Das Spiel des Engels von Carlos Ruiz Zafón, 2008, S. Fischer1.) - 3.)

Das Spiel des Engels.
Roman von
Carlos Ruiz Zafón (2008)
Besprechung von B. Schulte bei Amazon, 11.11.2008:

Endlich hat das Warten ein Ende...

... denn nach langer Zeit ist das neue Buch von Carlos Ruiz Zafon erschienen! Nachdem "Der Schatten des Windes" mich so restlos begeistert hat, habe ich dieses Buch sehnsüchtig erwartet und natürlich sofort nach Erscheinen gelesen. Mit großer Begeisterung, denn "Das Spiel des Engels" hält auf jeden Fall, was es verspricht!

Natürlich geht es wieder um Bücher, um Mystik und um Geheimnisse. Und dieses Mal um einen jungen Schriftsteller, der einen geheimnisvollen Auftrag annimmt, dem er nicht widerstehen kann. Es geht auch wieder um Liebe und Intrige, um Schrecken und Phantastik, um den Friedhof der Vergessenen Bücher.

In seinem Ihm eigenen großartigen Erzählstil reißt Zafon einen mit in diese spannende, komplexe und wieder ungewöhnliche Geschichte. Packend erzählt, toll gezeichnete Charaktere, ein wirklicher Lesegenuß!

An alle Fans wirklich großartiger, zeitgenössischer Literatur: Unbedingt lesen und genießen, denn vermutlich wird es wieder einige Jahre dauern, bis wir uns auf das nächste Werk Zafons stürzen können!

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2.)

Das Spiel des Engels von Carlos Ruiz Zafón, 2008, S. FischerDas Spiel des Engels.
Roman von
Carlos Ruiz Zafón (2008).
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS, 14.11.2008:

Eine zu starke Geschichte
Bestsellerautor Carlos Ruiz Zafón lässt sich in seinem neuesten Buch auf „Das Spiel des Engels“ ein – und verliert.

Es ist der Fluch des Erfolgs. Mit unguter Regelmäßigkeit ereilt er all diejenigen, die ein echtes Pfund hingewuchtet haben. Eines dieser Bücher, die sich ganz oben festsetzen auf den internationalen Bestsellerlisten und ganz tief drinnen in den Herzen der Leser. „Der Schatten des Windes“ des Katalanen Carlos Ruiz Zafón von 2001 war genau solch ein Buch.

Die mysteriöse Geschichte um Liebe, Verbrechen und die Macht der Literatur, angesiedelt im nebelverhangenen Barcelona der 1930er-Jahre, war einer der erfolgreichsten europäischen Romane der letzten zehn Jahre. Eines dieser seltenen Bücher, das eigentlich alle mochten: Männer, Frauen, Vielleser, Gelegenheitsschmökerer – und erstaunlicherweise auch die professionellen Kritiker. Wohl weil es für jeden etwas bot: Es war Liebesgeschichte und Schauerroman, Krimi und Kulturgeschichte, Stadtführer und Seelenporträt. Eine Wundertüte des Erzählens.

Sich selbst das Schreiben schwer gemacht

Wie aber knüpft man an solch einen Welterfolg an? Was setzt man den Lesern als nächstes vor, die doch eigentlich nichts anderes wollen als denselben Wein in einem bitte nicht allzu neuen Schlauch? Carlos Ruiz Zafón, der einst in der Werbeindustrie arbeitete und in Hollywood Drehbücher schrieb, weiß genau Bescheid über die Zwänge des Business, über die Erwartungen seines Publikums – und seiner Verleger. Früh hatte er angekündigt, dass sein nächstes Buch im selben Erzählkosmos angesiedelt sein würde wie der Erfolgsroman. Einen Zyklus von vier ähnlich gelagerten Büchern wolle er verfassen – eine Festlegung, die die Erwartungen seiner Fans zusätzlich angeheizt, aber ihm das Schreiben nicht unbedingt erleichtert hat.

Denn, das zeigt sich schnell, wenn man sich mit ihm unterhält: Bloß Bestsellerautor möchte Ruiz Zafón nicht sein, sondern ein Künstler, der geachtet wird für seine Arbeit, nicht nur bewundert für seine Geschäftstüchtigkeit. Zwar hat er für sein neues Buch „Das Spiel des Engels“ Rekordvorschüsse eingeheimst – der S. Fischer Verlag hat dafür (und für vier ältere Jugendbücher Ruiz Zafóns) irrwitzige drei Millionen Euro gezahlt – aber das reicht ihm nicht. Ruiz Zafón möchte Kritikerlob, Anerkennung, einen Platz im Olymp der Weltliteratur. Dafür nimmt er in Kauf, dass er sein Publikum enttäuscht. „Das Spiel des Engels“, jetzt gerade erschienen und gleich auf Platz drei der FOCUS-Bestsellerliste eingestiegen, ist düsterer, verrätselter, mysteriöser – und ambitionierter als sein Vorgänger.

