Das rote Licht des Mondes, 2008, Wunderlich1.) - 2.)

Das rote Licht des Mondes.
Roman von Silvia Kaffke (2008, Wunderlich).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 3.09.2008:

Dunkle Machenschaften an Rhein und Ruhr

In vier hervorragenden Krimis hat uns die Duisburger Krimi-Fachfrau Silvia Kaffke auf die BKA-Profilerin Barbara Pross angesetzt, hat uns, recht unzimperlich und wendungsreich, durch kriminalistisch eher unerschlossene Ortschaften wie Baerl und Kalkum gehetzt. Wir konnten manch tiefen Blick in das Herz der klugen Ermittlerin werfen, aber nach „Messerscharf" (2000), „Herzensgut" (2002), „Totenstill" (2005) und „Blutleer" (2006) war eine Barbara Pross zurückgeblieben, die weniger denn je wusste, was denn nun werden würde mit ihr...

Es schauert wie bei E.T.A. Hoffmann

Das erfahren wir auch im fünften Buch von Silvia Kaffke nicht, das gerade in den Handel gekommen ist: Ein historischer Krimi, ein verschwörungspraller Ausflug ins Ruhrort der Jahre 1854 bis '56. Hier geht es so schauerlich zu wie manchmal bei E.T.A. Hoffmann, der ja keine Scheu vor kräftigen Farben hatte, auch wenn ihm ein Titel wie „Das rote Licht des Mondes" vielleicht doch etwas dicke vorgekommen wäre.

Caroline „Lina" Kaufmeister jedenfalls, humpelnd, halb jung und ganz ledig, probt den Aufstand. Als ihr Vater, ein vermögender Spediteur und Reeder, stirbt, zieht sie halsüberkopf aus – obwohl sie nun voll und ganz unter der Vormundschaft ihres ältesten Bruders steht, ohne Recht, über Geld, Möbel oder sich zu verfügen. In dieser skandalösen Situation, die ja historisches Faktum ist, tritt Silvia Kaffke wiederum Gefühlslawinen los, die selbst die Eiszapfen unter den Lesern bewegen werden. Geschichte wird zum Erlebnis, mehr noch Sozial- als Heimatgeschichte, plastisch vorstellbar auch für Leser in Bayern. Nur die Ausmalung der Weihnachtsfeier bei Kaufmeisters ist etwas detailverliebt geraten.

Wir aber humpeln Lina hinterher, über das Pflaster einer geschäftigen Stadt, in der es altehrwürdige Kaufleute mit den Machenschaften von zugereisten zu tun bekommen. Ruhrort ist im Industrialisierungsaufschwung, und der Bürgermeister kann keinen Skandal gebrauchen, wegen der Investoren. Die Funde von toten Kindern und Frauen werden unter der Decke gehalten, solange es geht. Und auch Commissar Robert Borghoff, der ehemalige preußische Geheimpolizist, der sein rechtes Auge im Manöver verlor, darf nicht, wie er will, weil Spuren in die besseren Kreise führen.

Den Staub von anderthalb Jahrhunderten spürt man bei aller Genauigkeit nicht in diesem doch recht spannenden Roman. Anders aber als bisher sind die Charaktere diesmal ohne Widerhaken und Eigenwilligkeiten, alle recht glatt und berechenbar. Ohne blinde Fährten läuft alles auf den Schluss zu. Vielleicht hat ja der historische Rahmen keinen Platz gelassen für unerwartete Einfälle, wie man sie sonst von Silvia Kaffke kennt. Aber einen schönen Schmöker hat sie wie immer hingekriegt. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0908 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

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Das rote Licht des Mondes, 2008, Wunderlich2.)

Das rote Licht des Mondes.
Roman von Silvia Kaffke (2008, Wunderlich).
Besprechung von Reinhard Jahn, Focus, 3.09.2008:

Mord im historischen Kohlenpott
Silvia Kaffkes Buch „Das rote Licht des Mondes“ hebt sich wohltuend von den vielen Mogelpackungen ab, die das Label historischer Kriminalroman tragen.

