meinem Bett» bereits signalisieren, wohin die Erkenntnisreise geht: hin zu einer Sprache der Liebe - und natürlich auch der Nicht-Liebe. Hier sind es mehrfach Zitate von Paul Celan, die das Poetische in Bewegung setzen. Ein Gedicht beginnt mit der Zeile: «DU UNENDLICHSPRECHUNG von lauter Nichts und wieder Nichts». Natürlich wird hier Celans Definition der Dichtung als einer «Unendlichsprechung aus lauter Sterblichkeit und Umsonst» zitiert. Hier klingt in einer Vokabel wie «Dornbuschkrone» auch jene religiöse Motivik an, die bei Uetz im «Sternbild» so intensiv bearbeitet wird wie nie zuvor in seinem Werk. Als Celan-Paraphrase darf auch die Beschwörung des Namens «Sulamith» gelten - bekannt aus der «Todesfuge» -, der hier in einen poetischen Diskurs über Gott und Eros eingebunden wird: «AN DIR lade ich mich mit Lust auf, Dynamit. / Aneinander laden wir uns mit Lust auf, Sulamith; / und an der Sexschuld explodieren wir aus. / An der Gottschuld brennen wir aus.»

Passion und Obsession

Eine kleine Schwäche befällt den Autor nur dann, wenn er sich allzu willig den Lockwörtern des Minnesangs überlässt: der «Sehnsucht» und der «Liebe». Sie werden mitunter etwas devot als Zauberwörter aufgerufen, was den Texten ihre Widerständigkeit nimmt. Es droht Sentimentalität, die der Existenzerkunder Uetz zuvor so gründlich verscheucht hatte. Aber auch die Liebesgedichte im «Sternbild» beginnen im Uetz'schen «Sternbild» zu leuchten - wenn sie sich auf die Kraft der Negation besinnen. Eins der schönsten Liebesgedichte der mittelhochdeutschen Lyrik, berühmt durch die Zeilen «dû bist mîn, ich bin dîn», verwandelt Uetz in ein anrührendes Bekenntnis des Misslingens: «Du bist nicht mein, ich bin nicht dein: / Des sollst du gewiss nicht sein.»

In einem anderen Gedicht des «Sternbild»-Bandes findet sich das Schlüsselwort, mit dem sich die existenzialistische Dichtkunst des Christian Uetz am besten charakterisieren lässt - das Wort «Passion»: «Passion ist das Wort, / welches das Wort Krankheit und Verstörtheit / und Lächerlichkeit und Peinlichkeit und Obsession erlöst / in das Wort Passion.» Die Passion des Christian Uetz, die seine von inneren Spannungen, Ambivalenzen und Antithesen bebenden Sprachkörper hervorbringt, verlangt indes nicht nach Heilung - sondern nach Wiederholung.

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