Das sexuelle Leben der Catherine M., 2001, Goldmann1.) - 4.)

Das sexuelle Leben der Catherine M.
Roman von Catherine Millet (2001, Goldmann - Übertragung Gaby Wurster).
Besprechung von Stefan Fügenschuh Amazon.de, 13.04.2005:

Alles ist wahr!

Dieses buch unterscheidet sich grundsätzlich von anderen "erotischen tagebüchern". Catherine Millet beschreibt, wie sie mit 18, kaum das sie ihre unschuld verloren hatte, auch schon ihre ersten erfahrungen mit partnertausch und gruppensex gemacht hat. Anfangs waren es nur eine handvoll frauen und männer aus ihrem engsten freundeskreis. Nach und nach erweitert sie ihre kreise, geht etwa mit einem bekannten auf eine swinger-party, wo sie mit sehr vielen halbfremden oder fremden sex hat. Auch wenn die treffen immer größer und exzessiver werden, verlässt sie niemals ganz das millieu ihrer clique/ ihres bekannten- und freundeskreises. Nie, wenn sie alleine war, etwa auf geschäftsreisen, "riss" sie sich einen mann auf. Dazu sei sie viel zu schüchtern.

Warum ich das alles für wahr halte? Hätte es Millet nur darauf angelegt, eine möglichst ausschweifende geschichte zu erzählen, sie hätte wohl alle möglichen klischees bedient: Catherine, die hure; Catherine, die femme fatale; Catherine, die verführerin; Catherine, die grenzgängerin zwischen den oberen zehntausend und der unterwelt; usw. usw....
So entsteht aber das bild einer attraktiven, sympathischen, intellegenten, warmherzigen frau, die selber erstaunt ist, wie selbstverständlich massensex in ihrem leben ist.

Das buch ist kein kracher, wo eine wüste und lüsterne szene von der nächsten noch überboten wird, sondern es ist unterhaltsam und im plauderton geschrieben.

5* weil das buch einzigartig ist und alle genre-grenzen sprengt.

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Leseprobe I Buchbestellung 0908 LYRIKwelt © Amazon.de I Stefan Fügenschuh

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Das sexuelle Leben der Catherine M., 2001, Goldmann2.)

Das sexuelle Leben der Catherine M.
Roman von Catherine Millet (2001, Goldmann - Übertragung Gaby Wurster).
Besprechung von Dirk Fuhrig aus der Frankfurter Rundschau, 7.9.2001:

Die Porno-Spirale
"Das sexuelle Leben der Catherine M.": Frankreichs Skandalroman erreicht Deutschland.

Glückliches Land, das sich über Literatur ereifern kann. Jedenfalls wenn sie erotischen Inhalts ist. Und das nicht nur zu speziellen Anlässen, sondern als Dauerzustand, unterbrochen lediglich durch die französischen Sommerferien, in denen man all die skandalösen Bücher, über die zuvor endlos gestritten wurde, endlich einmal selbst lesen kann. Kaum sind die schönen Tage von Antibes oder Arcachon vorbei, ist es allerdings schon wieder zu spät. Ein anderer Roman hat sich in den Vordergrund gedrängt und lässt die Aufregung von gestern ziemlich abgestanden wirken.

Niemand hat es in den letzten Jahren so gut verstanden, die Erregungs-Maschinerie in Gang zu halten wie Michel Houellebecq mit seinen traurigen Beobachtungen aus dem Sexual-Leben des zeitgenössischen Singles. Mit seinem neuen Roman über Sex-Tourismus in Thailand (FR vom 27.8.) hat er im Wettlauf um das offenherzigste Buch wieder das Staffelholz ergriffen, das in den Monaten zuvor seine Schriftsteller-Kollegin Catherine Millet tragen durfte.

Millet hatte mit ihrem als Erzählung bezeichneten und mit dem Anstrich einer Autobiografie versehenen Bericht über La vie sexuelle de Catherine M. die Gemüter erhitzt. Das Buch hatte eine wochenlange Debatte ausgelöst über die spannende Frage, ob es sich dabei um schmuddelige Pornografie oder erotische Literatur handele. Darüber hinaus hatte es sich vor allem hervorragend verkauft, in einer Auflage von mehreren Hunderttausend. Und schon kommt die heiße Ware in Deutschland auf den Markt, wo man sich, was öffentliche Debatten betrifft, gemeinhin doch eher an den Schicksals-Fragen der Geschichte und Philosophie als an den Niederungen der Pornografie abarbeitet. Der zum Bertelsmann-Konzern gehörende Goldmann-Verlag hat aber mit dem Sensations-Bonus kalkuliert und schnell zugegriffen.

