Das Siegel der Tage von Isabel Allende, 2008, SuhrkampDas Siegel der Tage.
Roman von Isabel Allende (
2008, Suhrkamp - Übertragung Svenja Becker).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 20.08.2008:

Die Asche meiner Tochter

Ich bin herrisch, ungebunden, auf meine Sippe fixiert und gehe einer wenig gewöhnlichen Arbeit nach, die erfordert, dass ich die Hälfte meiner Zeit allein, still und abgeschottet verbringe." So redet eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen unserer Zeit. Alle Jahre wieder folgt Isabel Allende am 8. Januar ihrem Ritual und zieht sich zum Schreiben zurück, nachdem Lesungen, Interviews, Reisen und Vorträge hinter ihr liegen. Und die Familienfeiern.

Und tat, wie die Agentin geheißen

2006 aber tobte zu dieser Zeit ein Unwetter über Kalifornien, wo sie 20 Minuten nördlich von San Francisco und es war schwierig, sich auf einen neuen Roman zu konzentrieren. Also rief sie ihre spanische Agentin und Übermutter um Rat an. „Schreib über dein Leben, Isabel …" Und also schrieb die 1942 geborene Nichte des ehemaligen chilenischen Präsidenten Salvador Allende wie immer, mit dem Temperament Südamerikas, mit Verve und feministischer Überzeugung, Tragik, Sinnlichkeit und esoterischem Touch, Lebenslust und Lebenslastentladungen, die sich zu einem eigenen magischen Realismus addieren. Schrieb über die Ihren, wie sie es vor 13 Jahren schon mal getan hatte, nachdem ihre Tochter Paula an Porphyrie gestorben war und die Mutter dies mit einem Buch zu bewältigen suchte. Die Asche ihrer Tochter hatte sie in den Bachlauf zwischen Mammutbäumen verstreut und glaubt zu wissen, dass Paulas Geist noch immer über ihnen wacht. Fallen, wieder aufstehen und sich gerechtigkeitsfanatisch und durchaus übergriffig in die Leben der Nächsten einmischen: Dies gilt nach wie vor für diese Isabel Allende, die sich im Herbst ihres Lebens wähnt und alles in einem großen Rundumschlag ihrer Tochter erzählt. Ich plaudere, also bin ich.

Von tausend Schwierigkeiten ist zu berichten in diesem Verwandtschaftspuzzle und überquellenden Selbstheilungsratgeber. Die Liebe zu Willie ist nicht einfach. Seine Tochter ist drogenabhängig. Für ihr Baby muss gesorgt werden. Celia entdeckt ihre lesbische Neigung und lebt sie in der Familie aus, nachdem sie Nico drei Kinder geboren hat. Für den ist eine neue Frau zu finden. Einer Freundin platzen die implantierten Brüste. Zwei Buddhistinnen handeln mit der verdächtigen Friedfertigkeit der Vegetarier. Sechs „Schwestern vom immerwährenden Durcheinander" vergessen über ihren spirituellen Übungen nicht Konfekt, Champagner, Klatsch und Schminksachentausch. Drei Enkel liegen in Windeln und die Großmutter erzählt die Vertellchens dazu, auf dass sie sich zum Breitwandbild der Sippe fügen, die auseinanderstrebt und von diesem durchsetzungsstarken „Wirbelwind in der Flasche" schließlich aktionsreich zusammengeführt wird um ein neu gebautes Geisterhaus herum. Fürs Erste. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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