Daß ich in dieser Sprache schreibe von Berthold Viertel, 1981, HanserDaß ich in dieser Sprache schreibe.
Gesammelte Gedichte von Berthold Viertel (
1981, Carl Hanser Verlag, hrsg. von Günther Fetzer).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, August 2015:

Der Regen klopft an,/ Ob wer im leeren Hause sei
Berthold Viertel, ein vergessener Dichter?

Ich persönlich weiß es nicht. Sein hier vorgestelltes Buch „Daß ich in dieser Sprache schreibe“, Gesammelte Gedichte, wurde mir nach einer Haushaltsauflösung zugespielt und nachdem ich es gelesen habe, halte ich es nicht nur für eine wertvolle Entdeckung, sondern in großen Teilen auch für unglaublichund bestürzend aktuell.

Vielleicht ist das der Grund, neben vielen anderen Gründen, dass dieses flexible rote Buch mit dem schwarz weißen Konterfei des Dichters, gezeichnet von leidvollen Erfahrungen, an einen wie mich geraten musste.

Da lesen wir z. B. in dem Gedicht „Auswanderer“: „Wir sind, mein Kind, nie mehr zuhause/ Vergiß das Wort, vergiß das Land/ Und mach‘ im Herzen eine Pause - / Dann gehen wir. Wohin? Unbekannt.“

Und im Gedicht „Gekritzel auf der Rückseite eines Reisepasses“ formuliert der Dichter: „Das sind die Völker und die Reiche./ Man wandert aus und wandert ein./ Doch überall Ist es das Gleiche:/ Die Hirne Wachs, / die Herzen Stein.“

Wenn ich an die derzeitige Ein- und Zuwanderdebatte denke, regt sich bei diesen Zeilen, mein schlechtes Gewissen schon gehörig: „Ich fühl dich atmen in der Ferne/ Und zieh dir nach wie Stern dem Sterne.“

Oder: „…denn das Exil, / Es ist ein Feld, wo karge Hoffnung wächst, / Das Land der harten Wege.“ Berthold Viertel, geboren 1885 und gestorben 1953 in Wien war Jude und, wie man heute sagen würde, ein Hochbegabter. Es würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen, wollte ich sein ganzes Leben nacherzählen. Zeitlebens war Berthold Viertel ein Emigrant, der schon in frühen Gedichten feststellte: „Ich wagte nicht Heimat zu sagen/ zu Tälern, in die meine Einsamkeit/ sich schmiegte.“

Er arbeitete als Schriftsteller und Journalist, als Kritiker und Dramaturg, als Theater- und Filmregisseur. Die Naziherrschaft zwang ihn ins Exil, das er nach verschiedenen Stationen in Amerika fand.

In „Glück der Gemeinschaft“ schreibt der Exilierte: „Glück der Gemeinschaft, das die Ichsucht leugnet, / Ich habe dich im Schatten des Exils gefunden/ Bei denen, die der Massenhaß enteignet.“

Und er beschreibt sein Dasein, von der Heimat weit entfernt, so: „Mir war, als zählte  ich den Hieb/ Der den Genossen trifft/ Während ich in den Nächten schrieb/ Mit ungleichmäßiger Schrift.“

Es ist die Sprache, seine Muttersprache deutsch, die ihn vor Anfeindungen und Existenznot rettet, die zum Werkzeug inneren Widerstands wird, ihm den Weg frei macht für „die Selbstfindung und Selbstbehauptung in der Fremde. Nur schreibend kann die eigene Identität bewahrt werden.“

So schreibt der Dichter: „Die eigene Sprache scheint mir nur geliehen/ Sogar gestohlen, ein verbotener Wert, / Den sie auf ihrer Reise mitgeschmuggelt. Diese Sprache ist es, die den Dichter zu einem politischen Autor macht, der mit aufmüpfigen Sarkasmus und den unbestechlichen Blick für das Wesentliche, Krieg und Frieden, reflektiert, der sensible wie ein Seismograph auf kleinste Veränderungen reagiert.

