Das Ritual der Rache.
Roman von Andrea Camilleri (2012, Lübbe Verlag).
Besprechung von Walter Bau in der WAZ vom 17.3.2012:

Der routinierte Komponist
Andrea Camilleris neuer Krimi um den Commissario Montalbano „Das Ritual der Rache“ ähnelt den vorherigen Fällen. Es geht wieder um Mafia, Mord und Verrat. Doch langweilig wird dem Leser nie.

Igor Strawinsky hat über seinen italienischen Komponisten-Kollegen Antonio Vivaldi einmal gelästert, dieser werde arg überschätzt. Er habe im Grunde ein und dasselbe Konzert 400 Mal komponiert. Wie langweilig.

Der Schriftsteller Andrea Camilleri, ein Landsmann Vivaldis, hat keine 400, aber bisher immerhin mehr als ein Dutzend Krimis um den Commissario Montalbano geschrieben, deren Geschichten sich stets ein wenig ähneln, weil es darin immer irgendwie um Mafia, Mord und Verrat geht. Langweilig wird dem Leser dabei trotzdem nie. Das gilt auch für Camilleris 16. Montalbano-Fall „Das Ritual der Rache“.

Der Commissario muss sich darin mit der zerstückelten Leiche eines Mannes befassen, dessen junge Witwe nicht nur „atemberaubend“ und „zigeunerhaft“ schön ist, sondern auch ein undurchsichtiges Spiel treibt. Stück für Stück bringt der Commissario Licht in das Dunkel, zieht einige Fäden, gern auch mal unter Umgehung der Dienstvorschriften, und löst am Ende den Fall – so routiniert wie sein Schöpfer die verzwickte Story komponiert.

Der Schrecken kommt im Plauderton

Was „Das Ritual der Rache“ aus der Masse der Krimis heraushebt, ist nicht allein „was“, sondern vor allem „wie“ der Autor erzählt. Bei Camilleri kommt der Schrecken nicht mit Knalleffekt daher, sondern im Plauderton. Unaufgeregt, lakonisch im Ton, erzählt der Sizilianer von grausamen Rache-Riten und skrupellosen Morden. Große Sorgfalt und Liebe verwendet er auf die Ausgestaltung seiner Nebenfiguren. Der liebestolle Kollege, der neugierige Nachbar oder einfach nur eine genervte Zeugin – sie bevölkern zuverlässig Camilleris Geschichten und geben seiner Lesergemeinde das Gefühl, alte Bekannte zu treffen.

Und diesmal hat der Autor noch einen besonderen Gag eingebaut: Als Montalbano einmal nicht weiter weiß, greift er ins Regal – zum Buch eines gewissen Andrea Camilleri. Dort findet der Commissario schließlich den Schlüssel zur Lösung des Falles. Ein kleine Eitelkeit, die Camilleri sich erlaubt und die man ihm gern durchgehen lässt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0412 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Westdeutsche Allgemeine