Das Spiegelhaus von Ramona Diefenbach, BüchergildeDas Spiegelhaus.
Roman von Ramona Diefenbach (2001, Steidl/2002, Büchergilde Gutenberg/2003, btb).
Besprechung von Hermann Wallmann aus der Frankfurter Rundschau, 18.9.2001:

Lolita selbdritt
Komplex: Ramona Diefenbachs Roman "Das Spiegelhaus".

Ein Haus, das spiegelbildlich einem Nachbarhaus entspricht. Eine Inszenierung, die ein Verbrechen wiederholt. Ein Mann von Anfang 30, der die "andere" Seite seiner Persönlichkeit mit "Nr. 2" bezeichnet. Eine Mutter, die nach anderthalb Jahrzehnten ihre ermordete Tochter in drei vierzehnjährigen Mädchen wiedersieht: "Ich fand, jede von ihnen hatte was von Eveline. (. . .) Die Blonde mit den Zöpfen sah ihr äußerlich am ähnlichsten, aber die mit den langen dunklen Haaren hatte Evelines Unbeirrbarkeit und die Goldbraune, die war vielleicht so, wie Eveline mal hätte werden können, wenn sie ihre Prinzessinnenphase hinter sich gebracht hätte." Und das alles erzählt aus einer "Täter"- und aus einer (zeitversetzten) "Opfer"-Perspektive: ein Spiegelhaus und ein Spiegelroman.

An einer unscheinbaren Stelle lässt Ramona Diefenbach, die bisher das Kinderbuch Buckel und Fritz (1995) veröffentlicht hat, einen ihrer Erzähler sich an den Leser wenden: "Kennen Sie den Moment, in dem Ada in Nabokovs Roman im sonnigen Musikzimmer auf dem Klavierhocker sitzt und eine Blume aus dem Botanik-Atlas abmalt. Das ist eine magische Szene. Beim Lesen hat sie immer ein ziehendes Gefühl in mir ausgelöst." Aber was soll an diesem impressionistisch registrierten Moment magisch sein? Wer in Nabokovs Ada oder Das Verlangen genauer nachsieht, wird eine Antwort finden, die zugleich tief hineinführt in das (bis in die Namensgebung) ausgeklügelte Arrangement von Diefenbachs Roman - in dessen Tiefenstruktur, die etwas mit Metamorphosen und Simulationen und verschlagener Unschuld zu tun haben.

Die blutjunge Ada wird von dem blutjungen Van in der Tat beim Kopieren beobachtet: "Zum Beispiel wählte sie vielleicht eine insektennachmachende Orchidee aus, die sie alsdann mit bemerkenswerter Geschicklichkeit vergrößerte. Oder aber sie kombinierte eine Spezies mit der anderen (. . .) und führte dabei seltsame kleine Veränderungen und Verdrehungen ein, die fast morbide schienen bei einem so jungen, so spärlich bekleideten Mädchen. (. . .) Und während sie zart einen Augenfleck oder das Läppchen einer Lippe malte, ließ verzückte Konzentration die Zungenspitze sich im Mundwinkel kringeln, und beim nächsten Hinsehen schien das phantastische, schwarz-blau-braunhaarige Kind selber die Spiegel-der-Venus-Blume nachzuahmen."

Es ist schon tollkühn, dass Ramona Diefenbach einen Vergleich mit dem einen oder anderen Motiv, der einen oder anderen Methode Vladimir Nabokovs nicht nur nahelegt, sondern geradezu herausfordert - auch wenn sie diese Anmaßung ihrem Erzähler überlässt. Aber ihr Roman profitiert durchaus davon, dass sie bei dem großen Schmetterlingskundler und -jäger (wie dieser bei Lewis Carroll) in die Vorschule der Ästhetik gegangen ist. Indem sie das Geschehen perspektivisch "bricht", versetzt sie den Leser in die Rolle des "entomologischen" Beobachters - und lässt ihn moralisch allein. Es geht in dem Roman um Verführung und Verführt werden, und es geht in ihm, heikel genug, um den sexuellen Missbrauch Minderjähriger.

