Das reine Gehirn.
Prosa von Liesl Ujvary (1997, Ritter).
Besprechung von Marietta Böning, in Lichtungen 85, 2001:

Ich-Gott oder tote-Puppe kann ich werden, wenn die andere in mir die Fäden scheinbar in die Hand nimmt und die Steuerungsmechanismen der Gesellschaft doubelt. Die Konsequenzen innerer Revolten, Abkömmlinge einer durch das soziale Umfeld gestörten psychogenen Entwicklung, schlagen auf mich selbst zurück: mein inneres System, sozialisiert wie eingerissen, bäumt sich auf, mit den ganzen Nervenspuren der Vergangenheit. Die Konsequenzen sind klar: es handelt sich um die Erkenntnis, dass es keine Schnittmenge zwischen den anderen und mir geben kann. Es ist kein reales, ideologiefreies Wir möglich. Um diese Dramatik einer Ich-Identität dreht es sich in den Werken der Wiener Autorin Liesl Ujvary. (...) Bei Ujvary sind es die schwimmenden Subjektfunktionen und Selbstinszenierungen, die parallel angeordneten Beobachterebenen, mit denen ihr Status sich von Metasprache als versuchter einziger Metasprache unterscheidet. Weltenrepräsentationen offenbaren sich, die durch keine wissenschaftliche Methode in diesem, hier wichtigen Sinne besser nahegebracht werden können. „Sie“ wird durch den hier geschriebenen literarischen Stil gerettet. Und realistischerweise ist das, hoffen wir doch, trotzdem keine Utopie.

Leseprobe I Buchbestellung 1203 LYRIKwelt © Marietta Böning