Das Power Book.
Roman von Jeanette Winterson (2001, Berlin-Verlag - Übertragung Monika Schmalz).
Besprechung von Aimée Torre Brons in der Frankfurter Rundschau, 4.4.2002:

Freiheit nur für eine Nacht
Jeanette Wintersons "Power Book" verführt zu einem wilden Ritt durchs Cyberspace

Der Titel verrät es bereits. Das Medium in Jeanette Winterson jüngsten Roman Das Power Book ist jung und multimedial: Internet und Cyberworld. Und das Thema? Es sind zwei, und sie sind alt, sehr alt. Vielleicht sogar gehören sie zu den ältesten, die die Menschheit kennt: Liebe und Erzählen!

Da tippt sie (oder ist es anfangs noch ein er?) in den Laptop und versucht, "die Geschichte vorwärts zu bewegen", versucht, "die wirklichen und die erfundenen Welten kollidieren" zu lassen, aber die Trennwand zwischen echt und erfunden ist so dünn, "wie die Wand eines billigen Hotelzimmers": Willkommen zu einem wilden Ritt durch virtuelle Welten, irgendwo zwischen Gestern, Heute und Morgen, Hier und Woanders, Mann und Frau . . . und Frau und Frau. Winterson lässt sich in Das Power Book hemmungslos auf ein polymorphes Cyberworld ein, das einem die Freiheit des "anything goes" beschert. "Freiheit nur für eine Nacht" verspricht denn auch die Erzählerin Ali ihrer verflossenen Geliebten am anderen Ende des Netzes. Es ist die Geschichte einer gescheiterten Liebe, aber sie ist noch nicht ganz zu Ende, denn im Schreiben erobert sich die Verlassene das Vergangene zurück, schreibt es um, bietet einer Internet-Suchmaschine gleich viele Möglichkeiten des Einstiegs, entwickelt neuen Anfänge und damit auch ein anderes Ende der Geschichte. Mit einem Click in eine andere Welt, Zeit oder Geschichte, ja, sogar eine andere Identität ist möglich. Mühelos wendet die Autorin die hohe Kunst der "Short Cuts", der kurzen (Film)schnipsel, an, ohne dabei den roten Faden einer Liebesgeschichte zu verlieren, die durch permanente Verwandlungen immer wieder dazu verführt, sich gefangen nehmen zu lassen.

Begeistert plündert Winterson dabei im kulturellen Gedächtnis der abendländischen Kultur: Ovids Metamorphosen, Virginia Woolfs Orlando, große Liebespaare wie Lancelot und Guinevere oder Paolo und Francesca bevölkern den Roman ebenso wie die in einem Chat vertiefte Erzählerin Ali und ihre verheiratete Geliebte.

Nichts Geringeres als die Macht über die Wirklichkeit durch das Erzählen erprobt die Autorin und lässt sich dabei von den Symbolleisten des Computers durch den Roman navigieren: "Datei öffnen", "Neues Dokument", "Extras", "Neustart" sind nur einige der Kapitelüberschriften, die jeder computerkundige Leser kennt. Sie geben diesem fabulierfreudigen Buch eine Struktur, verraten aber kaum etwas über seinen Inhalt. "Ich kann die Geschichte verändern. Ich bin die Geschichte", postuliert die Erzählerin gleich zu Beginn und betont damit auch ihre Autorität. Noch ist sie Herrin über das Erzählte.

Der Roman gewinnt seine Stärke aus den Grenzüberschreitungen und -verwischungen. Indem der Erzählraum permanent mit Veränderung, Ausdehnung und Grenzüberschreitung spielt, bleibt er offen für die unterschiedlichsten Leserichtungen und Interpretationen. Wird der Chat zwischen zwei Frauen abgebildet, bei dem die Verlassene der Wirklichkeit mittels der virtuellen Welt Herr zu werden versucht, oder ist das Ganze ein innerer Monolog? Chattet Ali vielleicht gar nicht mehr mit der Geliebten, sondern mit den Lesern selbst? Wer erzählt hier eigentlich wem?

"Nacht. Die Suchmaschinen ruhen. Immer wieder werfe ich Geschichten über Bord wie eine Flaschenpost, in der Hoffnung, dass du sie liest, in der Hoffnung, dass du antworten wirst. Du antwortest nicht. Ich habe dich davor gewarnt, dass sich die Geschichte in meinen Händen verwandeln könnte. Ich habe vergessen, dass sich auch der Erzähler verändern kann." Leichtfüßig springt Winterson von der Macht des Erzählers zur Macht des Erzählten: "Es ist nicht bewiesen, aber es könnte sein, dass nicht Ali die Geschichten erzählt, sonder dass die Geschichten ihn erzählen."

Das Erzählte als eine Macht über die Wirklichkeit anzuerkennen ist sicherlich kein neuer Gedanke. Winterson aber gelingt es, dieses komplexe Thema als ein unterhaltsames barockes Spiel zu inszenieren, voller Andeutungen und Spiegelungen. Dennoch kann man bei diesem Buch nicht von einem "neuen" Roman der virtuellen Medien sprechen. Die im Lesen offenkundig werdenden Möglichkeiten des Internets entpuppen sich als alte Möglichkeiten des (mündlichen) Erzählens. Die polymorphe Struktur des Internets ist weniger eine des Erzählens als eine des Lesens und damit im Kopf eines jeden Einzelnen angelegt. Lesen allerdings muss man Das Power Book immer noch linear, denn Winterson hat es nicht etwa der Geschichte gemäß dem tranformationsfreudigen Cyberspace überlassen, sondern ganz konventionell auf Papier materialisiert und zwischen zwei Buchdeckel gepresst.

Als Internet-Roman hätte Das Power Book eine ganz andere Macht gewinnen können: Der Internetnutzer / -leser hätte es jederzeit verändern können und damit der Geschichte eine reale Eigendynamik verliehen, die es im Buchroman nur konstruiert; das hätte auch bedeutet, dass die Autorin die Macht über ihre Geschichten abgibt. Vielleicht aber tut man gut daran, Das Power Book einfach als eine Ode an das gute alte Buch anzuerkennen.

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