Es gibt gute Gründe, warum ich als Krimi-Leser einen großen Bogen um bestimmte Genres mache. Liebesromane zum Beispiel – ein ganzes Buch über ein einziges Gefühl – langweilig. Und bei historischen Romanen erschreckt mich schon der Umfang: Keine Geschichte unter 500 Seiten, alles wird bunt und behäbig ausgemalt, aber eigentlich geht es auch da immer wieder nur um einen tapferen Mann (oder neuerdings eine Frau), auf der Suche nach der großen Liebe, und das ist – siehe oben – langweilig. Alles gute Gründe also, historische Krimis zu meiden – bis ich das Fräulein Lina und ihre Geschichte kennengelernt habe.

Lina Kaufmeister ist eine alte Jungfer, nämlich älter als 20, sie lebt um 1854 in Duisburg-Ruhrort, und das Drama, in das sie hineingerät ist eines historischen Kriminalromans wirklich würdig. Lina ist lebensklug, hübsch und eine begnadete Schneiderin, ein Talent, das ihr mehr als einmal die wirtschaftliche Existenz sichert – in jener Umbruchszeit, in der das verschlafene Ruhrort vor den Toren Duisburgs zur Boomtown in Sachen Kohle und Stahl wird.

Serientäter zwischen Stahlwerk-Schloten?

Als Tochter eines Reeders und Spediteurs muss sie ihrem stoffeligen Bruder und seiner gebärfreudigen niederländischen Gattin das Haus führen, obwohl sie lieber auf eigenen Beinen stehen möchte – das aber ist fast unmöglich in einer Zeit, in der eine Frau wie sie weder allein eine Wohnung mieten und schon gar kein Bankkonto eröffnen darf. Aus dem zarten Band der Sympathie, das sie zu einem ebenso schönen wie schöngeistigen örtlichen Adeligen knüpft, kann, darf nicht mehr werden – nicht nur weil Lina nach einer Hüfttuberkulose ein wenig hinkt, sondern auch, weil sie von ihrem Bruder als Familienoberhaupt abhängig ist, der nicht daran denkt, sie aus dem Stand der Unmündigkeit zu entlassen.

Auf den ersten Blick scheint da die gute sozialkritische Hedwig Courths-Mahler den Plot souffliert zu haben – was ja nicht das Schlechteste wäre. Aber Silvia Kaffke ist nun mal zu sehr versierte Thriller-Autorin (mit vier erfolgreichen Profiler-Romanen in der Backlist), die weder über Herzschmerz noch über soziale Ungerechtigkeit die Krimi-Spannung vernachlässigen würde. Es ist Nacht, es ist neblig, über allem steht „Das rote Licht des Mondes“, als Lina Kaufmeister vor den Toren Ruhrorts eine grausige Entdeckung macht – zwei bestialisch verstümmelte Kinderleichen liegen da, arme Geschöpfe aus den Elendsquartieren der Stadt.

Ein Serienmörder zwischen den Schloten der Stahlwerke und den Fördertürmen der Zechen? Der Täter einer der wallonischen Fremdarbeiter, die die Grundlage für einen der größten Industriestandorte Europas schaffen? Oder einer der Schiffer, die den künftig größten Binnenhafen des Kontinents anlaufen, um Kohle und Stahl abzutransportieren?

Kitschfreie Lovestory

Der ermittelnde Kommissar Robert Borghoff glaubt mal das eine und mal das andere, bis er, assistiert von Lina Kaufmeister, auf die er bei seinen Ermittlungen immer wieder trifft, auf eine ganz andere Spur gelenkt wird. Und auch jetzt, beim Krimi im historischen Roman, macht Silvia Kaffke einfach alles richtig – transportiert eben nicht irgendeinen wahnsinnigen Serienkiller ins 19. Jahrhundert, sondern passt das Verbrechen, das Lina und Robert schließlich klären, mit viel Sinn für gotische Spannung nahtlos in die Zeit ein.

Und natürlich kommen sich die beiden im Lauf der gemeinsamen Ermittlung, im Lauf von Linas Kampf um Selbstständigkeit, sehr nahe. Denn selbstverständlich gibt es auch in diesem historischen Roman eine Lovestory – aber nicht nach Art der Angelique- und Wanderhuren-Romantik, sondern eine sehr bodenständige, menschlich berührende. Silvia Kaffke erzählt sie voller Anteilnahme, genau beobachtend und subtil unterhaltsam, bei ihr ist kein Platz für „brennende Leidenschaft“, „heiße Küsse auf glühender Haut“ und andere Floskeln aus dem Liebesroman-Baukasten.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.focus.de]

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