Das Monster.
Roman von Anna Sebastian (2004, Edition Memoria - Übertragung Christel Wiemken).
Besprechung von Sven Hanuschek in der Frankfurter Rundschau, 03.03.2004:

Staub gemischt mit Whisky und Gin
Anna Sebastian war nicht nur Canettis Freundin: Jetzt ist ihr phantastischer "Monster"-Roman endlich ins Deutsche übersetzt worden

Die englische Schriftstellerin Anna Sebastian war in den 40er und 50er Jahren in England ziemlich bekannt. Angus Wilson hat sie mit Dostojewskij und Cowper Powys verglichen und zur einzigen Vertreterin des Surrealismus im englischen Roman gekrönt. Ihr zweites Buch The Monster (1944) ist jetzt endlich in deutscher Sprache erschienen, lebendig übersetzt, großzügig gedruckt, mit einem resümierenden, detaillierten Nachwort ihrer Schwester Susanne Ovadia. Bislang war die Autorin im deutschen Sprachraum nur unter dem wenig englischen Namen Friedl (eigentlich Frieda) Benedikt bekannt, nicht durch ihr Werk, sondern durch Biographica und gossip: Elias Canetti hat über sie in Das Augenspiel (1985) und Party im Blitz (2003) geschrieben. Sie war seine Nachbarin in Wien, Enkelin von Moriz und Tochter von Ernst Benedikt, vor allem ihr Großvater als Gründer der Neuen Freien Presse gehörte zu den häufiger verbal annihilierten Opfern von Karl Kraus.

Parties im Blitz

Sie wurde Canettis Schülerin - und Geliebte, zwanzig Jahre vor Iris Murdoch. Sie folgte ihm 1938 ins Londoner Exil, durch ihre Romane dort zeitweilig - bis zum Erscheinen der englischen Ausgabe der Blendung - bekannter als er: Sie brachte ihren "Meister" mit auf die Parties im Blitz, nicht er sie. Ihr Pseudonym hatte sie sich ausgedacht, weil im Krieg kein Debüt unter ihrem deutschen Namen hätte erscheinen können; "Anna Sebastian" kann in beiden Sprachen einheimisch ausgesprochen werden.

Anfang der 50er Jahre versuchte sie sich von Canetti zu lösen, nicht ganz erfolgreich. Sie lebte einige Zeit in Schweden mit einem gewalttätigen Maler zusammen, bis ihr entfernter Meister sie in ihrem eigenen Interesse wieder abberief. Den vierten Roman konnte sie nur mehr beginnen: In Paris ist sie nach einer fast zweijährigen Leidensgeschichte 1953 an einem Geschwür gestorben, das ein paar Jahre später behandelbar wurde und an dem heute niemand mehr stirbt. Beerdigt ist sie in Grinzing, sie war 37 Jahre alt.

Friedl Benedikts tragische Lebensgeschichte ist in vielem typisch für das Schicksal einer kosmopoliten Emigrantin, der Erinnerung und Würdigung schon als solche wert, mit der Verbindung zu Canetti als Zuckerguss. Aber jetzt gibt es auch ihr Werk: Hat sie ihren ersten Roman noch auf Deutsch geschrieben und anschließend übersetzt, ist Das Monster gleich in englischer Sprache entstanden.

Der Staubsaugervertreter Jonathan Crisp versucht erfolglos, den Leuten sein Monster "Tantalus" anzudrehen. Der erste Teil des Romans zeigt sein Leiden: "Nein, wir brauchen keinen Staubsauger. Nein, wir haben schon einen Staubsauger. Nein, die Dame des Hauses ist aus. Nein, Sie können nicht hereinkommen." Sadistische Dienstmädchen, apathische Hausfrauen; mit einer Frau im religiösen Wahn muss er beten, reiche Bohemiens finden seine schiere Existenz hochkomisch, die nächste verehrt das Proletariat in seiner Person, rennt ihm aber hinterher und zerfetzt den unterschriebenen Vertrag. Kein Tantalus den ganzen Tag, Crisp scheitert immer kurz vor (oder eben nach) dem Vertragsabschluss.