Rund 650 000 Mark sollen für die Rechte an die Editions du Seuil gezahlt worden sein, die - sehr gelungene - Übersetzung wurde eilig erledigt. Damit setzt sich die Beschleunigung im französisch-deutschen Kulturaustausch fort, die im vergangenen Jahr ihren Höhepunkt erreicht zu haben schien, als - schon wieder Monsieur Tristesse - das magere, aber teure Lanzarote-Fotoalbum Michel Houellebecqs zeitgleich in Deutschland und Frankreich auf den Markt geworfen wurde, um beiderseits des Rheins dem Enthusiasmus der Anhänger dieser Endzeit-Prosa möglichst schnell neue Nahrung zuzuführen. Andere "Skandal"-Romane aus Frankreich hatten bislang in der Regel mindestens ein bis zwei Buchsaisons nötig, um nach Deutschland durchzusickern. Marie Darrieussecqs Truismes etwa, wo sich die Ich-Erzählerin in einer masochistischen Fantasie in ein höriges Schwein verwandelt und den geschlechtlichen Gewohnheiten wohlhabender Pariser Herren in den besten Jahren zur Verfügung steht, brauchte so lange. Und auf Frédéric Beigbeder, obwohl mit seinen 99 Francs noch erfolgreicher als Millet, mussten die deutschen Werbe-Texter ebenfalls ein Jahr warten, bevor sie die "Abrechnung" mit ihrer zynischen Welt auch auf Deutsch unter dem Titel 39,90 lesen konnten. Die außerordentlichen Erfolge dieser und anderer Bücher sind selbstverständlich nicht vor dem Hintergrund literarischer Kriterien zu sehen. Sie erklären sich nahezu ausschließlich daraus, dass diese Romane einen Tabubruch begehen - oder dass ihnen ein solcher unterstellt wird. Bei Beigbeder fühlte sich ein ganzer Berufsstand verunglimpft, wenn es nicht vornehmlich die fast gar nicht verschlüsselten, schlüpfrigen Details aus dem Nähkästchen waren, die am meisten stichelten, weil sie der Wirklichkeit so nahe kamen.

Bei anderen Werken kam dem Verlags-Marketing die sich aufbäumende gute Moral zu Hilfe. Schließlich sind (selbst ernannte) Sittenwächter immer bestens geeignet, um die Porno-Spirale in Bewegung zu setzen, in der sich Medien-Berichterstattung und Verkaufszahlen gegenseitig nach oben treiben. Das war bei Virginie Despentes Film Baise-moi. Fick mich so, der als jugendgefährdend eingestuft wurde und danach zeitweise nur in Sex-Kinos gezeigt werden durfte. Das war ähnlich bei Christine Angot, deren 1999 geschriebener Lesben-Roman Inzest jetzt ebenfalls auf Deutsch vorliegt. Nicht zu vergessen Patrice Chéreaus Intimacy-Verfilmung. Und was hätte der Publizität von Millet besseres passieren können, als dass eine Supermarkt-Kette ihr Buch aus dem Sortiment nahm.

