Das Provisorium, 2000, S. FischerDas Provisorium.
Roman von Wolfgang Hilbig (2000, S. Fischer).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 1.3.2002:

Tränen in München
Wolfgang Hilbigs Lesung im Goethehaus

Immer wieder frappierend: Kommt ein kleiner grauhaariger Mann in schlecht sitzenden Jeans und abgewetzter Lederjacke in den Raum, spricht in breitem Sächsisch ein paar kaum verständliche Sätze, holt einen Stapel Papier aus seiner Aktentasche, beginnt, daraus vorzulesen, und schon ist's einer der größten Schriftsteller dieses Landes.

Langsam, sagt Wolfgang Hilbig, hat er sich daran gewöhnt, mit dieser Berufsbezeichnung umzugehen. Sein erstes Buch veröffentlichte der gelernte Dreher, der in seiner Geburtsstadt Meuselwitz im Leipziger Industrierevier zehn Jahre lang als Heizer gearbeitet hatte, im Jahr 1978. Noch bis August ist Hilbig Stadtschreiber von Bergen-Enkheim; im Goethehaus las er nun einen Auszug aus seinem aktuellen, vor zwei Jahren erschienenen Roman Das Provisorium, einem beeindruckenden, in der Tat schonungslosen Erzählwerk.

In einem Straßencafé in der Nürnberger Fußgängerzone sitzt der Leipziger Schriftsteller C. seit Stunden vor einer halb ausgetrunkenen Tasse Kaffee, argwöhnisch beäugt von den Servicekräften, ein Fremdkörper, während um ihn herum die sakralen Riten des Konsums gefeiert werden. C. war Mitte der achtziger Jahre mit einem auf ein Jahr beschränkten Ausreisevisum in die Bundesrepublik gekommen. Den Ablauf des Visums hatte C. ignoriert, er war im Westen geblieben, ohne dort heimisch zu werden.

Bereits in der von Hilbig vorgetragenen Anfangspassage sind die zentralen Motive angelegt, die sich in quälender Konstanz in immer neuen Variationen durch Das Provisorium ziehen: C.'s existentielle Verlorenheit, die innere Zerrissenheit, die mit der politischen Lage nur unzureichend zu erklären ist ("jene Gegend, jenes psychische Gelände lag abseits hinter einer Grenze, über die er nicht zurückkonnte"), seine Schreibkrise und das Alkoholproblem, das schließlich im völligen Zusammenbuch und einem Klinikaufenthalt endet. Ein Vorfall auf dem Münchener Hauptbahnhof treibt C. plötzlich Tränen in die Augen; plötzlich kommt Heimweh in ihm auf, "und Heimweh brauchte man, um seine Ankunft im Westen zu begreifen."

Hilbig beschloss seine Lesung mit dem Gedicht Pro Domo et Mundo. Und dort heißt es passend: "Was gestern licht und wert war ist verschwendet - /und es ist Nacht und Zeit dass du dich wandelst."

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