Das Städtchen von Hans Adler, 2009, LilienfeldDas Städtchen.
Roman von Hans Adler (2009, Lilienfeld Verlag).
Besprechung
von Jule D. Körber in globe-M, 13.01.2010:

Österreichisches Provinzpanorama um 1926
Hans Adlers einziger Roman „Das Städtchen“ ist eine der Wiederentdeckungen des Jahres

Vorm Theater „zogen Damen die kotbespritzten Röcke hoch und lachten“ und auf dem Rathausplatz mustert ein Wachmann „ein paar Schulkinder, die anscheinend vergnügt mit den Schuhabsätzen sinnvolle Kanalsysteme durch den Kot zogen“. Kot auf den Straßen in dem Provinznest und in der Luft? „Ein zäher, gelber Nebel,dessen Feuchtigkeit mit Braunkohlenruß und chemischen Substanzen gesättigt war, lagerte in den letzten Oktobertagen drohend und ungesund über der kleinen Stadt, bestrich das Pflaster mit glitschiger Nässe, verschlang die Sonne und ließ abends die Gaslaternen der kommunalen Straßenbeleuchtung als grüne Irrlichter auftauchen und jäh verschwinden. Nun begann es noch zu regnen.“ So heißt es am Anfang von Hans Adlers einzigem Roman „Das Städtchen“, den der Independent-Verlag Lilienfeld neu herausgegeben hat. Der Roman ist 1926 erstmals erschienen und erhielt ein Jahr später den Künstlerpreis der Stadt Wien.

Der 1880 in Wien geborene Autor Hans Adler war zunächst Jurist und schrieb gleichzeitig Gedichte, die durch Veröffentlichung im „Simplicissimus“ so beliebt waren, dass er – krankheitsbedingt in den Juristen-Ruhestand versetzt – sich ganz dem Schreiben widmen konnte. 1920 wurde sein Gedichtband „Affentheater“ veröffentlicht, etliche Opernlibretti und Theaterstücke folgten. Ein Roman wie ein Theaterstück „Das Städtchen“ sollte der einzige Roman bleiben und selbst diesem merkt man an, dass der Autor eigentlich für die Bühne schreibt. Und dann ist es aufgrund seines Detailreichtums doch wieder kein Bühnentext. Denn die Bühne, auf die er seine Figuren stellt, dieses k.u.k. (kaiserlich und königlich) Provinzstädtchen - man riecht es förmlich, und der Gestank, er ist kaum zu ertragen. In diesem Gestank, Dreck, Nebel, der sprachlich so genau gefasst ist, dass er sich in seiner Plastizität und atmosphärischen Dichte am ehesten mit Christians Krachts „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ vergleichen lässt, setzt Adler nun seine Figuren, die das ganze Panorama der möglichen Provinzcharaktere seiner Zeit abdecken.

Beispielweise der junge Adelige Seylatz, der es im Leben noch zu Höherem bringen wird und einen Zwischenschritt in seiner Beamtenlaufbahn in der Provinz absitzt. Bald lernt er die Gepflogenheiten der besseren Herren kennen und versteht sich darauf, die zur Verfügung stehenden Damen zu verführen. Das Gegenteil von ihm ist der als Zeichenlehrer hängengebliebene Künstler Quitek, dem einmal eine große Karriere bevorstand, der er immer noch hinterher weint. Völlig ambitionslos schleppt er sich durch das Städtchen, um am Ende elend zu sterben. Um diese Beiden herum ein Waisenmädchen, um das sich Quitek halbherzig kümmert und das sich auf eine Affäre mit Seylatz einlässt. Dann: Der reiche Bürgermeister, der regelmäßig seine Sekretärinnen schwängert und dann entlässt. Dessen lebenshungrige und schöne Tochter, die sich auf einen heruntergekommenen amerikanischen Sänger einlässt. Ziel allen Handelns: Der eigene Vorteil. Überall handeln die Figuren ähnlich, sei es im Bordell, in der versifften Kneipe oder im Stadttheater: Ziel allen Handelns ist immer der eigene finanzielle und sexuelle Vorteil. Manche der unzähligen Figuren haben damit Erfolg, richtig glücklich wird keine von ihnen. Und wie am Anfang dreht auch am Ende der Wachmann seine allabendliche Runde und wirft genau wie Adler selbst einen kopfschüttelnden und vor allem sehr genauen Blick auf die österreichische Provinz seiner Zeit.

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