1.) - 2.)
Das sterbende Tier.
Roman von Philip
Roth, (2003,
Hanser).
Besprechung von Anita Pollak im Kurier, Wien,
1.2.2002:
Das Alter hat
Philip Roth nicht milder gemacht. Eher wilder, wenn das noch möglich ist. Seine
Helden, ihm biografisch stets dicht auf den Fersen, waren immer vor allem –
Männer. Alexander Portnoy, Nathan Zuckerman und nun David Kepesh.
Roth wird im März 70, Kepesh ist genauso alt, wenn die rückblickende
Erzählung einsetzt, die sich an ein fast stummes Gegenüber wendet, eine neue
Variante der alten Geschichte vom alten Mann und dem jungen Mädchen, die
Geschichte einer Leidenschaft – eine Leidensgeschichte.
Auch seinen Lesern, die Roth und seinen Helden auf allen Abwegen bisher
freudigst gefolgt sind – niemand erwartet sich von ihm ein jugendfreies Buch
– ist dieses Thema mit Variationen nicht ganz neu.
Dirty Old Man
Sie kennen seine Vorliebe für körperliche Phänomene aller Art, die
Empfänglichkeit für weibliche Schönheit, eine gelinde Untertreibung
für die Obsession, die seinen Kepesh beim Anblick der Brüste einer
24-Jährigen erfasst. Und dass es gerade die Brüste sind, soll zum Schluss noch
eine tragische Bedeutung bekommen.
Dabei ist der 62-jährige prominente Kulturkritiker und Professor ohnehin
chronisch hinter seinen Studentinnen her. Der schönen Consuela Castillo,
Tochter reicher Exil-Kubaner, verfällt er aber bis zur Besessenheit.
Der große Propagandist des Vögelns, so die Selbsteinschätzung eines
zuweilen dirty old man, leidet sogar im Bett mit Consuela an unstillbarer
Sehnsucht, Eifersucht und dem bis dahin unbekannten Gefühl, unterlegen zu sein.
Sein Selbstbewusstsein möbelt er zwischendurch bei einer neu belebten Affäre
mit einer nur 20 Jahre jüngeren Geliebten wieder auf.
Dass es kommt, wie es kommen muss, schließlich erzählt Roth ja keine Märchen,
ist von Anfang an klar. Da liegt das Verhältnis mit Cosuela bereits Jahre
zurück, aber Kepesh, der an dessen Ende nicht ganz unschuldig war, leckt noch
immer lustvoll-leidend seine Wunden.
Wie waidwunde Männer mit ihren Verletzungen umgehen, gerade das kann Roth so
unvergleichlich schildern. Hat man sich in seinen letzten großartigen Romanen
bereits damit abgefunden, dass Nathan Zuckerman vor allem mit seiner Prostata
beschäftigt war, ist man jetzt unvermutet wieder mit einem virilen Jäger
konfrontiert.
Als Intellektueller erhebt Kespesh Sex zu seinem chaotischen Lebensprinzip. Sex
ist das, was unser normalerweise geordnetes Leben in Unordnung bringt. Aus
dieser Perspektive blickt er zurück auf die sexuelle Revolution der 60er Jahre,
straft Tugendbolde wie seinen Sohn mit Verachtung, erfreut sich spöttisch an
ihren Fehltritten und erteilt der kindischen Zweierbeziehung eine Absage.
Der zornige alte Mann, der sich aufbäumt gegen die puritanische Spießerwelt,
das wäre Roth at his best. Diesmal ist er eher larmoyant geraten, altersgeil
und voyeuristisch beoachtet er „Das sterbende Tier“ in sich selbst.
Natürlich, wenn Genuß, Erfahrung und Alter Themen sind, die Sie nicht mehr
interessieren ... Dann denken Sie über mich, was Sie wollen, aber warten Sie
bis zum Ende.
Und dieses Ende ist gar so traurig, weil’s gar so schrecklich traurig ist.
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2.)
Das sterbende Tier.
Roman von Philip
Roth, (2003,
Hanser).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ
vom 4.3.2003:
Eine
eitle Beichte
Kurzatmige Altmännerphantasien: Philip
Roth enttäuscht mit dem "Sterbenden Tier".
Das Alter ist das einzige Stadium des Lebens, das man von außen betrachten kann, während man sich darin befindet. Denkt Prof. David Kepesh, und lange wird er sich sicher fühlen damit. Für arrogant und egoistisch halten ihn die Zeitgenossen. Doch die sind jünger und dümmer. Es geht nicht um sie. Es geht um David Kepesh.Nur einer wird ihn am Ende verstehen. Es ist der, dem er diese resignierte, sexistische, eitle Lebensbeichte erzählt hat. Der ist im Dunkeln geblieben und meldet sich nur ganz am Schluss zu Wort. "Tun Sie´s nicht", sagt er, als der 70-Jährige sein Leben ändern will, "wenn Sie gehen, sind Sie erledigt." Wir dürfen unterstellen, dass die Geschichte auf diesen Rat hin geschrieben ist. Alles soll bleiben, wie es war, denn es gilt etwas zu verteidigen gegen den Triumph der Trivialisierung, gegen das Umschlagen von Sex in Liebe, von Liebe in Mitleid.
Der Dozent für praktische Kritik
Professor David Kepesh ist Dozent für praktische Kritik und Professor der Begierde. Als solchen kennt man ihn aus früheren Philip-Roth-Romanen. So schließt der nun fast 70-Jährige einen Kreis. Er schließt ihn mit dem Traktat eines Sex-Maniaks. Er schließt ihn nicht wirklich, denn dieses Opus bleibt deutlich zurück hinter seiner grandiosen und immer wahrer werdenden Amerika-Trilogie. Das neue Buch reißt die US-Problemfelder Kuba, sexuelle Revolution und Kultur contra Schwachsinn nur an, um den Leser damit allein zu lassen. Es wirft Metaphern- und Motivgeflechte aus, um sie irgendwie zusammenzuzurren. Vor allem aber ist die epische Breite der Kurzatmigkeit von Altmännerphantasien gewichen.So muss Professor Kepesh eine wie Consuela Castillo passieren. Sie ist 24 und anders als die andern. Er ist 62 und außer sich seitdem. Sie ist die Tochter aristokratischer Revolutionsflüchtlinge aus Kuba. Es ist wie in Modiglianis Gemälde: "Da liegt sie, eine lange, geschwungene Linie, geduldig wartend, still wie der Tod." Der Tod ist bezwungen, solange junge Frauen noch erreichbar sind. So einfach war das bisher. So kompliziert ist das jetzt, denn Consuela hat Krebs: Das sterbende Tier aus Kuba. Und irgendwo anders hockt in sich versunken die alte amerikanische Kulturinstanz, "krank vor Begehren". (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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