Das reiche Mädchen von Richard Wagner, 2008, AufbauDas reiche Mädchen.
Roman von Richard Wagner (2008, Aufbau).
Besprechung von Nicole Henneberg aus der Frankfurter Rundschau, 28.2.2008:

Schuldbewusstsein trifft Machismo
Richard Wagners Roman "Das reiche Mädchen"

Anfang der neunziger Jahre erregte auf Ethnologen-Kongressen ein ungleiches Paar Aufsehen: die Spezialistin für Roma-Fragen Katrin Reemtsma und ihr Lebensgefährte, ein Rom, der vor dem drohenden Kriegsdienst aus Serbien geflohen war. Ihnen schien das Unmögliche zu gelingen: die Utopie der Völkerverständigung wissenschaftlich zu artikulieren und gleichzeitig privat zu leben. Doch das Ganze endete in einer Katastrophe, die nach Meinung des Erzählers Carlo in Richard Wagners neuem Roman "Das reiche Mädchen" programmiert war. Der Roman beruht auf der Lebensgeschichte von Katrin Reemtsma, die 1997 von ihrem Lebensgefährten, mit dem sie zwei Kinder hatte, ermordet wurde. Das Ende der Geschichte ist bekannt, also geht der Erzähler - ein exzellenter Kenner des Balkans wie sein Autor, der aus dem rumänischen Banat stammt - in seiner Recherche zurück zu den Anfängen und Voraussetzungen dieser Liebesbeziehung.

Die Ethnologin heißt im Roman Bille Sundermann und ist eine wandelnde These. Sie gehört zur Nach-68er Generation, jenen zwanghaften Weltbeglückern und Gutmenschen, die sich die Weltpolitik zum Abenteuerspielplatz erkoren hatten. Warum er die 68er nicht mag, hat Richard Wagner in seinem Essayband "Der deutsche Horizont" (2006) ausführlich beschrieben. Er wirft diesen Bürgerkindern Großmäuligkeit und Ignoranz vor: Sie behaupteten, die Welt zu retten und missbrauchten dabei die große Politik zur Lösung ihrer privaten Probleme. Auch die folgende Generation stand noch völlig in diesem Bann, nur die politische Praxis war inzwischen obsolet geworden.

"Es ist eine sehr private Generation, die aber dadurch tragisch wird, dass sie dieses Ideologische nicht abstoßen kann, indem sie es reflektiert, sondern indem sie es sozusagen verinnerlicht" sagt Richard Wagner. Wie Bille Sundermann, die Tochter aus reichem Haus, die während einer Klassenfahrt nach Bergen-Belsen voller Scham vor der Schautafel steht, auf der die Landmaschinenfirma der Eltern als Zwangsarbeitsort aufgeführt ist. Vom Geld dieser Firma lebt sie, von diesem Geld wird ihr Internat bezahlt. Wie unter Zwang wendet sie sich später der Flüchtlingsfrage zu - ein trotziger, melancholischer Versuch, ihrer Familie zu entkommen und diese gleichzeitig anzuprangern.

Schemenhafte Jeanne d'Arc

Es hätte verschiedene Möglichkeiten gegeben, diesen Weg zu erklären. So wie Bille agiert, denkt man sofort an ein paranoides Helfersyndrom, eine psychische Störung, die mit politischen Überzeugungen nicht wirklich zu begründen ist. Doch der Erzähler weicht dieser Frage aus: die Familie wird nur gestreift, der schöngeistige Vater und die schweigende Mutter scheinen in Billes Psyche keine Spuren hinterlassen zu haben. Aber kann ein Kind sich direkt an der Familientradition abarbeiten? So bleibt Bille schemenhaft, eine verwirrte Jeanne d'Arc, die gegen sich selbst kämpft und den Erzähler offensichtlich langweilt. Und nicht nur ihn: Anna, mit der er an einem Filmdrehbuch über diese Geschichte arbeitet, will weder vom Clash der Kulturen noch von weiteren Holocaust-Erklärungen etwas hören.

Verzweifeltes Muttersöhnchen

Sie will eine richtige Geschichte. Also erzählt Carlo von Dejan - damit wird es spannend. Der ist ein Softie und Muttersöhnchen, und Bille stilisiert ihn ironischerweise zum idealen Rom. Zu Hause in Novi Sad hat er sich keine großen Gedanken gemacht, weder über seine Zukunft, noch über seine Identität, das alles hat seine Mutter Mila erledigt. Er fühlte sich bei seinen Kumpels zu Hause und jobbte sich durchs Leben. Dann kam die von Mila organisierte Flucht, in Deutschland verpasst man ihm eine Identität, die ihm verzweifelt fremd ist, aber die Fachleute hören ihm gar nicht zu.

Gezwungenermaßen beginnt er über seine Herkunft nachzugrübeln, denkt an das Dorf seiner Kindheit, an die Geschichten der Großeltern und das Schimpfen der Mutter über seine Roma-Wörter. Es ist die bittere Geschichte eines Heimatverlustes, die hier einfühlsam und genau erzählt wird, doch perfiderweise nisten sich über diesen Umweg die serbisch-nationalistischen Träume als Gewaltfantasien in Dejans Kopf ein. Nur die lebenskluge Mila sieht das Verhängnis kommen: als sie in einer anrührenden Szene Bille und Dejan im chaotischen Nachwende-Budapest trifft, ahnt sie, dass aus ihnen dreien, die sich hilflos gegenüberstehen, keine Familie wird.

Ebenso meisterlich und mit viel Situationskomik - die wir schon aus Wagners Roman "Habseligkeiten" kennen - wird Dejans Eintauchen in die Berliner Emigranten-Szene erzählt. Nächtelang zieht er durch die Kneipen von Moabit und lässt sich von Kiez-Ladies und Möchtegern-Philosophen die westliche Welt erklären. Aber das kann die Katastrophe nicht mehr aufhalten. Mit diesen knappen, pointierten Szenen ist auch die Spötterin Anna zufrieden, die statt einer politischen Geschichte eine von "Freiheit, Liebe, Tod und Schuld" wollte.

Es bleibt eine offene Geschichte, und das ist, neben dem intimen Blick auf die osteuropäische Macho-Gesellschaft, eine Stärke dieses Romans. Er verzichtet auf letzte Erklärungen, auch wenn er sich ihnen auf Haaresbreite nähert.

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