Das
Randfigurenkabinett des Doktor Thomas Mann.
Buch von Thomas
Mann (2005, S. Fischer, hrsg. von Barbara Hoffmeister & Robert
Gernhardt).
Besprechung von Tobias
Hell im Münchner
Merkur, 22.12.2005:
Piepsam
und Grünlich im Rampenlicht
Thomas Manns Randfiguren
Seine Romane mögen die magische Tausend-Seiten-Grenze mehr als nur einmal überschritten haben. Doch im Grunde seines Herzens ist auch Thomas Mann stets ein Meister der Miniatur geblieben. Denn sind es letztlich nicht gerade die kleinen, mit unendlicher Liebe zum Detail gezeichneten Nebenfiguren, die Manns Werke erst zu dem machen, was sie sind? All jene unverwechselbaren Charakterköpfe wie Lobgott Piepsam, Bendix Grünlich oder die gute Sesemi Weichbrodt aus den "Buddenbrooks", deren sprechende Namen allein schon eine ganze Geschichte erzählen.
Lesevergnügen für Neulinge
Solche und andere Sonderlinge hat Barbara
Hoffmeister nun in ihrem "Randfigurenkabinett des Doktor Thomas Mann"
versammelt, um ihnen endlich einmal den Platz im Rampenlicht einzuräumen, der
ihnen zusteht. Vorgestellt werden die Herrschaften dabei mit kurzen Passagen aus
den Originaltexten, die von der Autorin, wenn nötig, mit knappen einleitenden
Kommentaren versehen wurden, um Mann-Neulingen das Lesevergnügen zu
erleichtern.
Entstanden ist so eine Art "Best of" aus dem Gesamtschaffen Thomas
Manns: ideal geeignet für all jene, die zwar schon immer mal einen Blick in die
Werke des großen Ironikers werfen wollten, bisher aber davor zurückgeschreckt
sind, deshalb gleich die 1002 Seiten des "Zauberbergs" zu erklimmen
oder die vier Bände von "Joseph und seinen Brüdern" zu
durchstreifen. Dabei ist es immer wieder verblüffend, wie es Mann gelingt,
seine Figuren mit all ihren liebenswerten Ecken und Kanten auf knappstem Raum
genau zu umreißen.
Ein Gesicht erhalten die oft skurrilen Bewohner des Randfigurenkabinetts zudem
durch die Zeichnungen, die Illustrator Robert Gernhardt für das Buch
beigesteuert hat und welche die literarischen Porträts mal humorvoll, mal
bissig kommentieren oder ergänzen.
Und so könnte es durchaus sein, dass es auch für diejenigen, die sich bereits
an einen oder mehrere Romane Manns gewagt haben, noch manche neue Facette zu
entdecken gibt, die bei der ersten Beschäftigung mit Castorp, Aschenbach und
Co. vielleicht etwas auf der Strecke geblieben ist.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1205 LYRIKwelt © Münchner Merkur