Das Rauschen der Welt von Rainer Fabian, 2003, Klett-Cotta1.) - 2.)

Das Rauschen der Welt.
Roman von Rainer Fabian (2003, Klett-Cotta).
Besprechung von Wolfgang Lange in Neue Züricher Zeitung vom 08.07.2003:

«Voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar»
Rainer Fabian sondiert das «Rauschen der Welt»

Eines frühen Morgens sieht sich Kohner, ein bei einem Hamburger Magazin beschäftigter Journalist, jäh aus dem Schlaf gerissen. Das Telefon klingelt. Am Apparat zunächst nur Rauschen, nichts als Rauschen, «weisse, tonlose Musik» dringt durch die Leitung. Das Geräusch scheint aus weiter Ferne zu kommen, ein diffuser Nachklang des Rumors vielleicht und des Lärms, irgendwo da draussen. Schliesslich meldet sich eine Stimme. Es ist die Joãos, eines Taxifahrers, der ihm in Matatudo City wiederholt als Informant, Vertrauens- und Verbindungsmann vor Ort diente. Die Nachricht, die er übermittelt, ist kurz und alarmierend: «Pizarro . . . ich glaube . . . ich weiss, wo sich . . . Pizarro . . . versteckt hat . . .»

So eröffnet Rainer Fabians erster, sich dem «Rauschen der Welt» widmender Roman. Er handelt von Dingen, die in der Luft liegen oder durch den Äther schwirren, jedoch äusserst schwer zu entziffern sind, er spielt hier und heute, erzählt von der Reise eines Mannes in die Aussenbezirke des «global village» (und ein wenig darüber hinaus). Annonciert ist das Buch als «road movie», genauer handelt es sich um einen Abenteuerroman in der Nachfolge von Joseph Conrads «Heart of Darkness».

Gleich diesem schickt Fabian den Protagonisten seines Romans auf eine Expedition in den Abgrund der kolonialisierten Welt. Für Conrad war dies die Sphäre absoluten Grauens, eine «lichtlose Region heimtückischer Schrecken», Kohner, dem Alter Ego Fabians, wie man sagen darf, ergeht es kaum anders. Von Geräuschen nachgerade besessen, wird er durch diese in das Hinterland einer nur zum Schein von den Medien aufgeklärten Welt gelockt, um sich hier im tropisch wuchernden Strauchwerk namenlosen Grauens zu verfangen.

Die Erzählung Joseph Conrads spielt in der Magengrube des dunklen Kontinents, in Kongo, der Roman Fabians in einem fiktiv angesetzten, deshalb jedoch nicht weniger realistisch geschilderten Südamerika, in Matatudo, einem wohl brasilianischen Zuständen nachempfundenen Land, das auch als «der grösste Aberglaubenslum der Welt» bezeichnet wird, als das «Land der beschlagenen Spiegel» oder, in Anlehnung an seinen portugiesischen Namen: das «TötetAllesLand».

In ihm macht Kohner sich auf die Jagd nach seinem Gegenspieler, Carlos Pizarro, einem Aktionskünstler, Ausstellungsmacher und Terroristen, den er verdächtigt, Drahtzieher des Attentats gewesen zu sein, bei dem Ana ums Leben kam, die einzige Frau, die Kohner je wirklich geliebt hat. Allein die mit João aufgenommene Fährte erweist sich als Falle. Der Jäger erkennt zu spät, dass er von Anfang an der Gejagte ist. Unter einem brodelnden Vulkan, am Fusse des Pico da Neblina, wird Kohner von Pizarros Leuten gefangen gesetzt, in Bonfim, am «Arsch der Welt», in einem heruntergekommenen, von diesen okkupierten Sanatorium harrt er als «Gringo perdido», das heisst in diesem Fall als Sündenbock, dessen, was da kommen muss.

Rainer Fabians Roman lädt zur Allegorese ein. Mit dem Terror der politischen Avantgarde korrespondiert das Grollen einer vulkanisch entfesselten Natur; den «magischen Kanälen» (Marshall McLuhan), über die die Informations- oder Kommunikationsgesellschaft unserer Tage Sounds, Signale und Nachrichten transportiert, antworten die Inbrunst und der Eifer, mit denen eine von den Guerilleros aufgestachelte Menge sich anschickt, den Blutdurst ihres den Zufällen und dem Glück geweihten Gottes Ekeko zu stillen. Die Extreme berühren sich, an ihrem äussersten Ende schlagen die Dinge in ihr Gegenteil um, reisst der Abgrund auf, den man für gewöhnlich die Welt nennt. «Die Erde», heisst es gegen Schluss, «ist ein Kannibale, der sich selbst auffrisst und verdaut und sich aus dem After wieder herauswürgt.»