Wieder erzählt Ruiz Zafón eine Geschichte aus der Welt der Buch- und Literaturliebhaber. Ein talentierter, aber einigermaßen erfolgloser Autor bekommt ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann: Um sein Leben zu retten (aber um den Preis seines Seelenheils), soll er einem teuflischen Verleger das Buch der Bücher schreiben, eine Geschichte, die Macht über die Menschheit verleiht. Unschwer zu erkennen: Ruiz Zafón war schon als Jugendlicher vom Faust-Stoff fasziniert, vor allem von Thomas Manns Großroman „Doktor Faustus“, in dem ebenfalls ein Künstler seine Seele verkauft. „Das Erzählen ist eine mächtige Waffe“, sagt Ruiz Zafón im Gespräch. „Wir lernen neue Dinge am besten über Geschichten, so funktioniert unser Gehirn. Deshalb können Geschichten dazu verwendet werden, Menschen zu manipulieren. Wie bringt man jemanden dazu, zum Massenmörder zu werden? Indem man ihm Geschichten erzählt, zum Beispiel die vom himmlischen Paradies, in dem die Jungfrauen aus dem Victoria’s-Secret-Katalog auf ihn warten.“

Wille zur Kunst erdrückt den Roman

Viel Bedeutung hat Ruiz Zafón seiner Geschichte aufgepfropft – es tut ihr nicht gut. Der Wille zur Kunst erdrückt diesen Roman. Vor allem der Schluss enttäuscht viele Leser, sie müssen sich den Sinn der verschlungenen Handlung selbst zusammenreimen: „Ich mute dem Leser sicher mehr zu als beim Vorgängerbuch“, sagt Ruiz Zafón dazu, „aber das mache ich ganz bewusst. Das Buch stellt Fragen. Es zwingt den Leser dazu, sich eine Interpretation zu erarbeiten. Er heißt nicht umsonst ‚Das Spiel des Engels’. Der Leser muss mitspielen wollen, er muss eintreten in diese Geschichte, sie miterleben, und ist mit den gleichen Entscheidungen konfrontiert wie die Hauptfigur. Je nachdem, welchen Weg er wählt, bekommt die Geschichte einen anderen Sinn. Das ist sicher schwieriger für den Leser, dafür aber, so hoffe ich, auch faszinierender.“

Liest man Leserreaktionen in Internetforen, dann wird deutlich, dass viele nicht bereit sind, sich auf dieses Spiel einzulassen. Zu sehr drängt sich der Verdacht auf, dass hier ein Autor mit der eigenen Geschichte nicht zurechtgekommen ist. Nicht der Autor forme die Geschichte, hat Ruiz Zafón mit dem ihm eigenen Pathos erklärt, sondern „die Geschichte diktiert die Form, in der sie erzählt wird“. Diese hier hat ihren Autor überwältigt.

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Das Spiel des Engels von Carlos Ruiz Zafón, 2008, S. Fischer3.)

Das Spiel des Engels.
Roman von
Carlos Ruiz Zafón (2008)
Besprechung von Lothar Thiel, 12.Oktober 2009:

Zafóns “Der Schatten des Windes” ist ein toller Roman. Spannend erzählt, witzig (v.a. durch die Figur des Fermín), historische und kulturelle Einblicke in das Barcelona um die Mitte des 20. Jahrhunderts gewährend sowie letztlich in sich schlüssig. Wer nach diesem Buch “Das Spiel des Engels” liest, wird möglicherweise enttäuscht sein.

Nicht nur, dass der Roman mit kruden Mystizismen überladen ist (v.a. im mittleren Teil), schon das Anliegen des Bösewichts, den Protagonisten zur Erstellung einer Erzählung zu zwingen, durch die eine neue (menschenverachtende) Religion gegründet werden soll, ist im Gegensatz zum Motiv Mephistos für seinen Pakt mit Faust nicht nachvollziehbar. (Zafón selbst wollte dem Roman etwas Faustisches geben.) Fausts Motive für den Teufelspakt waren ausschließlich ideeller Natur und insofern freier als diejenigen David Martíns (der Hauptfigur), der nur durch den Pakt sein (physisches) Leben zu retten hoffen kann.

Die erzählte Zeit des Romans “Das Spiel des Engels” liegt vor der des “Schatten(s) des Windes”; in jenem kehrt daher manche Figur oder Gegebenheit wieder, die der Leser auch schon von diesem Roman kennt. Doch ist dies ein literarisch vertretbarer Grund, haargenau das gleiche Romanschema nochmal abzuspulen? 

Ein Thriller lebt davon, dass alles, was passiert, letztlich eine rationale Erklärung erfährt. Nicht so im “Spiel des Engels”, wo der Deus ex Machina mit übernatürlichen Kräften nicht nur einmal in die Handlung entscheidend eingreift. Und nichts gegen verborgene Räume, kryptische Schriften und seltsame Zufälle, aber wenn fast alle Cliffhanger damit bestückt werden, verbraucht sich der beabsichtigte Effekt recht schnell.

Die Personen werden nicht allzu sehr nuanciert gezeichnet; entweder starren sie nur so vor lauter Mut, Wahrhaftigkeit und Güte oder sie sind Fieslinge. Zu den wenigen Ausnahmen gehören David Martín und sein Freund Vidal. Fast alle beherrschen die Kunst der bloßstellenden Antwort; ob der Autor nicht auch hier ein bisschen zu viel von sich selbst in seine Geschöpfe hineingelegt hat?

Aber: Obwohl ich schon nach gut 200 Seiten meine ersten Bedenken hegte, las ich den über 700-seitigen Roman zu Ende, denn abgesehen von gewissen Längen im mittleren Teil ist er sehr spannend geschrieben, so dass mir Weglegen nie in den Sinn kam. Deswegen freue ich mich auch schon auf den nächsten Zafón-Schmöker, hoffend, dass das im “Schatten des Windes” etablierte, im “Spiel des Engels” wiederholte Muster dann einer neuen kreativen Idee dieses lobenswerten Autors Platz macht.

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Leseprobe I Buchbestellung 1013 LYRIKwelt © Lothar Thiel/Autorenhomepage