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1.) - 2.)
Das normale Leben
Erzählungen von Dieter
Wellershoff (2005, Kiepenheuer&Witsch).
Besprechung von Martin Krumbholz in Die
Zeit, 10.11.2005:
Die stillen Sensationen des Dieter Wellershoff
Der Schriftsteller hat sich zu seinem 80.
Geburtstag einige meisterhafte Erzählungen geschenkt
Was zum Teufel ist das eigentlich, ein »normales Leben«? Der Arzt, der den Patienten nach erfolgreichem Eingriff ins »normale Leben« zurückschickt, bedient sich nur einer Floskel. Wer aber die zehn jüngsten Erzählungen des nunmehr 80 Jahre alten Dieter Wellershoff liest, wer also einen melancholischen, erfahrungsgesättigten Blick riskiert hinter die Fassaden der bürgerlichen Realität, der kann über den Begriff »Normalität« nur noch lächeln. Ist es normal, wenn der frühere Liebhaber die frühere Geliebte im Opernfoyer mit einem bloßen Kopfschütteln abweist, während der Ehemann ein Glas Sekt spendiert mit der originellen Bemerkung: »Etwas Frisches tut gut«? Oder wenn ein gut situiertes Ehepaar – über ihn heißt es: »Der Mann wollte offensichtlich von jedem geliebt werden. Wahrscheinlich machte das seinen gesellschaftlichen Erfolg aus« – einer Lyrikerin im offenen Wettstreit den Hof macht, um herauszufinden, wer von beiden die hinreißende junge Frau ins Bett bekommt? Zwei Alphatiere auf der Suche nach frischem Fleisch. Mit opulenten Blumensträußen und dem Begriff »Liebe« ist man schnell zur Hand; aber zwischen Selbsttäuschungen und Glücksversprechen zu unterscheiden fällt schwer – Anfängern wie Fortgeschrittenen. Das wird sich zeigen.
Zwanghafte Rituale in einem Golfclub
Gleich die erste Geschichte, Graffito, führt exemplarisch einen offenen Konflikt vor – und zwar, da es sich um eine junge Protagonistin handelt, in der Anfängerversion. Eine Studentin lebt in einer scheinbar luxuriösen, tatsächlich aber demütigenden Beziehung mit einem verheirateten Mann, der genau weiß, was er will, und es auch bekommt; gleichzeitig wird sie von einem schüchternen Kommilitonen umworben, der ihr pathetische Graffiti hinsprüht und mit seinen verzweifelten Kontaktversuchen nicht lockerlässt. Er ist ihr »Antityp«, findet sie, und doch entsteht ein rätselhafter Sog, der die »Normalität« ihres Alltags- und Liebeslebens unterhöhlt. »Du täuschst dich in mir«, hat sie ihrem Verehrer vorsichtshalber bedeutet, was dieser nicht gelten lässt: »Du kannst sein, wie du willst.« Schon fängt sie an zu grübeln. Hat dieser seltsame Mensch etwas, das ihr fehlt? Kündigt sich da etwas Großes, Einmaliges an, das es in der kalkülorientierten Beziehung mit ihrem Liebhaber nicht gibt?
Und dann ist die Geschichte, nach knapp 20 Seiten, auch schon zu Ende. Der Leser, süchtig nach Abenteuern, nach Moral und nach sauberen Lösungen, bedauert das. Aber im Grunde ist alles gesagt: Im Bewusstsein der jungen Frau hat sich etwas verändert, hat sich ein Gefühl für das Fehlende eingestellt – Pathos, Absolutheit, Glück, wie immer man jenes Uneinholbare nennen will. Konsequenzen zu ziehen wäre riskant; also bleibt vermutlich alles beim Alten. Mit dieser irritierenden Nachricht wird der Leser weitergeschickt in die nächste Geschichte.
Auf den ersten Blick sind Wellershoffs Erzählungen vor allem gediegen, der Form nach intakt. Aber das ist keineswegs nur gekonntes Handwerk. Wenn der erzählerische Habitus etwas Altmodisches und betont Unsensationelles hat, liegt das auch an der niemals saloppen oder kaltblütigen, sondern stets sorgfältigen, geduldigen, gewissermaßen defensiven Figurenzeichnung. Wunderbar zu beobachten an der Erzählung Das Sommerfest, die den schleichenden Prozess einer ehelichen Entfremdung im konventionellen Kontext ei- ner Golfclub-Festivität nachzeichnet, und zwar aus der Perspektive der Frau. Die zwanghaft um Zwanglosigkeit bemühten Zeremonien und Rituale werden nur mit einer winzigen Prise Ironie gewürzt (Golf ist eine todernste Sache); aber wie sich in die obligaten Cremes der Dessertschüsseln schon »tiefe Krater und Schluchten gegraben« haben, als die Protagonistin sich ihnen nähert, so ist auch der schöne Schein ihres wohlsituierten Mittelklasselebens angekratzt, wenn auch weniger auffällig.
Fast schon verzweifelt, nicht ohne Anflüge zivilisierter Resignation, versucht Claudia, mit ihrem Ehemann Rudolf, dem gefeierten Star des Abends, eine Basis der Übereinstimmung zu simulieren, die in Wahrheit nicht mehr existiert. Am Rande der Komik bewegen wir uns, wenn Claudia vergeblich den Augenblick sucht, ihrem Mann zu seinem Turniersieg zu gratulieren. Und es überrascht überhaupt nicht, dass Rudolf seine Frau im Lauf der Nacht mit deren Schwester betrügt, die begehrenswert erscheint, gerade weil sie die schützenden Grenzen der Konvention ignoriert. Was Wunder: Trägt Evelyn nicht jenes Kleid aus goldfarbener Seide, das Claudia ursprünglich für sich selbst ausgesucht hatte, dann aber zu gewagt fand?
Es handelt sich wohl nicht um einen endgültigen Rollentausch. Aber das Gefühl der erotischen Unterlegenheit wird die Protagonistin so schnell nicht mehr verlassen. Ehen bluten aus und existieren trotzdem weiter, oder sie werden beendet und durch eine Versuchsreihe ersetzt, bis eines Tages Bilanz gezogen werden muss. Wie etwa in der Titelerzählung: Aufgrund des fortgeschrittenen Alters ihres Helden kokettiert sie nicht mit dem Tod, sondern ist ihm nah. Nach einer letzten erotischen Begegnung mit einer früheren Geliebten feiert er Abschied: von der Frau, von der Liebe, langsam auch vom Leben. Noch einmal kehrt er zurück in die »Normalität«, wie es ihm sein Arzt empfohlen hat, und er hat begriffen, dass »das normale Leben« nichts ist als eine »Abschlagszahlung auf das unerfüllbare Verlangen nach Grenzenlosigkeit, das in ihnen steckte und lauter Wunder und Bizarrheiten und poetische Augenblicke hervorbrachte wie diesen«. So viel Optimismus ist selten in diesem Buch, das voll ist von Lebenserfahrung und also auch von der Gewissheit, dass man das Leben nehmen und, trotz allem, genießen muss, weil es ein anderes nicht gibt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0206 LYRIKwelt © M.K./Die Zeit
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2.)
Das normale Leben
Erzählungen von Dieter
Wellershoff (2005, Kiepenheuer&Witsch).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 7.12.2005:
Die große Unerfüllung
Dieter Wellershoffs betreibt literarische
Verhängnisforschung
Ehebruchsgeschichten, die die Familien-Idylle von innen erodieren lassen
In seinem epischen Meisterwerk Der
Liebeswunsch hatte Wellershoff vor fünf Jahren eine giftig-fatalistische
Variante von Goethes Wahlverwandtschaften vorgelegt. Die unglückliche
Heldin Anja war dort mit ihrem absoluten Liebesverlangen am rationalistischen
Liebes-Kalkül ihrer zwei Männer zerbrochen. Der Geliebte entpuppte sich als
ein erotischer Risikospieler, der Ehemann als pedantischer Jurist und williger
Vollstrecker falscher Ehe-Konventionen.
In den zehn Erzählungen seines neuen Buches, die bis auf eine Ausnahme in den
letzten drei Jahren entstanden sind, spielt Wellershoff seine fatalistischen
Lieblingskonstellationen noch einmal durch. Da sind zum einen die kühl erzählten
Geschichten von Ehebruch und erotischem Doppelleben, in denen die Familienidylle
von innen erodiert und der Tabubruch die Betrogenen wie auch die Betrüger ins
Unglück reißt. Heillosere Liebesgeschichten sind in der deutschen
Gegenwartsliteratur kaum je geschrieben worden. Wellershoff verfügt über ein
bestürzendes Sensorium für das Ausweglose, in dem alle Liebeswünsche
ersticken.
Je stabiler das bürgerliche Setting, desto tiefer der Fall in den Ausnahmezustand
Nach dem Ende einer rauschhaften Affäre versucht
eine Frau ihre in Lethargie versunkene Ehe durch einen Opernbesuch mit ihrem
Ehemann wiederzubeleben. In der Oper trifft die verlassene Geliebte aber nur
ihren ehemaligen Liebhaber wieder und sieht sich um so tiefer ins Schweigen zurückgestoßen.
Andere Geschichten erzählen von deprimierenden Liebesverlusten und panischen
Fluchtbewegungen. Ein Buchhändler, früh zum Witwer geworden, hat sich mit
seinem verpfuschten Leben arrangiert und sich zu diesem Zweck alle verbliebenen
Wünsche nach Glück ausgetrieben. Am Ende sieht er in stoischem Gleichmut dem
eigenen Verfall zu. Eine wenig bekannte Lyrikerin sieht sich in der Erzählung
"Das Verschwinden" unversehens mit dem vereinnahmenden Liebeswerben
einer Frau konfrontiert und ergreift die Flucht, da sie fürchtet, von
unbekannten Gefühlen überwältigt zu werden. In der Titelgeschichte ist ein
pensionierter Rundfunkredakteur durch einen leichten Herzinfarkt an den Rand des
Todes geraten und sucht im Blick auf die eigene Sterblichkeit noch einmal das Glücksversprechen
einer erotischen Passion. Aber zum ersten Mal muss der Held die Erfahrung
machen, dass ein "völlig neues Leben" nicht mehr zu gewinnen ist und
er sich auf den Abschied vom Dasein und "die grenzenlose, schmerzlose
Freiheit im Nichts" vorbereiten muss.
"Das Private", heißt es an einer Stelle des Buches, "ist eine
Dunkelkammer." In diese Dunkelkammer sind Wellershoff Helden eingeschlossen
wie in ein Verlies. Je unanfechtbarer sie eingebettet sind in ihre bürgerlichen
Lebensverhältnisse, um so tiefer ist dann ihr Sturz in den Ausnahmezustand, der
sie, wenn nicht um ihr Leben, so doch um ihre Träume bringen wird. Wellershoff
erfasst sehr genau die Augenblicke der Verwunderung, in denen die Figuren binnen
kürzester Zeit aus ihrem "normalen Leben" fortgerissen werden.
Dabei wählt er stets eine intime personale Erzählperspektive, die sich auf das
momentane Bewusstsein der handelnden Personen beschränkt und nicht von außen
kommentierend in das Geschehen hineinredet. "Ich bin irgendwie aus meinem
Zentrum gerutscht", heißt es an einer Stelle dieser
Vergeblichkeits-Geschichten. Nicht immer gelingt es Wellershoff, seine Erzählungen
von kommentierenden Sentenzen zur Unglücksverfallenheit seiner Figuren
freizuhalten. Überhaupt wird es Leser geben, die Wellershoffs Fixierung auf
bestimmte soziokulturelle Milieus oder auch auf ältlich wirkende Namen als
anachronistisch beargwöhnen. Wo findet man in der deutschen Gegenwartsliteratur
sonst noch Helden, die Walter, Rudolf oder Gerda heißen? Da scheint in
bestimmten Partien des Buches die literarische Atmosphäre der sechziger Jahre
herüberzuwehen.
In der Erzählung "Das Sommerfest" sind es einige Smokingträger im Golfclub-Ambiente, die sich mit hölzernen Tanzschritten und ebenso hölzerner Konversation ein außerordentliches Vergnügen zu bereiten suchen. Auch wenn der Ministerialbeamte seine Frau in die Oper führt ("In der Oper") oder die Lyrikerin zur Party des Galeristen eintrifft ("Das Verschwinden"), scheint streckenweise vor den Augen des erstaunten Lesers eine Gespensterparade aus längst versunkenen Milieus vorbei zu defilieren. Aber trotz solcher gelegentlichen Schwächen ist es doch die Präzision und Dichte von Dieter Wellershoffs literarischer Verhängnisforschung, die einen in Bann schlägt. In der epischen Erkundung bürgerlicher Daseinsverfehlungen ist dieser Autor nicht zu übertreffen.
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Leseprobe I Buchbestellung I home 0307 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau