Das Meer der Wahrheit von Andrea de Carlo, 2008, DiogenesDas Meer der Wahrheit.
Roman von Andrea de Carlo (2008,
Diogenes - Übertragung Maja Pflug).
Besprechung von Liliane Zuuring in der WAZ vom 12.12.2008:

Was die Moderne aus uns macht
Andrea de Carlos neuer Roman ist kritisches Sittengemälde, Krimi und Liebesgeschichte in einem."Das Meer der Wahrheit" erzählt von Fabio und Lorenzo, zwei Brüdern zwischen Schein und Sein

Wundervoll: Ein ums andere Mal gelingt Andrea de Carlo eine Geschichte, die an Spannung, Witz und meisterhaftem Erzählen den Vorgängerbüchern in nichts nachsteht. Immer wieder überrascht er. So auch in seinem neuen Roman "Das Meer der Wahrheit", das kritisches Sittengemälde, Krimi und Liebesgeschichte in einem ist.

Es geht um zwei Brüder, wie sie verschiedener nicht sein können. Fabio ist ein erfolgreicher, ätzend oberflächlicher Politiker in Rom - mit einem Leben, aufgebaut mehr auf Schein als auf Sein, mit standardisierten, eingespielten Verhaltensweisen.

Er setzt, so stellt sein Bruder Lorenzo, aus dessen Sicht der Leser die Ereignisse erfährt, die Politik mit dem Universum gleich, jeder Parteisekretär und Fraktionsführer besitzt für ihn die Gravitationskraft von kreisenden Planeten. Und sein Sohn weigert sich strikt, den "Kokon aus Fußball, Schule, Zuhause, Langeweile, Videogames, Gadgets und Zubehör, emotionaler Zudringlichkeit und garantierter Aufmerksamkeit und substantieller Abwesenheit zu verlassen", um aktiv zu werden.

Der ehemalige Seefahrer Lorenzo dagegen lebt zurückgezogen, schreibt an einem Buch über das Überleben auf offenem Meer nach einem Schiffbruch. Er "spürt die Sehnsucht nach Horizonten, denen man grenzenlose Gedanken, Gefühle und Gesten" entgegenbringen kann. Beide sind auf ihre Art Idealisten.

Sie treffen sich wieder, als ihr Vater, ein berühmter Wissenschaftler, stirbt. Er hinterließ ein brisantes Geheimnis, das sich rankt um die Denkschrift eines an Aids verstorbenen Kardinals "gegen die verkehrte Politik der Führungsspitzen der katholischen Kirche und der anderen Weltmächte". Lorenzo trifft auf Mitglieder der Vereinigung Stopwatch, die auf ihrer Internetseite zeigen, wie rasant die Weltbevölkerung wächst. Dazu gehört auch eine mysteriöse Dänin. Die Brüder finden sich plötzlich inmitten einer Intrige - auf unterschiedlichen Seiten. Es gibt Tote, Lorenzo muss flüchten.

Italien bekommt wieder einmal sein Fett weg, das "schöne Italien, wo vor dem Hintergrund der Ruinen der antiken Regeln die Sumpfgräser der Auslegungen dieser Regeln schwanken", wie der Vater der Brüder sagte. Die Gesellschaft muss mit jedem neuen Andrea-de-Carlo-Buch den Atem anhalten, denn er legt den Finger in ihre Wunden, legt die Makel frei, zeigt, was die Moderne aus Menschen macht. Dazu hat er einen moralischen Zeigefinger nicht nötig. Seine präziseste Beobachtungsgabe gepaart mit wohl dosiertem Sprachwitz verschmelzen zu einer potenten Waffe.

Und bei aller Spannung, allem Sezieren von Charakteren, findet Andrea de Carlo rührende Worte für die Liebe: "Süße Küsse, so flüssig, dass sie uns aus dem Mund sprudelten und in den minimalen freien Raum zwischen unseren aneinandergeschmiegten Körpern tropften." Unmerklich wandelt sich der Krimi in eine Liebesgeschichte. Mit zunehmender Gefühlsintensität nimmt das Interesse der Liebenden für die Welt um sie herum ab. So geht es auch dem Leser, wenn er sich dem Buch hingibt. Wundervoll.

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