Das Spionagespiel von Michael Frayn, 2004, Hanser1.) - 2.)

Das Spionagespiel.
Roman von Michael Frayn (2004, Hanser - Übertragung Matthias Fienbork).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 23.03.2004:

Mit Schuld beladen
Michael Frayns großartiger Roman "Das Spionagespiel"

Es ist viel zu grausam, als dass man es sich vorstellen wollte: Ein kleiner, ganz normaler Junge lädt eine übergroße Schuld auf sich. Stephen wächst während des Zweiten Weltkrieges in einem Londoner Vorort auf. Er hat ein Versteck in den Büschen, besteht nächtliche Mutproben und ist Keith, dem Freund aus feinerer Familie, treu ergeben. Alles, was mit dem gepflegten Hause Hayward zu tun hat, erscheint Stephen richtiger, besser. Und deshalb lässt er sich wie immer von seinem Freund zu einem neuen Spiel anstiften. Es beginnt mit Keiths Feststellung: "Meine Mutter ist eine deutsche Spionin."

"Das Spionagespiel" des Übersetzers, Dramatikers und Romanciers Michael Frayn ist eine verhängnisvolle Geschichte. Das Unheimlichste an ihr ist die Perspektive: Wir dürfen nicht verstehen. Als Leser begreifen wir die Welt Stephens genauso wenig wie er selbst, empfinden seine Zweifel, Ängste und die Gesetze seiner kindlichen Logik ebenso stark wie er. Und das, obwohl der Erzähler behutsam einführt in seine Vergangenheit. Als alter Mann, der inzwischen in Deutschland lebt, fährt Stephen zurück an den Ort seiner Kindheit und beschwört herauf, was er für seine Erinnerung hält. Versucht, sie zu bereinigen von dem, was er inzwischen weiß. Und verrät es selbst dann nicht, wenn er in die Erzählung über den kleinen Jungen die Eindrücke des wissenden, alten Ich-Erzählers Stephen einflicht.

Ein Trick, mit dem Autor Michael Frayn seinen Leser den unheimlichen Vorgängen hilflos ausliefert. Helfen würde nur Vorblättern, denn erst am Ende des Buches wird die Herkunft des Jungen erklärt, wird deutlich, warum gerade das "Deutsche" an der vermeintlichen Spionin ihn so sehr bewegt. Doch wer vorblättert, bringt sich um den Genuss der besonderen Qualität dieses Buches: den hart erkauften, geistigen und ethischen Reifeprozess dieses Jungen nachzuvollziehen, der mutig und stark sein will, aber mit allem, was er tut oder woran er scheitert, neue Schuld auf sich lädt.

"Wenn man ein Junge ist und ein Mann werden möchte, muss man sich zehnmal am Tag zusammenreißen, sich anstrengen, einen Mut zu zeigen, den man in Wahrheit nicht besitzt. Zehnmal am Tag hat man furchtbare Angst, dass man wieder seine Schwäche zeigen wird, seine Feigheit, seine allgemeine Charakterschwäche und seine mangelnde Eignung zum Mann." Und immer wieder hindert diese Angst den kleinen Stephen daran, einmal das Vernünftigste zu tun.

Harmlos beginnen die Freunde ihr albernes Spiel: Keiths Mutter, die "Spionin", zu beschatten, beim Einkaufen etwa. Das könnte schnell langweilig werden, aber Mrs. Hayward und ihre Schwester, Tante Dee, haben tatsächlich etwas zu verbergen. Sie füttern in einem Versteck einen Mann durch, haben, nacheinander, ein Verhältnis mit ihm. Wer er ist, das darf hier einfach nicht verraten werden. Die Nachstellungen der Jungen verkomplizieren alles, lassen die Sache, ohne dass sie diese wirklich erfassen, fast auffliegen. Aber sie endet noch viel tragischer.

