Das Schloß vn Franz Kafka, 2005, dtvDas Schloß.
Roman von Franz Kafka (1926).
Besprechung von Hartmut Ernst, Kübelreiter:

Das letzte Romanfragment Kafkas zeichnet - wie kaum anders zu erwarten - ein Bild verkümmerten und frustrierten Lebens, das sich gegen sein sinn- und nutzloses Vegetieren nur dadurch wehrt, daß es zunächst annimmt, ein Ziel zu haben.

Der Landvermesser K. sucht Einlaß in das Schloß - und erhält ihn nie. Das System, zu dem auch das am Fuße des Schlosses gelegene Dorf gehört, ist immanent nicht aus den Angeln zu heben und retardiert jede Bemühung des farblos gezeichneten Protagonisten, der sich jedwede Beziehung innerhalb der nur schwer durchschaubaren Systemstruktur zunutze machen will, sein ehrgeiziges Ziel zu erreichen. Es gibt Kontakte, aber keine Begegnungen. Man redet aneinander vorbei mit vielen Worten. Verstehen und Verständnis werden zur Illusion. Das ist der vollständig isolierte und entfremdete Mensch in einer kalten und auf ihre Funktion reduzierten Welt. Ein Alp, der längst aufgehört hat, Traum zu sein.

Man liest diesen Text sehr unterschiedlich. Die Kafka-Exegese ist bis heute uneins. Vielleicht ist dies das signifikanteste Merkmal kafkascher Texte: Daß man mit ihnen nicht fertig wird. Religiöse, existenzialistische, psychologische, materialistische, historische etc. Deutungen bemühen sich, der Sache auf die Spur zu kommen. Und doch bleibt zuletzt jeder Leser allein mit diesem Text, der wie ein kalter, erratischer Block in der Literaturlandschaft steht - ohne Vorläufer und ohne (nennenswerte) Resonanz.

Natürlich lassen sich konkrete Einzelheiten hervorheben: die tragische Ironie der verpaßten Gelegenheit, die Unmitteilbarkeit der guten Absicht, die Verdinglichung menschlicher Beziehungen ... Und doch ist all das noch nicht das Ganze des Textes, der in seiner sprachlichen Schmucklosigkeit die Sprachlosigkeit des auf sich selbst gestellten und zurückgeworfenen Individuums angesichts des unmenschlichen Mechanismus' einer nicht zu bewältigenden Welt vorstellt.

Doch wie schon die Türhüter-Legende im "Prozeß", so läßt auch das "Schloß" die Möglichkeit offen, daß es ein Ziel, einen Weg, eine Erfüllung gibt - jedoch weltimmanent nicht einlösbar. Das Ziel wird immer verfehlt, die Botschaft immer überhört, das Lächeln immer mißverstanden.

Als sein bester Freund, Max Brod, ihn einmal fragte: "Gibt es denn gar keine Hoffnung?", soll Kafka geantwortet haben: "Aber ja! Es gibt unendlich viel Hoffnung. Nur nicht für uns."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Kübelreiter]

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