Durch die Diskussionen um Despentes, Angot, Catherine Breillat (Autorin des Films Romance) und Chéreau war das Publikum auf Catherine Millets sexuelle Selbstbekenntnisse bestens vorbereitet. Manchem schien die literarische Nabelschau - ein ziemlich matter Begriff, wenn man bedenkt, welche Körper-Öffnungen und deren Gebrauchsfähigkeit Millet en detail schildert - nichts als eine literarisch verbrämte Antwort auf den billigen Voyeurismus der "Loft Story". Diese womöglich noch drastischere Variante unseres "Big Brother" war etwa zeitgleich zur Veröffentlichung von La vie sexuelle gestartet. Das parallel erschienene Buch von Millets Ehe-Mann, in dem Aktaufnahmen von ihr zu sehen sind, schien diesen Eindruck zu bestätigen. Selbstenblößung allerorten, auf TV-Bildschirmen und zwischen Buchdeckeln. Wer Das sexuelle Leben der Catherine M. liest, wird jedoch sofort die Unterschiede zwischen obszöner Massenbelustigung und dieser Erzählung erkennen. Zwar handelt es sich ausschließlich um die Beschreibung sexueller Handlungen, mit den Kategorien Voyeurismus und Exhibitionismus ist dem Text jedoch nur ansatzweise beizukommen. So kühl ist der Stil, so unemotional und abgeklärt, dass die Erzählung über weite Strecken so anturnend wirkt wie die Gebrauchsanweisung für einen Toaster. Porno ist das auf keinen Fall. Gleichzeitig ist das Werk wohl strukturiert und komponiert und spielt sehr geschickt mit der Illusion, es handele sich tatsächlich um eine Autobiografie, während man wohl von einem Roman sprechen muss, in dem sich autobiografische Elemente mit sexuellen Fantasien vermischen, wie bei de Sade.

Millet schreibt ohne jeglichen anklägerischen Impuls, weder pro noch contra Pornografie, ohne feministische oder direkt zivilisationskritische Perspektive. Doch an wenigen Stellen ist ein Anflug von abgründiger Traurigkeit zu spüren: "Ich bin völlig abhängig von einem begehrlichen Blick und von Berührungen, die mich bedecken. Dann verflüchtigt sich die Angst, und ich kann wieder meinen Platz in einer Welt einnehmen, die nicht mehr feindlich ist."

Sex als Mittel, nicht einmal als Droge, gegen Einsamkeit: Hier trifft Millet sich mit Houellebecq, in dessen Gesellschaftsanalyse sich die Menschen in soziale Klassen einteilen lassen - solche, die Sex haben (und tendenziell glücklich sind), und solche, die keinen Sex haben (und stets kurz vor dem Suizid stehen).

Glücklich mag sich also schätzen, wer auch nur ein halb so reiches und variantenreiches Sexleben hat, wie die 53 Jahre alte Catherine Millet es beschreibt. Sex zu dritt oder zu viert, Orgien in winzigen Pariser Wohnungen oder in Swingerclubs, Erektionen im Pariser Stadtpark, auf Kühlerhauben oder auf dem Museumsklo. Madame M. ist nämlich kein beliebiges Flittchen, sondern zählt zu den oberen Zehntausend der Pariser Kunst-Society, ist renommierte Leiterin der Fachzeitschrift artpress und Spezialistin für zeitgenössische Kunst. Auch diese Stellung inmitten des intellektuellen Betriebs, der im Buch als permanenter Swinger-Club erscheint, hat dem Skandal um diesen Roman so enormen Auftrieb gegeben. Daher ist es auch fraglich, ob sich - trotz massiver publizistischer Vorarbeiten in deutschen Lifestyle-Zeitschriften - der Erfolg des Buchs in Deutschland wird fortsetzen können.

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Leseprobe I Buchbestellung 0901 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

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Das sexuelle Leben der Catherine M., 2001, Goldmann3.)

Das sexuelle Leben der Catherine M.
Roman von Catherine Millet (2001, Goldmann - Übertragung Gaby Wurster).
Besprechung von Anita Pollack aus Kurier, 28.12.2001:

Striptease ganz ohne Erotik

Von 49 Männern, mit denen sie zugange war, kannte sie die Namen. Von Hunderten anderen ausschließlich Körperteile. Catherine Millet hat das Skandalbuch des Jahres geschrieben. Es ist erst mit entsprechender Verzögerung im Spätherbst zu uns gelangt. In Frankreich erregte es bereits im Frühjahr heftigst die Gemüter und das nicht nur wegen seiner Freizügigkeit, die sogar für dieses Land mit seiner einschlägigen Tradition etwas ganz Besonderes war.

