Das schwarze Ei.
Roman von Heiko
Michael Hartmann (2006, Hanser).
Besprechung von Tina Manske aus dem titel-magazin,
20.12.2006:
Kafka würde sich freuen
“... als sei ohne Bruch kein Zusammenhang,
als existiere erst durch seine Zerbrechlichkeit Glas“: Heiko Michael Hartmann
zertrümmert virtuos die Sprache, um zu begreifen.
Ein arbeitsloser Akademiker wittert, nach
zahlreichen erfolglosen Bewerbungsversuchen, die Chance seines Lebens: er hat
einen Vorstellungstermin in der Bundesgeschäftsstelle einer großen deutschen
Partei in Berlin. Schon bald stellt sich heraus: der Termin ist nur zustande
gekommen, weil die frustrierte Sekretärin seine Bewerbungsunterlagen gefälscht
und ihm eine völlig fiktionale Biographie inklusive Princeton-Abschluss und
Verwandtschaft mit dem Bundespräsidenten auf den Leib geschrieben hat. Damit
sie auch mal eine Entscheidung herbeiführen darf.
Der Erzähler bekommt partout die Stelle als Referent und merkt schnell, dass
in dem Gebäude, das alle „das schwarze Ei“ nennen (und das in
Wirklichkeit als Bundespräsidialamt direkt neben Schloss Bellevue steht)
einigermaßen absurde Dinge vor sich gehen, die in ihrer Überspitztheit ein
Abziehbild des ganz normalen Alltags darstellen. Kollege Mack bastelt in
seinem Büro kleine Holzschiffe und –flugzeuge, führt in der restlichen
Zeit ein von ihm sogenanntes „Existenzdiagramm“, das geflissentlich die
Hochs und Tiefs seines Lebens abbildet und hat sich ein hochnotpeinliches
Zufallssystem ausgedacht, damit er beim Griff in die daheim gesammelten „Spiegel“-Ausgaben
jedes Mal eine andere erwischt; Schönling Schill fährt mit dem parteieigenen
Cabrio und einer im Wind knatternden Parteifahne durch die Gegend, um Wähler
zu gewinnen; im Haus gegenüber dreschen sich ein paar Afrikaner die Köpfe
ein; die Statistiker rechnen in ihrem Kabuff jede auch nur erdenkliche Möglichkeit
der politischen Zukunft durch; Kollege Ändi, ein ehemaliger Terrorist,
spuckt, wenn er gereizt ist, kleine Schrotkügelchen, von denen er immer eine
kleine Menge im Mund bereit hält; die Medienbeobachter sitzen im Videoraum
und schauen rund um die Uhr Fernsehen, um nur ja keinen Fehltritt der
Opposition zu versäumen; und in den langen Fluren des Eis kann man nicht
nebeneinander gehen, ohne ständig wie betrunken gegeneinander zu torkeln.
„Was für eine Arbeitsstelle“, sagt sich der Erzähler, und der Leser
seufzt amüsiert mit.
Kleistsches Marionettentheater
Zu allem Überfluss scheint sind auch die privaten Lebensverhältnisse in der
neuen Stadt alles andere als gesichert - der Erzähler entwickelt eine
handfeste Neurodermitis, und man kann es ihm nicht verdenken. Natürlich
schwingt hier eine gehörige Breitseite Kafka
mit, dessen undurchsichtige Verwaltungswelten in Das
schwarze Ei in unsere Zeit übersetzt wurden. Zwar wird Kafka gerne bei
jeder zweiten Buchrezension als Gewährsmann angeführt - wenn in dem
betreffenden Roman mehr als einmal das Wort „Büro“ vorkommt - aber hier
passt es tatsächlich. Denn Hartmann hat sich besonders den Humor Kafkas
abgeschaut. Das alles wird in der von Hartmann bereits in seinem ersten Roman Moi
virtuos gehandhabten Sprache im inneren Monolog des Helden beschrieben, was
das Buch unheimlich (im wahrsten Sinne des Wortes) komisch macht und zudem zu
einer Lektüre, die das ganze Potential moderner Prosa aufzeigt. Am Ende
gesellt sich noch das Kleistsche
Marionettentheater dazu, und nicht unwesentlich zur Lösung des Konflikts (und
es ist eine überraschende Lösung) sind die Worte Meister Eckeharts: „Mein
Auge, mit dem mich Gott sieht, ist das Auge, mit dem ich ihn sehe; mein Auge
und sein Auge ist eins.“ Kafka würde sich freuen zu sehen, in welches Auge
da geblickt wird.
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