Das Recht auf Rückkehr von Leon de WinterDas Recht auf Rückkehr.
Roman von Leon de Winter (2001, Diogenes - Übersetzung Hanni Ehlers).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 28.8.2009:

Leon de Winters Roman über die Sackgassen des Lebens
Das präzise Roman-Panorama eines schlagfreudigen Rechtsauslegers: Leon de Winters neuer Roman „Recht auf Rückkehr” zeigt die die Mechanik der Gewalt in Großaufnahme.

Islamisten flößen ihm eine Mischung aus Furcht und Hass ein. Und was der niederländische Romancier Leon de Winter zuweilen in Interviews fordert, ist Provokation erster Güte und nicht immer gut zu ertragen: Terrorbekämpfung ohne Rücksicht auf Rechtsstaatlichkeit oder den Einsatz von Schäferhunden gegen marokkanische Fußballfans. Als der islamistische Mörder des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh vor Gericht sagte, er wolle sterben, empfahl de Winter, ihm einen Gürtel und Schnürsenkel in die Zelle zu geben, damit er sich selbst richten könne.

Dabei hatte er sich selbst vorgenommen, „ein gutes Glas Wein auf die Nachricht vom Tode Theo van Goghs zu trinken“, wie er der „Welt” verriet. Ja, das war eine andere Geschichte, von Rach- und Eifersucht – van Gogh hatte de Winter eine Art Shoa-Business vorgeworfen, mit üblen antisemitischen Polemiken, in einer üblen Vermischung von Sex und Auschwitz.

Kein Ausweg aus der Sackgasse des Lebens

Aber: Sobald er Romane schreibt, verwandelt sich der vereinfachungs- und schlagfreudige Rechtsausleger de Winter in einen Panorama-Maler mit haarfeinem Pinselstrich: Für jeden Zwiespalt und jeden Zweifel, der in Menschenseelen und auf politischem Parkett zu Hause ist, findet er plötzlich schmerzhaft präzise Bilder. Sein gerade erschienener Roman „Recht auf Rückkehr” erzählt einmal mehr von einem gebrochenen Helden, der bei aller Symphatieträgerei auch befremdliche Züge hat: Bram Mannheim, ein überragender Historiker, Sohn eines Biochemie-Nobelpreisträgers aus Holland, lebt am Ende des Romans im Israel des Jahres 2024, das auf die Hälfte der heutigen Fläche geschrumpft ist. Das und ein DNA-Scanner, der sekundenschnell zwischen Juden und Nichtjuden unterscheidet, sind aber schon die wesentlichen Veränderungen gegenüber der heutigen Welt.

Bram, dessen Leben wir verfolgen, ist ein Glückspilz mit bildschöner Frau – bis er irgendwann hinter dem Mörder seines verschwundenen Sohns herjagt. Er wird jemanden in Selbstjustiz ermorden und erleben, dass sich eine abseitig wirkende Verschwörungstheorie als realistisch erweist. Er wird seinen greisen Vater betreuen und Sanitäter sein, er wird eine neue Frau finden – und bei alledem wird klar sein, dass es keine Auswege gibt aus der Mechanik von Gewalt und Gegengewalt, aus den Sackgassen des Lebens und der Geschichte. Übrig bleibt die Chance, Mensch zu bleiben, selbst unter unmenschlichen Bedingungen. Und weil de Winter das einmal mehr filmreif und mit geschmeidigen Dialogen erzählt, ist dieser Roman, mit dem er Jahre seines Lebens gekämpft hat, ein großer. Größer als Hollywood.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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