Selbstenthüllung

Catherine Millet ist nicht irgendeine Verfasserin schmuddeliger Pornografie, sondern als Chefredakteurin der angesehenen Kunstzeitschrift „artpress“ eine wohlbekannte Dame der Pariser Gesellschaft. Ihr Band über zeitgenössische Kunst hat sie nicht berühmt gemacht. Ihre schonungslosen Selbstenthüllungen über ihre konstanten Enthüllungen und was auf diese so folgte, hat die heute 53-Jährige nicht nur auf die Spitze der Bestsellerlisten gebracht, sondern lange Debatten über die sprachlichen und philosophischen Qualitäten, über Pornografie und Literatur ausgelöst.

Sex sells – weshalb der Bertelsmann-Konzern mit dem Erwerb der Übersetzungsrechte um rund 4,5 Millionen Schilling kein großes Risiko eingegangen ist. Dass nie zuvor eine Frau ihr Geschlechtsleben so offen ausgebreitet hat wie Catherine M. in ihrem knapp 300 Seiten langen Vagina-Monolog (sie nennt sich Vagina auf zwei Beinen) ist unbestritten.

Jungfräulichkeit

Nach Verlust ihrer Jungfräulichkeit lernt die 18-Jährige rasant und intensiv. Auf Sexpartys, allen möglichen und unmöglichen Orten, mit ungezählten Partnern beiderlei Geschlechts „fickt sie, wie sie atmet“. Ekel oder Schamgrenzen kennt sie nicht, weil sie weder Ekel noch Scham kennt.

Dafür beherrscht sie die Technik, die vielen Techniken, und ihre Beschreibungen derselben sind so erotisch wie Gebrauchsanweisungen japanischer Geräte. Wer was wem wo wann wie und wie oft macht, man erfährt’s in allen Einzelheiten, aller Ausführlichkeit und ohne Pikanterie. Klinisch, lakonisch, steril, nüchtern und unterkühlt erzählt sie von Ausschweifungen, Orgien, Orgasmen, ohne einen Funken Leidenschaft oder Gefühl und wo die Lust an der Lust bleibt, ist oft die Frage, die sie manchmal überraschend beantwortet.

Erkenntnis

Dass die Erotik mit den Tabus schwinden kann, ist keine ganz neue Erkenntnis. Millets Buch fügt die Erfahrung dazu, dass die Beschreibung von Sex einfach langweilig sein kann. Kunstlos ist sie nicht, vielleicht ist sie sogar zu künstlich und höchst artifiziell, wo sie Natürlichkeit vorgaukelt.

Aktfotos

Wie die Posen, in denen Catherine Millets Ehemann Jacques Henric seine Frau, natürlich nackt, fotografierte. Diese Aktbilder der Autorin und Protagonistin erschienen gleichzeitig quasi ergänzend mit dem Roman in Frankreich als Buch, für die, denen der verbale Striptease nicht genügt.

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Das sexuelle Leben der Catherine M., 2001, Goldmann4.)

Das sexuelle Leben der Catherine M.
Roman von Catherine Millet (2001, Goldmann - Übertragung Gaby Wurster).
Besprechung von Michael Amon :

Ich habe gefickt. Ich ficke. Ich werde ficken. Damit ist dieses "Buch" ausreichend beschrieben. Seltsam, daß eine Frau die Sprache männlicher Pornofilme zur Beschreibung der eigenen Sexualität verwendet - mithin ein absolut sprachleeres Buch. Ist schon das französische Original von erstaunlicher Sprachlosigkeit, so zählt die Übersetzung zum Grauenhaftesten, was jemals in die Hände des Rezensenten geraten ist (wen wundert es also, daß sich sogar der Superlativ "in keinster Weise" findet!). Von sexuellem Leben kann hier keine Rede sein - da ist nämlich alles tot! Wenn es sowas wie sexuelle Pflichterfüllung nach Stachanowschen Prinzipien gibt - hier wird man fündig. Nicht einmal als Onaniervorlage geeignet! Bleibt eigentlich nur die Frage: ernst gemeint oder riesiger Fake???

Weinempfehlung:
Erübrigt sich angesichts (sic!) der in und aus allen Körperöffnungen blubbernden Flüssigkeiten - vielleicht ein Stamperl Sperma, geschüttelt nicht gerührt!

Plattenempfehlung:
J. Lennon/Yoko Ono: Two Virgins. Rykodisc RCD 10411

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Leseprobe I Buchbestellung 0203 LYRIKwelt © Michael Amon