Das
Portrait.
Roman von Zoë
Jenny (2007, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 3.11.2007:
Gleich bei der Eröffnung ihrer ersten
Ausstellung bekommt die junge Malerin Helen ein ungewöhnliches Angebot. Für
eine fantastische Summe soll sie das Porträt eines reichen Sammlers malen und
dafür exakt drei Monate ausschließlich in dessen Haus verbringen. Helen zögert
nicht lange.
In der einsam gelegenen Villa herrscht eine kalte Pracht von recht zweifelhaftem
Geschmack, einer ganze Reihe opulent eingerichteter Gästezimmer steht leer. Die
junge Künstlerin jedoch wird im dunklen Nebenhaus untergebracht, in einer
spartanisch möblierten Wohnung. Einziger Schmuck ist das beunruhigend
realistische Ölbild einer brennenden Kerze; Hinterlassenschaft eines Kollegen,
der vor Helen in Diensten des schrulligen Auftraggebers gemalt und Selbstmord
begangen hatte...
Nun könnte eine Geschichte ihren Lauf nehmen, in der die seltsame Situation, in die die Autorin ihre Heldin hineingestellt hat, untergründig immer beunruhigender, ja bedrohlicher wird, eine klassische Suspense-Story, wie es eine Patricia Highsmith meisterlich zu schreiben versteht. Leider reicht alle bedeutungsschwere Symbolik, mit der Zoe Jenny ihren kurzen Roman auflädt, nicht über die gängigsten Klischees hinaus. Das beginnt schon mit der Jugend von Helen und ihrem Bruder Gabriel, die als früh verwaiste Kinder bei der armen aber gutherzigen Tante in deren enger Wohnung unter bescheidensten Verhältnissen aufgewachsen waren.
Die Treppe windet sich
Dennoch versucht diese alles, um die begabten
Geschwister - Gabriel reift neben seiner malenden Schwester zum Pianisten heran
- zu fördern. Das ist ja sehr schön, aber die Betulichkeit, mit der es erzählerisch
ausgebreitet wird, lässt die doppelte harte Künstlerjugend dann doch eher zum
Sozialkitsch werden.
Überhaupt lastet der literarische Stil schwer auf der Geschichte. Zum einen
raschelt in den Dialogen und gedachten Sentenzen laut das Papier. "Dort drüben
ist das Stadtzentrum", sagt der Taxifahrer, der Helen zu der sonderbaren
Villa fährt. Und setzt "nicht ohne Stolz" noch eins drauf: "Eine
wirklich moderne Stadt." Zum anderen benutzt die Autorin fast schon
ostentativ ein Vokabular, das aus den erstbesten, hinlänglich abgegriffenen,
banalen Formulierungen besteht. "Tageslicht flutet durch große
Fenster", "Wendeltreppen winden sich zum Dachgeschoss empor",
Finger "gleiten wie selbstverständlich über Tasten", "Füße
versinken im Teppich"... Sollte das Methode sein, so wird nicht
ersichtlich, was es dem Text nützen könnte. Auch die Mystifikation des Namens
des reichen Unternehmers und Sammlers durch ein bloßes R. lässt die Figur
nicht an rätselhaftem Charisma gewinnen. Vollends peinlich wird es, wenn man
erfährt, dass R., der sich mittlerweile als Kunstfreund mit sadistischen Zügen
entpuppt hat, ein weiterer, von der Akademie abgewiesener Möchtegern-Kunstmaler
ist.
Es passiert kaum je etwas, das den Rahmen des allzu Erwartbaren sprengt. Den
Ursachen, die Helens anfängliches Unbehagen in wachsende Panik treiben, fehlt
die subtile Raffinesse. Ein sterbender Vogel, ein toter Fuchs, ein leeres,
unwirtliches Haus und die obsessiven Macken eines psychopathischen Kunstsammlers
reichen einfach nicht ganz.
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