Frayn stellt kunstvoll dar, wie sich der Junge aus Halbwissen eine illusorische Wirklichkeit zurechtlegt, wie er, aus falsch verstandenem Ehrgefühl und Plichtbewusstsein, immer dann versagt, wenn er helfen könnte, immer schweigt, wenn er den Mund aufmachen müsste. Einem stummen, ziellos umherschwimmenden Fisch ähnelt er, der nur die Welt seines Aquariums kennt und die elektrische Lampe für die Sonne hält. Wie aus reiner Unkenntnis und Falschinterpretation der Tatsachen das Gruseln entsteht, lehrt meisterhaft dieses Buch.

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Das Spionagespiel von Michael Frayn, 2004, Hanser2.)

Das Spionagespiel.
Roman von Michael Frayn (2004, Hanser - Übertragung Matthias Fienbork).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 24.3.2004:

Immer bei Vollmond
Michael Frayns "Spionagespiel" wandelt auf doppeltem Boden

Die Spiele der Kindheit gründen nicht selten auf der Annahme eines Verbrechens. Besonders dann, wenn es sich um Jungsspiele handelt. Ein alter, verfallener Bau, ein düsterer Torbogen, ein verwilderter Garten, merkwürdige Zeichen in einem Notizbuch oder einfach das vermeintlich verdächtige Verhalten einer Person, die im Bewusstsein des Heranwachsenden schnell einen gewissen Mystifizierungsgrad erreicht hat, können ausreichen, um das Spiel in Gang zu setzen, ein Detektivspiel, ein Spionagespiel.

Von dieser Konstruktion lebt ein ganzes Genre der Jugendliteratur, und daraus speist der englische Dramatiker und Romancier Michael Frayn, kürzlich 70 Jahre alt geworden, seinen klugen, ja altersweisen, berührenden und ungemein spannenden neuen Roman. Der englische Titel verzichtet im Gegensatz zur (im Übrigen flüssig zu lesenden deutschen Übertragung, die aufgrund zahlreicher Wortspiele in der Originalversion hohe Anforderungen gestellt haben dürfte) auf den Zusatz des Spiels: das mehrdeutige Spies verweist bereits auf die tragischen Weiterungen, die die harmlos erscheinenden Erkundungen zweier Kinder auslösen.

Womit fängt alles an? Mit einem Sommer in einem englischen Vorort zu Beginn der Vierzigerjahre? Oder mit dem aufdringlichen Duft der Ligusterhecke, der "fast peinlich vertraute süßliche Hauch", der den Erzähler, einen Mann um die Siebzig, zunächst in die Erinnerung und schließlich in jene Straße zurückführt, in der er aufgewachsen ist, in den am Bahndamm gelegenen "Close" mit seinen wenigen Häusern, das eng begrenzte Territorium, das die Bühne des Romans bildet und in eben dieser Begrenzung auch verantwortlich ist für dessen atmosphärische Stärke. Weit geht es nicht hinaus: hinter dem Bahndamm beginnt die fremde Welt der Unterprivilegierten.

Frayn erzählt in drei unterschiedlichen, kaum merklich wechselnden Haltungen zwischen Präsens und Präteritum: Da ist der alternde Ich-Erzähler, der in der zeitlichen Gegenwart, während er, misstrauisch beäugt von den Bewohnern, durch den "Close" spaziert, über Schuld und Unschuld, seine Schamgefühle und die Zuverlässigkeit von Erinnerung reflektiert. Da gibt es eine neutrale Instanz in der dritten Person mit kurzen Einschüben. Und schließlich, über die weitesten Strecken des Buchs, die Ich-Erzählung aus Kinderperspektive. Man weiß, wie kläglich ein Autor daran scheitern kann - schnell bekommt man es entweder mit einem neunmalklugen Balg zu tun oder mit einer nervtötenden Naivität.

Umso erstaunlicher, wie ungemein gelungen dieser Zugriff auf die Welt eines etwa Zehnjährigen im Spionagespiel ist - bis zum Ende bleiben Leser und Erzähler auf Augenhöhe, bis zu einem Showdown, der aufgrund seiner Unaufdringlichkeit als solcher gar nicht unbedingt zu bezeichnen ist, hält Frayn seine Konstruktion in der Schwebe und sorgt auf diese Weise dafür, dass die Verwirrungen seines Protagonisten Stephen, die Zweifel und Ängste, das Staunen und die Neugierde, auch zu denen des Lesers werden.