So spätmodern, um die sich aufdrängende, aber in die Irre führende Floskel «postkolonial» zu vermeiden, der Roman anmutet, näher betrachtet eignet ihm eine Tendenz ins Barocke. Nicht nur schwelgt «Das Rauschen der Welt» in Wortkaskaden, um auf seinem Höhepunkt ein furioses Feuerwerk enzyklopädischen Wissens zu entzünden, nicht nur gerät die Reise dem Helden zur Prüfung seiner selbst, zur Konfrontation des Ichs mit der bitteren Wahrheit, die im Altern liegt und im Tod - die Geschichte, die Rainer Fabian erzählt, wird zudem von einer Figur beherrscht, die im Zeitalter des Barock zuletzt einen ihrer ganz grossen Auftritte hatte, der vielgeschmähten Glücks- und Schicksalsgöttin Fortuna. All ihres emblematisch verbürgten Beiwerks entkleidet, wirkt sie bei Fabian in Gestalt des nackten Zufalls am Ende gar ein «Wunder»....Fortsetzung

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Das Rauschen der Welt von Rainer Fabian, 2003, Klett-Cotta2.)

Das Rauschen der Welt.
Roman von Rainer Fabian (2003, Klett-Cotta).
Besprechung von Frank Morgner im Goon-Magazi, 2003:

»In seinem Traum sah er ein Moskitonetz. Es war so groß, dass es ganze Kontinente überspannen konnte, und darunter lag Matatudo und schlief. Das ganze Netz hing über dem Land wie eine Wolkendecke, und er versuchte, das Netz beiseite zu schieben, um vielleicht den Ort entdecken zu können, wo sich der Mörder, den er seit Jahren suchte, verborgen hielt.
Aber es gelang ihm nicht.«
aus: »Das Rauschen der Welt«

Das Rauschen – in der Musik, die Überlagerung vieler Geräusche und Klänge – ist Sinnbild der alles beherrschenden Informations- und Kommunikationsgesellschaft, die doch dort in Frage gestellt wird, wo religiöser Eifer, Zufall und Glück das Leben bestimmen.
Rainer Fabians erster Roman »Das Rauschen der Welt« hat dies zum Thema, das und die Suche der Antwort auf die Frage nach dem »Warum«.
Der Protagonist Kohner, Journalist und nachgerade besessen von Geräuschen, »Warum, hatte der Erwachsene später gedacht, gibt es keine Alben, die mit Klängen gefüllt sind, in denen man blättert und die man den Freunden zeigt«, verschlägt es nach einem nächtlichen Anruf, der ebenso kurz ist wie alarmierend, »Pizarro... ich glaube... ich weiß, wo sich... Pizarro... versteckt hat«, nach Matatudo, einem fiktiven, gleichwohl realistischen Südamerika, das Brasilien nachempfunden ist.
In diesem Land der beschlagenen Spiegel, dem Tötet Alles Land, hofft Kohner nach langen Jahren den Drahtzieher des Anschlags zu finden, dem Ana, die einzige Frau, die er je geliebt hat, zum Opfer fiel: Carlos Pizarro, Aktionskünstler, Ausstellungsmacher, Terrorist und ebenso wie er von Geräuschen fasziniert.
»Das Rauschen der Welt« ist ein Roadmovie, ein Abenteuerroman, ähnlich Joseph Conrads »Heart of Darkness«, eine Reise in die Hinterhöfe der globalisierten Welt.
Alles beginnt damit, dass Kohner ein Tonband voller Geräusche zugespielt wird. Ein Hinweis vielleicht? Oder eine von Pizarros künstlerischen Aktionen? Kohner begibt sich auf die Spur dieser Geräusche, die ihn, so hofft er, unweigerlich zum Terroristen führen werden.
Rainer Fabian schildert, mit dem Wissen eines langjährigen Lateinamerikakorrespondenten, in beklemmender Detailtreue diese Fahrt seines Alter Ego Kohner entlang des Abgrundes der kolonialisierten Welt, in der die Gewissheiten der Informations- und Kommunikationsgesellschaft nichts mehr zählen, das Fremde einen anspringt.
Nichts ist auf dieser Reise wie es scheint, ist der Jäger von Anfang an ein Gejagter und wird, am Fuße des brodelnden Vulkans Pico da Neblina, im Örtchen Bonfim, festgenommen, in die Falle gelockt von Joao, seinem einheimischen Führer. An diesem »Arsch der Welt«, in einem heruntergekommenen von Pizarro und seinen Anhängern okkupierten Sanatorium, harrt er als Gringo perdido, als Sündenbock dessen, was da kommen muss.
Vulkanisch entfesselte Natur, vom religiösen Eifer entfesselte Menschen, so geht das Buch seinem Höhepunkt und überraschenden Ende entgegen, getrieben von Rainer Fabians Wortkaskaden und seiner Sprachgewalt, die aufs Gehirn eindonnert und doch nur eins zurücklässt: Rauschen.

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