Da schließt er einen Pakt mit dem Teufel Tantalus: er mischt Whisky und Gin mit dem Inhalt des Staubsaugerbeutels und trinkt dieses "Monsterblut", damit er selbst zum Monster werde. Und er hat Erfolg: Er rächt sich bei der Zufallskundschaft des letzten regulären Tages seiner Vertreterexistenz. Er verführt, droht, prügelt, vergewaltigt, enteignet, heiratet, bringt Scheidungen zustande und Menschen zu Tode, er lebt seine Allmachtsphantasien nach Herzenslust aus. Zuletzt legt er sich mit Gott an, dem einzigen, der ihm noch überlegen scheint. Der antwortet nie in seinen Gotteshäusern, und Crisp setzt sich wenigstens gegenüber einzelnen an seine Stelle. "Knie nieder und bete zu deinem Gott!", befiehlt er auf der letzten Seite des Romans: "Kate warf sich mit einem Schrei des Entzückens vor ihm auf den Boden."

Die Figuren, die Crisp quält, sind Personifizierungen diverser Wahnideen, die - für die Zeit der Romanhandlung - nie gesucht oder abwegig wirken. Man hat kaum Mitleid mit ihnen, dazu sind sie zu grotesk, zu böse amüsiert beschrieben; die Verschiebung vom Realismus des ersten Teils in die Phantastik der weiteren erfolgt subtil, Crisps Attraktivität und grausame Intelligenz wird nie bezweifelt. Das komplexe Machtgefüge, das er um sich errichtet, zeichnet ihn in der Tat, wie Sebastian-Benedikt geschrieben hat, als einen "Alltags-Hitler", der "unbarmherzig eine Gesellschaft zerstört... Aber das Wort Politik kommt nicht ein einziges Mal vor und hat eigentlich, unmittelbar, nichts mit dem Roman zu tun". Hinter diesem Gewebe wie der Figurenkonzeption scheint vor allem Canettis Blendung durch, in einzelnen Ticks der Figuren manchmal auch Musils Mann ohne Eigenschaften.

Was Das Monster von den bekannten Vorläufern unterscheidet, ist entschieden das Temperament. All die grotesken und grausigen Ereignisse werden zügig entfaltet, leicht, fast heiter, in den ersten zwei Dritteln geradezu komisch vorgebracht, oft in Dialogen; Friedl Benedikt treibt tatsächlich mit Entsetzen Scherz. Als kleiner Eindruck aus dem friedlicheren Teil: Die Religiöse und ihr Mann leben in einem Haus mit dem Türschild "LiebedeineNachb." ("Loveyourneighb" im Original), im Gärtchen haben sie sich Sternbilder und die ganze Milchstraße angepflanzt, als Mond fungiert ein Kirschbaum mit Dahlien. Das Paar unterhält sich beim Mittagessen darüber, vor dem gemeinsamen Gebet: "‚Die Kanten der Sterne müssen beschnitten werden', sagte Mrs. Neal. ‚Ja, Mary, ich werde es tun', sagte George. ‚Ich heiße nicht Mary', sagte Mrs. Neal. ‚Und die Milchstraße verläuft nicht ganz gerade.' ‚Ich weiß, Sally. Ich werde sie begradigen.' ‚Ich heiße nicht Sally', sagte Mrs. Neal." Möglicherweise heißt sie Angela, erfahren wir später.

Friedl Benedikt soll Canetti gestanden haben, Crisp sei er. Darauf hat er souverän reagiert, schließlich hat er tatsächlich in Hampstead sein wenn auch anders geartetes Netz um sich gesponnen. Er hat von dem Werk seiner Freundin viel gehalten, war auch ein bisschen stolz auf ihren Erfolg. Angeblich hat er den "Knie nieder"-Satz gegenüber Iris Murdoch angewandt und sie ausgelacht, als sie der Aufforderung nachkam. In Party im Blitz beschreibt er Friedl Benedikt als "helles und heiteres Geschöpf", deren "Sinn für alles Komische" sehr ausgeprägt gewesen sei - das ist auch der Eindruck, den dieser erste übersetzte Roman vermittelt und dem hoffentlich die übrigen folgen werden.

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