"Meine Mutter ist eine deutsche Spionin." Das ist der Satz, mit dem alles beginnt. Keith sagt ihn zu seinem Freund Stephen, und alles verändert sich. Denn alles, was Keith' Mutter ab diesem Zeitpunkt tut, verweist in der Logik des kindlichen Kosmos' ausschließlich auf diese Behauptung, die zusehends wahrer erscheint. Tägliche Besuche bei der Schwester, die in der gleichen Straße wohnt, mysteriöse Kreuzchen im Kalender, und zwar immer an Neumond, das plötzliche Verschwinden der Mutter, wenn Keith und Stephen sie auf dem Weg zu den Einkäufen beschatten wollen, der tägliche Gang zum Briefkasten - all das summiert sich zu der Gewissheit, dass Keith' Vorgabe zum Spiel die eigentliche Wahrheit ist. Oder zumindest sein könnte.

In die interne Logik dieser Vorstellung werden sämtliche Verhaltensweisen eingeordnet, fügen sich dort nahtlos ein und entwickeln ihre Eigendynamik. So wird jede Verrichtung zum bedrohlichen Zeichen, jedes harmlose Wort zum Code und alles verkehrt sich in sein Gegenteil: die Freundlichkeit der Mutter erscheint nun als Ausdruck ihres schlechten Gewissens, die selbstverständliche Offenheit im Umgang mit dem Alltag zur Fassade eines bürgerlichen Lebens, hinter der sich das Verbotene verbergen lässt. Dass die Mutter tatsächlich ein Geheimnis hat, dass dieses Geheimnis sowohl mit dem Krieg als auch mit der Familiengeschichte in Zusammenhang steht, dass sich im "Close" tatsächlich ein Spion aufhält, aber an anderer Stelle, und dass die Beharrlichkeit, mit der Keith und Stephen sich in ihre selbst gestellte Aufgabe verbeißen, letztendlich zu einer Katastrophe führt, das sind die Pointen des Spionagespiels, die weiter auszuführen sich verbietet.

Doch entscheidend ist ohnehin nicht das "Was", sondern das "Wie" des Romans, und beeindruckend ist sein Nuancenreichtum, in dem sich auf unterschiedlichen Ebenen abseits des Detektivabenteuers auch der Prozess des Erwachsenwerdens manifestiert. Das Erwachen von Stephens erotischen Regungen beispielsweise, sowohl gegenüber Keiths attraktiver Mutter als auch gegenüber der Nachbarstochter, die zunächst als störendes Element in die Jungenfreundschaft einbricht, spielt, wenn auch nur selten explizit, eine bedeutende Rolle. Ebenso die wachsende Einsicht Stephens in die Strukturen seines Verhältnisses zu Keith, in Wahrheit einem arroganten Angeber aus reichem Haus, von allen Anderen gemieden und zunehmend seinem Vater ähnlich werdend, hinter dessen freundlicher Firnis und dem dünnen Lächeln sich ein despotischer Familienherrscher mit einem grausamen Strafenkatalog verbirgt.

Nicht zuletzt ist Das Spionagespiel auch ein Buch über den Krieg, seine Lügen und das, was er im Kleinen und selbst in der vermeintlichen Vorortidylle anzurichten vermag - ein verschwörerisches Klima des Misstrauens und der gegenseitigen Verdächtigungen, das Stephens und Keiths Geschichte überhaupt erst hat gedeihen lassen und in dem Kinder geradezu zwangsläufig ihre Unschuld verlieren müssen. Das Spionagespiel ist Entwicklungsroman und psychologischer Roman, dazu spannend wie ein Krimi, weil er bis zum Schluss die Erwartung offen hält, es könnte doch anders kommen als gedacht. Und in jedem einzelnen dieser Genres ist es ein geglücktes Buch.

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