Aber der Täter - der 32jährige Patrick - weiß nichts über seine Opfer: Angelika, Beatrice, Cora. Und diese wissen nichts über ihn. Durch das perspektivisch alternierende Erzählen ist allein der Leser in der Lage, zu bemerken, wann aus der Verführung ein Beherrschtsein, wann aus dem Ausbruch ins Freie ein Gang in die inszenierte Falle, wann der Fädenzieher zur Marionette wird. Hinzu kommt, dass Ramona Diefenbach nicht jeder ihrer "Lolitas" eine Stimme gibt. Es ist Beatrice, die erzählt, und die erste Person Plural, in der sie das tut, enthält in ihrer Verallgemeinerung allerhand Verstecke - Vergesslichkeiten und Verallgemeinerungen. (Ramona Diefenbach "akzeptiert" Nabokovs Sensualismus, aber sie scheint zu "kritisieren", dass er "Lolita" nur aus der einen Perspektive, der des "Witwers weißer Rasse", erzählt hat.)

Kein Schuss-Gegenschuss-Verfahren im Film kann ähnliche Effekte erzeugen wie der Wechsel von einem Abschnitt, der so beginnt: "Wir trugen den Kopf ziemlich hoch, wenn wir zu ihm gingen, langsam, in Kleidern, die viel zu brav waren für die zweite Hälfte der sechziger Jahre." Und dem auf ihn folgenden: "Ich parke wieder an der selben Straße und nehme meinen Platz auf der Lichtung ein. Am liebsten wäre mir, wenn sie einzeln kämen, der Reihe nach."

Raffiniert wird das Ganze dadurch, dass Ramona Diefenbach nicht einfach (abgebrühte) Opfer und (machtlose) Täter einander gegenüber stellt, sondern zwei Konzepte, Wirklichkeit unter Kontrolle zu halten. Patricks von langer Hand geplante Inszenierung spiegelt sich wider in Beatrices frühreifer Entschlossenheit: "Die Geschichte gehörte mir und ich wollte nicht, dass sich andere einmischten und sie zu ihrer Sache machten und über sie und mich bestimmten. Und wenn es auch einen miesen Beigeschmack gab, entschied ich doch, dass das zum Erwachsenwerden gehörte, zum Recht auf Dramatik. Ich nehme an, dass es den anderen ähnlich ging."

In der Tat, dramatische Lernprozesse mit tödlichem Ausgang. Indes, der Schluss des Romans wirkt melodramatisch überhitzt (und bei allem Grotesken auch ein bisschen unfreiwillig komisch). Patrick wird im letzten Augenblick daran gehindert, bis zum Alleräußersten zu gehen, und die Mutter von Eveline erzwingt sein Geständnis (und was sie über seine Erzählung sagt, stimmt mit dem Eindruck überein, den der Leser gehabt hat): "Er sprach wie einer, der sehr weit weg ist, mit einer süßen hellen, bösen Stimme beschrieb er seine Welt und ich hörte ihm so regungslos zu, wie nur die absolute Verzweiflung zuhören kann." Aber das letzte (pathetische) Wort behält Beatrice: "Immer werde ich Patricks Stimme hören, wenn ich in diesem Heft die erste und einzige Geschichte lese, die ich je geschrieben habe und schreiben werde. Die Stimme eines Irren, der von seinem Planeten erzählt, der dem meinen in vielem wie ein Zwilling gleicht und den er heimsucht wie ein böser Geist, der zwischen den Welten wandelt." Ist es völlig abwegig, hier die Frage aufzuwerfen, ob die drei Perspektiven des Romans nicht in Wirklichkeit die Gedankenspiele einer einzigen Person sind? So wie bei Nabokov die kleine Ada zu der Spiegel-der-Venus-Blume geworden ist, die sie abmalt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0901 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau