Das Ohr klingt nur vom Horchen von Kirsten Breitenfellner, 2005, Skarabaeus-Verlag

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das ohr klingt nur vom horchen.
Gedichte von Kirstin Breitenfellner (2005, Skarabaeus-Verlag).
Besprechung
von Helmut Schönauer aus Rezensionen-online *bn*:

Vielleicht sind poetische Ratgeber die beste Ermunterung, sich auf eine neue Sicht der Dinge einzulassen.
Mit ihrem Roman "Der Liebhaberreflex" hat Kirstin Breitfellner jüngst etwas recht Angenehmes publiziert, nämlich die Gepflogenheiten von Liebhabern, deren Liebreiz und das aufgegeilt Ungustiöse von Balzritualen auf ironische Art vorzuführen.

Im neuen Gedichtband "das ohr klingt nur vom horchen" geht es vordergründig um den medizinischen Zustand der Sinnesorgane, die für den poetischen Akt benötigt werden. Es ist erstaunlich, dass es zu jedem menschlichen Organ einen poetischen Begriff gibt. So heißen die Gedichte griffig wie lexikalische Einträge: Druckstellen, Lebensadern, Luftwege, Aderhaut, Speiseröhre, Nervenbahn.

Für das Gedicht werden diese Begriffe in ihre zwei Bestandteile zerlegt, Vorder- und Hinterteil kriegen eine Strophe, und der ganze Zyklus wird systematisch durchkomponiert wie eine Sammlung von Minisonetten. So entsteht einerseits Sprachkritik, die Begriffe werden ja semantisch neu abgewogen und vermessen, und Poesie, die abgeklärten Begriffe werden nämlich in ein harmonisches Verhältnis gesetzt.

"speise/röhre // der speichel spritzt / so heiß ins feuer / welt schlägt / auf die magengrube // am darmrand sitzt / misstrauen ungeheuer / unverdautes trägt / die herzenstube" (9)

So nebenbei entsteht ein Wort wie "Darmrand", eine poetisch elegante Lösung für ein Ding, das man im leicht angehobenen Sprachgebrauch nicht verwenden darf.

Nach dieser Methode, den Körper über den Gebrauch des Hausarztes hinaus zu beschreiben, hat die Autorin den gesamten Zyklus von den Stimmritzen und Muskelsträngen angelegt. Dabei werden die Druckstellen zu literarischen Dingern, eben gedruckten Stellen von Gedichten, und zu Druckstellen als Hämatome am besungenen Körper.

Der "Typenschein" für den Gebrauch der Gedichte ist gleichzeitig eine Aufzählung von Sinnmöglichkeiten für die Interpretation von Texten. Da fallen dann so Begriffe wie: physio-logisch, un-heimlich, krea-türlich, a-mourös, s(k)eptisch, zeit-los, (w)örtlich, an-ästhetisch, sinn-haft, frag-los. Oft ist es nur diese kleine Wortdrehung im Sprachwind, die eine neue Begriffsfärbung für einen ganzen Gedichtstrang bewirkt.

In einem starken Finale geht es scheinbar tierisch zu. "das tier verrückt ernährt die sucht" heißt der Trakt, worin die Sprachlust scheinbar bis ins Animalische ausgereizt wird. Scheinbar blecherne Gebilde kippen durch einen unscheinbaren Klacks und werden zu beinahe romantischen Schleiern, die sich über die großen Emotionsfelder der Sprache legen.

So lapidar logisch der Titel auch klingt, wonach das Ohr vom Horchen klingt, in Kirstin Breitfellners Gedichten stecken alle nur denkbaren Klänge der Poesie.

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Das Ohr klingt nur vom Horchen von Kirsten Breitenfellner, 2005, Skarabaeus-Verlag2.)

das ohr klingt nur vom horchen.
Gedichte von Kirstin Breitenfellner (2005, Skarabaeus-Verlag).
Besprechung
von Rudolf Kraus aus Rezensionen-online *Bücherschau*:

Die Wiener Autorin Kirstin Breitenfellner hat bereits mit ihrem Debütroman "Der Liebhaberreflex" (erschienen 2004 bei Skarabæus) auf sich aufmerksam gemacht, wo sie sich mit der Charakteristik des Liebhabers, seiner Methodik und der Wirkung seiner Rituale auf ironische Weise auseinander setzt.

"das ohr klingt nur vom horchen" ist ein lyrischer Zyklus der Sinnesorgane, wo medizinische Begriffe mit sprachgewandter Leichtigkeit in poetische Gewänder schlüpfen, die keineswegs zu eng sitzen. "gehör / gang" beinhaltet eben die titelgebenden Zeilen: "das ohr klingt / nur vom horchen wider / lärm pflanzt sich in blanken / nerven fasernd fort // der schweresinn bringt / nur in stille nieder / meidet flanken / ich und du an einem ort".

Kirstin Breitenfellner komponiert diese Gedichte, sie setzt prosaische Begriffe, die an die Sprache von Ärzten erinnern, in neue Zusammenhänge, kombiniert ungewöhnlich, aber verständlich und kreiert damit poetische Gebilde, die als "DRUCK / STELLEN" kombiniert mit Begriffen wie un-heimlich, an-ästhetisch, sinn-haft, a-mourös oder zeit-los einen Namen erhalten. Im zweiten Trakt "das tier verrückt ernährt die sucht" wird Breitenfellners Poesie animalisch. So manche Zeile erinnert ein wenig an Morgenstern oder Ringelnatz, bei aller gebotenen Verwegenheit: "die zunge klebrig ausgelappt / nimmt fliegen an. die brunft / klatscht ab und quappt / gefräßig, stumpf".

Die Autorin, nein, Dichterin zeigt einen leichtfüßigen Umgang mit der Sprache, sie ist ihr eigen. Keine Nervenbahn ist zu eng, sie spaziert auf den Worten. Da kann es garantiert kein Nachteil sein, dass sie auch als Übersetzerin aus dem Russischen tätig ist, offenbaren sich doch da zusätzliche Klänge der poetischsten unter den slawischen Sprachen.

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