Das Spiegelbild von Irina Korschunow, 1992, HoCaDas Spiegelbild.
Roman von Irina Korschunow (1992, Hoffmann & Campe).
Besprechung von Elisabeth Höving aus der WAZ vom 3.12.1992:

Spiegelbild zweier Frauen
Irina Korschunows unterhaltsamer Emanzipationsroman

Zwei Frauen plaudern über ihr Leben. Irina Korschunow geht in ihrem Roman "Das Spiegelbild" der Frage auf den Grund: Geht es den Frauen heute, im Zeitalter der Emanzipation, auch nicht besser als denen vor 150 Jahren? Die Antwort kann nur exemplarisch sein, wenn Amelie Treybe, eine Karrierefrau des 20. Jahrhunderts, im fiktiven Gespräch auf Annette von Droste-Hülshoff, Paradebeispiel biedermeierlichen Lebensstils, trifft.
Im Meerseburger Sterbezimmer der Droste versinkt Amelie in die Betrachtung zweier Gemälde: Das eine zeigt die junge, lebensfrohe Annette, das andere die gealterte, verhärmte Frau.
Ein reizvoller Griff: Die Droste erzählt die Geschichte, die zwischen beiden Bildern liegt. Amelie setzt ihr Leben dagegen und beide jammern sich gegenseitig ganz schön die Ohren voll. Die eine in Armut, die andere adlig geboren, klagen beide über verpaßte Chancen, verkorkste Mutterbeziehungen, über das Unverständnis der Umwelt, über zu lange Phasen des Leids und zu kurze des Glücks.
Irina Korschunow orientiert sich an der Biografie der Droste, konzentriert sich aber auf den Menschen hinter der Dichterin. Ihr stellt sie Amelie zur Seite, eine Journalistin, Karrierefrau mit wechselnden Liebesbeziehungen. Die eine schreibt Lyrik, die andere Reportagen, und bei beiden bleiben das Leben und die Liebe auf der Strecke.
Wenn Amelie am Ende bedauernd über die Droste sagt: "So viele Gedichte, so wenig Leben", erkennt sie bereits ihr Spiegelbild. In einer anderen Zeit geboren, bleibt auch sie den Konventionen der Gesellschaft verhaftet.
Die Autorin erzählt in einer klaren, schnörkellosen Sprache, die auch dann noch ruhig formuliert, wenn sich Katastrophen abzeichnen. Ein unterhaltsamer, leicht lesbarer Roman über einen Aspekt von Leben und Liebe und Leidenschaft.

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