Das nervöse Zeitalter von Rüdiger Saß, 2013, G. Schäfer VerlagDas nervöse Zeitalter.
Prosa von Rüdiger Saß (2012, Gabriele Schäfer Verlag).
Besprechung von Hartmut T. Reliwette, Februar 2013:

Das nervöse Zeitalter
Oder Literatur zum Kilopreis

Der ewige Erfinder neuer Wortschöpfungen ist ein alter Bekannter innerhalb der zeitgenössischen Literaturszene. Anders als jene Kollegen und Kolleginnen, die dem Boom der Kurzkrimi-Szene „literarischen Tribut zollen“, setzt Saß die Erkenntnisse aus den Studiengängen der Soziologie, Germanistik, Geschichte und politischen Wissenschaften in mehr oder weniger kurzen Episoden seinem Erleben in der Realität entgegen. Wenn man genau „hinliest“, wird an einer Stelle deutlich formuliert, dass diesem Schaffen außer gelegentlichem Schulterklopfen kein verdaulicher Einspeis (Anmerkung des Verfassers) dem „Magen zuzuführen sei“
(Anmerkung des Verfassers).

Der Autor gibt nicht nur seinen Protagonisten bezeichnende Grobnamen wie „Schorf Schlaffschiß“ oder „Kokolores Greinbeiß“, sondern auch Städten, Burgen oder Dörfern so wie z.B. der Pimmelburg über der Ortschaft Pimmelberg“. Die aus dem Zeitgeschehen abgeleiteten phantasievoll niedergeschriebenen Begebenheiten haben durchaus Bezug zur Realität, die sich brutal dem sehenden Auge und wachen Verstand offenbart. Mich erinnern Inhalte seiner Stories und die Verarbeitung des

„Stoffes“ stark an Monty Python, der eine eigene Art von Humor an das Kinovolk herantrug.

Absurd und komisch bedeutet nicht, dass Seh -oder Lesbares an den Haaren herbei gezogen werden muss. Es kommt immer auf die Umstände an, unter denen ein Autor die Lebens- und Lesebühnebühne bestreitet: mit oder ohne Zuschauer. Ein Lehrsatz aus dem Munde des Autors fällt auf: “Wir leben alle in einem kapitalistische System, aber nicht jeder ist ein Kapitalist“. In einigen Episoden geht es gar detailgetreu eklig daher (Elend in Neapel).

Saß spielt mit Worten wie ein Virtuose ein Stück von Chopin auf dem Klavier. Das ist köstlich. Diese „Klaviatur der Wortschöpfungen“ bricht auch dann nicht ab, wenn seine Protagonisten in eklige bis brutale Szenen verwickelt werden. Da nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund. Da vermischt sich Surreales mit fiktiven Seelenzuständen Um die „Bundesschädel dieser Tage“ aus ihrer Lethargie und/oder Verdrängung in den Comedy-Konsum zu reißen, nur um den nächsten Tag außerhalb einer Anstalt zu überstehen, scheinen drastische Schilderungen von Denk- und Lebensabläufen als ein diskussionswürdiger Ansatz. Bei anderen Zeitgenossen dagegen rennt Saß dagegen offene Türen ein, hinter denen sich auch Zungenschnalzer oder „bösartige“ Lacher aufhalten mögen.

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Leseprobe I Buchbestellung 0213/0313 LYRIKwelt © Hartmut T. Reliwette