Das Schöne und das Notwendige.
Roman von Andrea Grill (2010, Otto Müller Verlag).
Besprechung von Dorian Waller in Der Standard, Wien vom 26.3.2011:

Schleichkatzeklo macht Katzeherrchen froh
In Andrea Grills Roman "Das Schöne und das Notwendige" versuchen zwei Freunde den finanziellen Ruin mithilfe einer Katze abzuwenden

Ein Geldscheißer im Handtaschenformat soll Fiat und Finzens für immer von ihren Geldsorgen befreien. Die beiden Protagonisten in Andrea Grills Roman Das Schöne und das Notwendige haben nämlich den Plan gefasst, sich durch den Vertrieb der sündhaft teuren Kaffeesorte Kopi Luwak aus ihrer finanziellen Misere zu manövrieren. Für deren Herstellung braucht es jedoch, wie Finzens aufgrund einer erlesenen Überdosis unnützen Wissens weiß, einen Fleckenmusang. Diese asiatische Schleichkatze hat nicht nur mit Paradoxurus hermaphroditus einen wissenschaftlichen Namen, der fast zu gut ist, um wahr zu sein, sondern auch die Eigenschaft, gefressene Kaffeebohnen dank spezieller Enzyme im Verdauungstrakt dermaßen zu veredeln, dass diese anschließend um dreistellige Kilopreise verkauft werden können.

Schon bevor Finzens Fiat überredet, mit der Bohne Kohle zu machen, weiß man als Leser, dass hier zwei originelle Charaktere ihre Schelmereien aushecken. Finzens ist dabei noch der gemäßigtere der beiden. "Unweit der bulgarischen Hafenstadt Orjachov" wurde er in eine aus dem rumänischen Banat ausgewanderte deutschsprachige Familie geboren. Heute hat er einen Job als Ruhestifter in der Kathedrale des nicht näher benannten Handlungsortes und die unverdächtige Schuhgröße 43.

Fiat hingegen hat die Schuhgröße 46 und verdient Geld, indem er sich in Zügen als rumänisches Überschwemmungsopfer ausgibt und stumm um Almosen bettelt. Eigentlich heißt er Ferdinand, seine Eltern fanden jedoch, dass er "etwas mit dem Auto gemein habe, und Mercedes ist ja auch ein Name". Freundlich formuliert könnte man über ihn sagen, dass er seinem inneren Kind streng antiautoritär begegnet.

Die Rollenverteilung zwischen den Kaffeemillionären in spe ist klar: Finzens kümmert sich um Planung und Vertrieb, während die Produktion dem über mehr Tagesfreizeit verfügenden Fiat obliegt. Darunter fallen das Auftreiben eines Fleckenmusangs (der städtische Zoo sucht zum Glück immer willige Praktikanten), anschließend dessen Fütterung mit zunächst in Schinken, später in Kirschen versteckten Kaffeebohnen und letztlich die Röstung der aus dem Katzenkot geklaubten Kerne. Seine Liebe zu der Frau eines Herstellers von Wachsjesuskindern scheint Fiat dabei zunächst etwas zu sehr abzulenken, erweist sich für das Erreichen eines glücklichen Endes jedoch letztlich als durchaus hilfreich.

Das Gelingen des gewagten Vorhabens kommt kaum überraschend. Andrea Grill hat ihren Figuren längst eine Welt gebaut, in der etwa dem plötzlichen Erscheinen eines sich aufblasenden und dann auf eine tragbare Größe zusammenschrumpfenden Pferdes zwar mit Verwunderung, jedoch auch mit dem der Erzählrealität geschuldeten Ernst begegnet wird.

Würde sich hier eine Gogol'sche Nase auf Wanderschaft begeben, das Erstaunen wäre auch nicht übertrieben groß. Grill, nicht nur Autorin, sondern auch Spezialistin für sardische Schmetterlinge und Übersetzerin aus dem Albanischen, gelingt es dabei, das Einfühlen in die zunehmend schrulliger erscheinenden Figuren nie zu verunmöglichen und deren Handlungen allen Abstrusitäten zum Trotz nachvollziehbar erscheinen zu lassen. Grill serviert überhöhte und ins Absurde eingebettete genaue Alltagsbeobachtungen. Auch wenn der 1975 geborenen Autorin mitunter leicht die Schleichkatzen durchgehen, bleibt der Roman, der mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 2011 ausgezeichnet wurde, eine stets amüsante Lektüre.

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