Das starke Geschlecht von Hans Werner Kettenbach, 2009, DiogenesDas starke Geschlecht.
Roman von Hans Werner Kettenbach (2009, Diogenes).
Besprechung von Helmut Schönauer , 28.12.2009:

Das starke Geschlecht
Die Altersgeilheit geht oft seltsame Wege, am ehesten erkennt man sie daran, dass sie sich an Kleinigkeiten aufhängt.

Hans Werner Kettenbach erfindet einen geradezu minimalistischen Plot, um zu zeigen, wie das sogenannte starke Geschlecht am Ende seiner Tage noch einmal ausrastet, ehe es dann still ausgeistert.

Erzähler des Falles ist ein junger Anwalt, der sich mit alten Leuten herumschlagen muss. Der Inhaber der Kanzlei ist ein alter Mann, der aber noch allerhand Tricks drauf hat. Der Mandant ist ein erfolgreicher Ventil-Hersteller, der wegen einer Kleinigkeit noch einmal das Leben aufrollt. Und dann gibt es noch die Frau des Unternehmers, eine Malerin, die die gnadenlose Erotik jenseits der Siebziger ausspielt.

Der Erzähler muss einen ziemlich ungünstigen Fall übernehmen, der Unternehmer hat nämlich seine Ex-Geliebte gekündigt, weil sie gegen seinen Willen Urlaub genommen hat und alles mit einer Krankheit getarnt hat. Während der Anwalt ermittelt und sich für den Gerichtstermin vorbereitet, schießen allen noch einmal die Säfte in die Blutbahn.

Eine durchgehende Eifersucht zieht sich durch die Szenerie, wer ist alt, wer attraktiv, wer lässt jemanden stehen, wer zahlt eine Entschädigung? Sogar die Verlobte des Anwalts fängt zwischendurch zu spinnen an und glaubt an Intrigen der alten Herzensbrecherinnen und -brecher, als scheinbar unauffällige Schachpartien das Brett verlassen und im Bett enden.

Dabei hat der Unternehmer ausgeprägte Parkinsonsymptome, aber einmal wollte er es eben noch wissen, und von der lächerlichen Kündigung seiner Ex-Geliebten hangt schließlich sogar das ganze Leben ab. „Den germanischen Treuebegriff, den kennst du. Aber nicht das Messer, das irgendein Drecksack dir in die Brust gepflanzt hat. Unter freundlicher Mitwirkung deiner Frau. Und das sie gemeinsam jetzt umdrehen, langsam. Jeden Tag eine kleine Drehung weiter.“ (331)

Der alte Mann ist schwer verletzt, erzählt noch ein paar ungeklärte Geschichten aus seiner Kindheit, ehe er dann beim Gerichtstermin völlig durchdreht und die Verhandlung vollends zu seinen Ungunsten dreht.

Allmählich dämmert dem Erzähler, dass hier jemand noch ans große Reinemachen seiner Seele denkt, ehe dann alles in einen Vergleich endet. Pflichtgemäß stirbt dann auch der Unternehmer, vermutlich menschlich gereift, weil er doch noch dem starken Geschlecht abgeschworen hat.

Hans Werner Kettenbach erzählt in Gestalt eines Anwalts-Krimis vom unausweichlichen Altern der ehemals herrschaftlichen Herren. Die Erotik ist eine verlässliche Partnerin des Todes. Sie kommt noch einmal in voller Schwülstigkeit ans Bett, ehe sie dann doch dem Tod den Vortritt lässt. Ein reifer, langsamer aber doch furchtbar wahrer Roman, der nichts beschönigt, aber auch nichts lächerlich macht.

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