Das
Schiff der Gottesmutter.
Drama von Anna
Radlowa (2006, Pforte Verlag - Übertragung Alexander
Nitzberg).
Besprechung von Olga
Martynova in Die
Zeit, März 2007:
Kühnheit und Exstase
Eine besondere Entdeckung: Die russische
Dichterin Anna Radlowa.
Anna Radlowa ist mit Sicherheit ein völlig neuer Name für den deutschen Leser.
Eine bemerkenswerte
Lyrikerin, war sie zudem eine der verblüffendsten Schönheiten der Petersburger
Moderne. Vor hundert Jahren
sah vieles in Russland nicht anders aus als im übrigen Europa: Das muntere 19.
Jahrhundert ging und
hinterließ seinen mystisch gestimmten Nachkömmlingen ein solides
Wohlstandsniveau. Die Künste blühten
auf. Die begabten Frauen genossen nicht nur die Bewunderung der Dichter, sie
wurden auch zu
selbstbewussten Künstlerinnen. - 1914 brach diese Welt zusammen. Noch dazu
erlitt Russland 1917 die
Oktoberrevolution.
Anfang der zwanziger Jahre war das literarische Petrograd (so der während des
Ersten Weltkrieges
entdeutschte Name St. Petersburgs) eine seltsame Erscheinung: Dichter litten
Hunger, hatten kein Brennholz
für ihre Wohnungen, manchmal auch keine Wohnungen. Trotz allem versuchten sie,
die Formen des
literarischen Alltags, wie sie sich in den 1910er Jahren ausgeprägt hatten,
fortzusetzen: Lesungen zu
organisieren, Zeitschriften zu verlegen, Salons zu unterhalten - bis sie von
ihren proletarischen oder
angepassten Kollegen endgültig in eine mit dem späteren Underground
vergleichbare Subkultur verdrängt
wurden.
Anna Radlowas kurzer Erfolg fiel in diese karge Zeit. Michail Kusmin, ein
kapriziöser Ästhet und ein
wunderbarer Dichter des »Silbernen Zeitalters«, wie man die russische Moderne
zu nennen pflegt, versuchte
Radlowa der bereits vor dem Ersten Weltkrieg landesberühmt gewordenen Anna
Achmatowa
gegenüberzustellen. Allerdings wurden die ersten Poeten nun durch die Obrigkeit
bestimmt und nicht durch
literarische Intrigen.
Im Unterschied zu Achmatowa,
deren Liebesgedichte mit ihren pointierten Sujets und knapper Sprache
kleinen Novellen ähneln, findet Radlowa ihre Themen und Formen in ekstatischen
Sektantenliedern. Sie
entnimmt der Volkspoesie kühne Rhythmen, die den Verstechniken des späten 20.
Jahrhunderts
zuvorkommen. Von besonderem Interesse ist ihr historisches Versdrama Das Schiff
der Gottesmutter über
eine charismatische Anführerin der ChlystySekte, Akulina Iwanowna. Russische
Sektanten legitimierten,
ebenso wie Räuber und politische Abenteurer, ihre Ansprüche mit den Namen von
Mitgliedern der
Zarenfamilie. So galt Akulina Iwanowna als die Tochter Peters des Großen,
Jelisaweta. In der ersten Szene
von Radlowas Drama soll Jelisaweta infolge einer Palastrevolution den Zarenthron
besteigen. Doch kann sie
einem höheren Ruf nicht widerstehen und begibt sich auf die Suche nach dem
»Gottesschiff«, wie sich
Chlysten-Gemeinden bezeichneten. Ihre Zofe, zu ihrem Ebenbild geworden, regiert
an ihrer Stelle. Nur Graf
Rasumowskij, ihr berühmter Favorit, erkennt die Doppelgängerin und folgt
seiner Geliebten. Als diese sich
weigert, die Chlysten zu verlassen, liefert er sie der falschen Zarin aus. Die
wirkliche Tochter des großen
Zaren wird hingerichtet.
Die historische Akulina Iwanowna segnete Kondratij Seliwanow, den Gründer der
rätselhaftesten aller
russischen Sekten, der Kastraten. Die ritualisierte Verstümmelung und die
Tatsache, dass einige sehr
einflussreiche Persönlichkeiten, darunter Zar Alexander I., diese Sekte in
Schutz nahmen, sorgte für Schauer
und anhaltende Gerüchte. Radlowa schrieb darüber einen Roman, der leider noch
nicht ins Deutsche übersetzt
ist.
Das Interesse an derartigen Überlieferungen ist für die russische Moderne
überaus typisch (Andrej Belyj,
Sologub und viele andere). In vielerlei Hinsicht war das Silberne Zeitalter eine
Fortsetzung der zu kurz
gekommenen russischen Romantik des 19. Jahrhunderts, die solche Legenden noch
nicht zur Verfügung hatte
und sich überwiegend der westeuropäischen Mystik bediente. Das ist übrigens
ein Muster russischer
Literaturgeschichte: Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde die abgebrochene
russische Moderne »mit neuen
Mitteln« fortgesetzt.
In den dreißiger Jahren mussten sich viele Dichter einen literarischen
Nebenberuf suchen, schlicht, um zu
überleben. Anna Radlowa übersetzte Theaterstücke für die Inszenierungen
ihres Mannes Sergej Radlow, der
ein berühmter Regisseur war. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges blieb sein
Theater zunächst im
belagerten Leningrad (1924 war die Stadt zum zweiten Mal umbenannt worden). 1942
konnte das Ensemble
jedoch in den Nordkaukasus evakuiert werden, der kurz darauf von den Deutschen
besetzt wurde. Im Rahmen
propagandistischer Veranstaltungen der Nationalsozialisten wurden die
Schauspieler gezwungen, zunächst in
Berlin, dann in Südfrankreich zu spielen. Nach dem Krieg bemühten sich
sowjetische Gesandte, darunter
namhafte Autoren, darum, die nunmehr in Frankreich lebenden Emigranten zur
Rückkehr in die Sowjetunion
zu bewegen. In der Tat gingen einige von ihnen, über das Ende des Krieges und
den Sieg Russlands
euphorisch gestimmt, zurück. Viele wurden als Verräter verurteilt, auch die
Radlows wurden verhaftet.
Anna Radlowa starb 1949 im Lager. Erst 1997 erschien in Russland ihre
Werkausgabe. Es ist dem Pforte
Verlag und Alexander
Nitzberg hoch anzurechnen, dass einige ihrer Gedichte und ein Drama nun auf
Deutsch
vorliegen. 2004 gab Nitzberg im selben Verlag einen anderen Dichter der
Russischen Moderne, Maximilian
Woloschin, heraus. Man will auf die Fortsetzung dieser Reihe hoffen - die
Wunschliste wäre lang.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]
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