„Wozu Füße“, konstatiert er, „wenn zum laufen nicht, / Ein Kopf, der nicht mehr lügen will!/ Am besten leg ich mich aufs Gesicht/ Und halte die Hände still.“

Er formuliert Entsetzen und Trauer: „Begrubst du dort ein Kind?/ O nein, ein Lächeln nur/ Dies Lächeln war ein Mensch und atmete.“

Oder: „Und was uns immer tiefer droht, / Ist mehr als Schuld und mehr als Tod/ Ist: daß wir uns verlieren/ Und daß wir sinken in der Welt, / Wo nichts uns mehr zusammenhält, / Tief unter allen Tieren.“

Es sind die klaren schnörkellosen Bilder des Dichters, geradezu virtuos in Sprache gebracht, die ungeahnte Emotionen auslösen, weil sie auch heute noch genauso stimmen, wie sie damals stimmten, wenn wir uns kritisch umblicken in vielen Ländern und Orten dieser Erde, was Berthold Viertel formulieren ließ: „Ich wollte, was so weh tat, nicht vergessen.“ Oder: „Vor dem Grauen fliehend, suchen wir die Freude, / wie einer, der morgen gehenkt werden soll, den Schlaf.“

Dieser Dichter redet Klartext und befindet: „Auch du bist schon geprüft, auch Dir ist Eingegraben/ Die Rune Welt, die wirre Hieroglyphe./ Du hast gelitten bis zur Tiefe, / Gekostet von dem Honigwein.“

Und immer thematisiert er die Sprache im Exil: „Wir sollen selbst die Sprache Meiden/ Die unserer Herzen Wort gebar.“ Oder: „So meinst du denn, es wäre/ Mein Wort ein Kriegsgerät?/ Du tust ihm zuviel Ehre, / weil es vom Töten nichts versteht.“

Dieser Dichter erlebt Leiden und Zerrissenheit und ist untröstlich: „Ich mag nicht, vorberauscht, in Tönen zechen, / Solange sich Schönheit gegen Wahrheit kehrt.“

Der kommt unweigerlich zu dem Schluss: „Wem niemals/ Das Gift ins Innere des Blutes getreten/ Der hat ein anderes Herz/ Gehört einer anderen Welt und Menschen an.“

Die Verse des Dichters erschüttern und berühren mich. Sie sind lakonisch, nüchtern, wahr. Und lassen nichts Gutes erahnen: „Die Zeitung jeden Morgen deckt mit Lettern/ Die Hirne zu, und plump erzählte Fälle/ Trüben den Strom der Nachricht und die Quelle, / das Unglück wächst, geschürt von falschen Rettern.“ Dem, denke ich betroffen, ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass diesem Dichter, Berthold Viertel, ein Denkmal gebührt, keines aus Bronze oder Stein, sondern der Einfachheit halber dergestalt, dass man seine Gedichte wieder entdeckt, die auch gerade gegenwärtig in die Schulbücher gehörten.

In „Ich, dein Gedicht“ heißt es: „Ich bin die schwerste aller Stunden, die dein Herz gezählt, / Ich bin der Widerstand, den ich mit deiner Lebenskraft bezahle.“

Wer so dichtet, liebt die Menschen, hat aber auch die dunkle Seite ihrer Existenz bis zur Neige kennengelernt.

Der Dichter schreibt: „Der Heimweg scheint frei: / Laßt es nicht eine Täuschung sein!“ Er ist aus dem Exil zurückgekehrt und rät dennoch für den letzten Weg: „Behalte lieber Deine schiefgetretenen Schuhe/ Mit dem Exilschmutz an den abgeschabten Hacken:/ Die möge man dir in die letzte Truhe/ Statt eines Passes und Geburtsscheins packen!“

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