Das Regal der letzten Atemzüge von Aglaja Veteranyi, 2002, DVADas Regal der letzten Atemzüge.
Roman von Aglaja Veteranyi (2002, DVA).
Besprechung von Barbara Schaefer in der Stuttgarter Zeitung vom 13.9.2002:

Der Himmel ist eine Garderobe
Aglaia Veteranyis nachgelassener Roman "Das Regal der letzten Atemzüge"

Wüsste man es nicht besser, und "besser" meint hier nichts Positives, müsste man sich beim Lesen des "Regals der letzten Atemzüge" Sorgen um die Autorin machen. Eine Todtraurigkeit weht daraus, die sich aufs Gemüt legt. Doch es ist zu spät, sich Sorgen zu machen, wie wir wissen. Aglaja Veteranyi hat sich im Februar dieses Jahres, noch vor Erscheinen ihres zweiten Romans, kaum vierzigjährig das Leben genommen.

Mit ihrem Debüt "Warum das Kind in der Polenta kocht" wurde sie schlagartig bekannt, in Klagenfurt hatte sie daraus gelesen und fiel durch, doch das Buch euphorisierte die Kritik. Erzählt wird, in Zügen autobiografisch, das Erwachsenwerden eines Zirkuskindes. Veteranyi, geboren 1962 in Bukarest, wuchs in einer Artistenfamilie auf, die Familie flüchtet aus Rumänien, tingelt durch die Welt, wird sesshaft in der Schweiz. Da spricht die Jugendliche bereits mehrere Sprachen, ist jedoch, zu ihrer eigenen Scham, Analphabetin. Sie bringt sich selbst Lesen und Schreiben bei - und Deutsch, ihre Schreibsprache.

Deutsch ist also nicht ihre Muttersprache, daran mag es liegen, dass sie die Wörter auf unvergleichliche Art geradezu einzeln setzt. Ohne Schmuck, ohne Schnörkel. Fast keine Adjektive. Im Erstling hat sie das auf eine noch knappere Weise getan, zudem amüsant. Ein Beispiel: Die Mutter des ich-erzählenden Kindes hängt an den Haaren, das ist ihre artistische Nummer. Die Haare sind das Wichtigste an einer Frau, sagt sie. Veteranyi: "Mein Vater sagt, das Wichtigste sind die Hüften. Ich stelle mir eine Frau vor mit so großen Hüften wie das Zirkuszelt. Das verträgt sich aber nicht mit dem Hängen."

Im "Regal der letzten Atemzüge" verdichtet sich dies zu assoziativen Schnipseln. Die Ich-Erzählerin ist erwachsen geworden. Sie versucht, sich aus den Familienbanden zu lösen, versucht, diese erst einmal zu erkennen. Anlass ist das Sterben der geliebten Tante: "Die Räder schnitten das Zimmer auf, der wunde Boden kippte nach innen, durch mehrere Stockwerke hindurch. Wir fielen in die Erde wie in einen Mund." Der lakonische katastrophische Gedanke, der sich hier wie aus dem Zusammenhang gerissen liest, steht auch im Text in keinem Kontext; die Erzählerin bewacht das Sterben der Tante im Hospital, und ihr Schmerz setzt diese Bilder frei.....Fortsetzung

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