Das Narrenhaus von Eva Demski, 1997, Schöffling

Das Narrenhaus.
Roman von Eva Demski (1997, Schöffling & Co.).
Besprechung von Dorothea Dieckmann aus der Neue Zürcher Zeitung, 1997:

Aus dem Guckkasten plaudern
Eva Demskis Roman «Das Narrenhaus»

Je weniger Regeln es für das Erzählen gibt, desto mehr Bedeutung liegt auf dem Zugriff – der Wahl eines Anlasses, eines Aufhängers, eines Rahmens für die Geschichte, die Geschichten. Die Grössten der Moderne, Joyce und Proust, haben für ihre Romane einen fasslichen «Prospekt» gefunden – hier die Beschränkung auf 24 Stunden, dort die Bewegung der Erinnerung vom Déjà-vu zurück zum Jetzt –; ihre Werke allerdings haben ihn unermesslich weit überschritten. Andere suchen heute eher handhabbare Reduktionen, um ihr Erzählen darin einzurichten. Die Amerikanerin Annie Proulx schickt, um die Geschichte(n) der Einwanderer zu erzählen, ein Akkordeon durch die Jahrzehnte, die Staaten; so bewältigt sie ihre Materialschlacht. Und die (nicht zu Unrecht) sehr haltbare deutsche Autorin Eva Demski umgrenzt schlicht den Schauplatz. Sie baut ein vierzehnstöckiges Vorstadthochhaus zu einem sprichwörtlichen kleinen Kosmos aus, in dem sie es sich gemütlich macht.

Dort findet sich, was die Welt im grossen so bietet – eine schnüffelnde Hausmeisterin mit SED- (wenn nicht Stasi-)Vergangenheit, zwei, drei Witwen, drei Transvestiten, ein alter Nazi, ein dubioser Geschäftsmann, ein komischer Vogel mit Beinamputation und gewinnendem Wesen, ein mongoloides Kind und eine Etage voller Sozialfälle. Als erzählendes Alter ego hat sich die Ausstatterin des Hauswesens nicht zufällig den sechzigjährigen, freiberuflich beim Fernsehen arbeitenden Requisiteur Dienheim ausgesucht, eine Art höheren Lumpensammler. Wie er so in seinem Keller räumt und bastelt, wie er sich bei den Nachbarn nach brauchbaren Stücken, Nachlässen und den dazugehörigen Geschichten umschaut, spiegelt er das Leben aus erster und zweiter Hand, und die Lebensweisheit ist nie fern: «Ich geniesse während der Nachtstunden die Unüberhörbarkeit der anderen Bewohner . . ., ich bin der stille Unsichtbare, der sich weidet an den Ausbrüchen von Glück oder Unglück, die sich ziemlich ähnlich anhören, nur dauern die glücklichen nicht so lang.» Die Reflexionen speist zudem sein Arbeitgeber, das Fernsehen, und dessen fünfzigjährige Geschichte – ein zweites Narrenhaus, «das Taschentheater, das tanzende Lexikon, das Demokratisierungsmaschinchen in jedem Haushalt».

Eva Demski muss diese geschlossene Gesellschaft nie verlassen. Ausreichend Liebes- und Trennungs-, Eifersuchts- und Argwohngeschichten verbinden die Bewohner, die zudem immer zu Hause zu sein und die Türen offenstehen zu haben scheinen. So fällt es nicht schwer, auch den dramatischen Kern im Gehäuse zu belassen: Die Witwe Pauline, mit der Dienheim «es mal hatte», wird ermordet und hinterlässt ein wertvolles Bildchen aus der Serie eines Niederländers, dem «Fliederbaumkabinett», darstellend eine Dame mit Einhorn. Die Tote (der Mord) und die Dame (die Geschichte des Bildes und seiner Fälschungen) bilden fortan die Leerstelle, das Geheimnis der kleinen Welt, das natürlich nicht aufgeklärt werden darf, damit das Herz des Hauses weiterpochen kann.

So weit, so hübsch und geschickt angelegt: ein Guckkasten. Auf seiner Bühne spinnt Demski assoziativ, doch die Fäden immer in der Hand, intelligent, aber salopp, tiefsinnig, aber flott ihr Hausmeistergarn. Nichts, worüber sie nicht angelegentlich locker räsoniert oder räsonieren lässt. Übers Fernsehen, über Alter, Tod und Krankheit, über die Liebe, die Deutschen und über den Fussball. Geschichte und Gegenwart werden in Klischees präsentiert, aber so eloquent, dass man die Aufgüsse konsumiert wie süffige Schlückchen.

Die Nachkriegszeit: voll von «dünnen, zähen Buben ohne Väter, die alle wie die Verrückten rauchten und, erste Garnitur der Schuldlosen, Verbindungen für später knüpften». Und die Fernsehmäuschen: «Ich dachte an die Massen von wallehaarigen, schwellmäuligen Loreleyen, die so schön selbstverständlich mit ihrer Attraktivität für standhaft verrunzelte Achtundsechziger rechneten . . . Und dann irgendeinen Daddy im Koksrausch heirateten und das völlig bedeutungsfreie TV exerzieren durften, solang die Biologie halt mitspielen durfte.»

Ja. Eva Demski redet über alles, über alles gleich elegant, und spätestens, wenn man merkt, dass auch alle Figuren gleich (elegant), nämlich fliessend demskisch reden, wird der Verdacht bestätigt, dass sie über alles hinwegredet. Sagt der Einbeinige über das Sozialstockwerk: «Das da unter mir ist eine wüste Laterna magica, wirklich zum Staunen, immer mit neuen Tableaus.» Sagt die Alte, die für Mord schwärmt: «. . . jemandem die Welt wegzunehmen – so stelle ich mir Leidenschaft vor, eine unüberbietbare Nähe.» Kontert der Erzähler den Nazi, «dass es keinen Sinn hat, den Gang der Dinge beeinflussen zu wollen. Unhörbar dreht sich die Welt, sagt Ihr Freund Nietzsche, und sie lässt sich dabei nicht stören.»

So geht das satte 450 Seiten lang, ohne das Hungergefühl zu vertreiben, doch auch ohne Lust auf mehr zu wecken. Im Gegenteil: Das bunte Geplauder wirkt eintönig, ein ermüdend unermüdliches Einerlei. Es ist, wie mit einer weltgewandten und wortmächtigen Dame zu Abend zu speisen, der nichts Menschliches fremd ist, die nicht zufällig zwei Reiseführer geschrieben hat und dennoch unverblümt einen weiblichen Brustansatz «arschartig» nennt und einen Kinderspielplatz mit Sarajewo vergleicht. Irgendwann sinkt einem der Kopf auf die Tischplatte, während sie – immer noch beim ersten Glas Wein und völlig unberauscht – weiterhin aus dem «Salon der Welt» parliert. Oder auch: tratscht. «Es geht darum, dass du so viel Stoff lieferst, wie in tausend Jahren Tratsch nicht verbraucht werden kann», sagt ihr gesprächiger Requisiteur: «Für den Tratsch hat der Herrgott dir die Stimme gegeben, und damit du nicht in die Wüste des Schweigens kommst, hast du Augen und Ohren.» Eben. Ein Schriftsteller, so könnte man schlussfolgern und endlich die Rechnung kommen lassen, darf keine Angst vorm Schweigen haben. Sonst bekommt er erst mal das Schloss vor den Mund: Papageno, plaud're nicht. Augen auf, Ohren auf, Mund zu.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0307 LYRIKwelt © NZZ/Dorothea Dieckmann