Das Schweigen von Jan Costin Wagner, 2007, EichbornDas Schweigen.
Roman von Jan Costin Wagner (2007, Eichborn).
Besprechung von Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau, 9.4.2003:

Und ab und zu ein Aufatmen
Jan Costin Wagners dunkler Finnland-Krimi

Jan Costin Wagner wirft gern ein Krimi-Hemdchen über seine Romane, aber eigentlich möchte er wohl nur vom Tod und von der Verzweiflung der Hinterbliebenen, von Widerstandskraft in einer dunklen Welt erzählen. Dafür liefert ein Krimi allemal gute Anlässe.

Erneut schickt er nun Kimmo Joentaa in einen Einsatz; in "Eismond" stirbt die junge Frau des Polizisten an Krebs, in "Das Schweigen" hat er sich noch nicht von diesem Verlust erholt. Die Wohnung hat er seitdem nicht verändert, er bringt es nicht übers Herz, Dinge rauszuwerfen, die Sanaa gehörten. Noch jemanden gibt es in diesem Roman, der keinen Schlussstrich ziehen kann oder will: eine Mutter, deren Tochter vor 33 Jahren vergewaltigt und ermordet wurde. Sie lebt noch in dem Haus, von dem aus sie einen Blick auf den damaligen Tatort hat. Der jetzt, nach so langer Zeit, noch einmal zum Tatort wird: Wieder liegt ein Fahrrad dort, ein Mädchen ist verschwunden, auf dem Asphalt gibt es eine Blutspur. Hat der gleiche Täter nach so langer Zeit noch einmal gemordet? Oder ein Nachahmer?

Jan Costin Wagner, der in Hessen und Finnland lebt (er ist mit einer Finnin verheiratet), hat mit "Eismond" eine teils absurde Kritiker-Diskussion ausgelöst, zwischen höchstem Lob ("ein erstaunlicher Gegenschriftsteller der Popliteratur") und aggressiver Schelte ("Literatur" erfordere längere Sätze, als Wagner sie schreibt - was für ein grober Quark).

Jan Costin Wagner nutzt einerseits gängige Motive des Kriminalromans, in "Das Schweigen" etwa das des Ermittlers, dem ein alter ungelöster Fall einfach keine Ruhe lässt. Und natürlich sind auch Finnlands Wetter und winterliche Dunkelheit der Krimi-Atmosphäre alles andere als abträglich. Andererseits scheint es ihn nicht groß zu kümmern, ob er Genre-Erwartungen erfüllt.

Er schafft sich Freiräume, um von der Angst zu erzählen. In "Das Schweigen" vor allem von der des Elternpaares, das in den Fernsehnachrichten das Fahrrad seiner Tochter erkennt und daraus schließen muss, dass sie tot ist. Die Sorge treibt die beiden gleichzeitig auseinander und zusammen. Und raubt ihnen den Schlaf, obwohl sie so gern schlafen würden: "Bis zu dem Moment, in dem es wieder möglich sein würde zu atmen."

Viele Menschen halten die Luft an in diesem Roman. Jan Costin Wagner beobachtet sie dabei kühl, aber nicht ohne Mitleid. Und er lässt sie ab und zu aufatmen. Feiern sogar, mit Würstchen in Tomatensoße.

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