Das Paradies
ist anderswo.
Roman von Mario
Vargas Llosa (2004, Suhrkamp - Übertragung Elke Wehr).
Besprechung von Simone
Dattenberger im Münchner
Merkur, 12.05.2004:
Unmögliches muss gedacht werden
Lesung in München: Mario Vargas Llosas
"Das Paradies ist anderswo"
In ihm erzählt er zwei Lebensgeschichten: die
von Flora Tristan, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts leidenschaftlich für die
Frauen- und Arbeiterrechte einsetzte, und die Paul Gauguins, ihres Enkels und
einer der bedeutendsten Figuren der bildenden Kunst zu Beginn der Moderne.
Als Mensch und Maler suchte Gauguin nach dem Zustand der Vollkommenheit,
"wo ein Künstler wie Adam und Eva im Garten Eden nur die Hand
auszustrecken und seine Nahrung von den fruchtbaren Bäumen zu pflücken
brauchte" und "Kunst nicht ein weiteres Geschäft wäre".
Aber so weit er reiste, so weit er vor der
Zivilisation flüchtete, so weit entfernte sich das Paradies von ihm. Immer und
immer wieder war es "um die nächste Ecke".
Auch seine Großmutter Flora Tristan forschte nach dem Paradies. Aber sie war
nicht so naiv wie der Enkel zu glauben, dass dieser Traum von einer besseren
Welt einfach an einem exotischen Ort zu finden wäre. Flora analysierte vielmehr
erst die irdische Hölle von Armut, Dummheit und Ausbeutung mit dem Ergebnis,
dass es da eine Änderung geben musste. Sie kämpfte nicht wie ihr Enkel
egoistisch nur für die eigene Sache - auch wenn's die der Kunst ist -, sondern
für die Frauen und die Arbeiterschaft.
Sie wusste, dass das Paradies unendlich viele
Ecken entfernt liegt. Beide Haltungen, die des Altruismus' und die der Egomanie,
sind nach wie vor aktuell; prägen uns individuell, politisch und
gesellschaftlich. "Zeitgenossen" bleiben auch Angst und Aggression,
die den Utopisten von den Zweiflern, Pragmatikern und Beharrenden
entgegenschlagen.
Vargas Llosas Buch macht jedoch eines klar: Das Unmögliche muss gedacht werden,
nicht um ins weltliche Paradies zu gelangen, sondern um das Mögliche zu
erreichen.
Das Mögliche an Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Ein klein wenig Paradies oder Vollkommenheit immerhin ist in der Kunst zu erlangen, in einem "Meisterwerk". Einige konnte sich Gauguin abringen. So viel Kampf darin steckt, so viel Geschenk eines Augenblicks, eines Gefühls, einer Stimmung sind sie. Flora Tristan hingegen musste die ungeheure seelische Kraft aufbringen, auf eine ähnliche Erfüllung ihrer Idee ganz in der Zukunft zu vertrauen.
Klug und überzeugend - bisweilen etwas oberlehrerhaft, wenn er seine Figuren direkt anspricht - hat der peruanische Schriftsteller diese Wege zum Paradies beschrieben. Ein Meisterwerk ist ihm aber nicht gelungen. Zu übermächtig ist der Stoff, den er bewältigen musste. Trotz der knapp 500 Seiten blieb es bei der "Bewältigung", wahre Kunst konnte nicht entstehen.
Die Schicksale von Tristan und Gauguin sind so vielschichtig, ereignisreich und aufregend, dass jedes für sich einen Wälzer hätte füllen können. Mario Vargas Llosa verzahnt sie auf doppelte Weise. Szenen aus der letzten Lebensphase von Flora und Paul wechseln sich ab. Er lebt, liebt und malt auf Tahiti und den Marquesas, gequält von der sich verschlimmernden Syphilis.
Sie reist durch Frankreichs Städte, um gegen alle Widerstände eine Arbeiterunion zu gründen, gequält von ihren Krankheiten und einer Kugel in der Brust. Ihr brutaler Ehemann hatte sie einst überfallen und angeschossen. Innerhalb dieser Episoden erfolgt die zweite Verzahnung. Die beiden erinnern und reflektieren ihre höchst turbulente Vorgeschichte.
Damit noch nicht genug. Der Autor hat den Ehrgeiz, über sämtliche sozialrevolutionären Fantasien aus den 1840er-Jahren zu informieren: von den "Saintsimonisten" über das "Phalanster"-System bis zu den "ikarischen Kommunisten". Neben dieser Gedankengeschichte ist die Haltung zur Sexualität das zweite Leitmotiv in Vargas Llosas überbordendem Roman. Auch ein Lebens-Phänomen, das das Paradies verheißt und zugleich, als "Sünde", verschließt. Für Paul Gauguin ist sie ein Daseins-Quell, der aber den Tod bringt. Für Flora Tristan, die vergewaltigte Frau, ist sie die Hölle, die überwunden werden muss.
Obwohl Mario Vagas Llosa sich zu viel vorgenommen hat, ist das Buch gut lesbar. Dank gebührt ihm allerdings ganz besonders dafür, dass er einer so großartigen Frau wie Flora Tristan ein Denkmal gesetzt hat. Arm, unterdrückt, ungebildet und verfolgt hat sie eine schier unfassbare Seelengröße entwickelt, um anderen zu helfen. Mit einem Mut und einer Tatkraft, die ihresgleichen suchen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0604 LYRIKwelt © Münchner Merkur