Das Meer der Illusionen von Leonrado Padura, 2005, Unionsverlag

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Das Meer der Illusionen.
Roman von Leonardo Padura (2005, Unionsverlag - Übertragung Hans-Joachim Hartstein).
Besprechung von Michael Wunderlich aus den Nürnberger Nachrichten vom 22.3.2006:

Der Teniente hat genug
Ein neuer Krimi des Kubaners Leonardo Padura

Der kubanische Erfolgsautor Leonardo Padura ist am Freitag, 24. März, 20 Uhr, zu Gast im Zeitungs-café der Nürnberger Stadtbibliothek. Er liest aus dem letzten Band seines „Havanna Quartetts“, „Das Meer der Illusionen“, den wir im Folgenden vorstellen.

Es ist Herbst 1989, der eiserne Vorhang bröselt, und Teniente Mario Conde, der chronisch depressive Ermittler in Leonardo Paduras atmosphärisch dichter Krimi-Reihe, schmeißt die Brocken hin. Sein Vorgesetzter Mayor ist wegen korrupter Untergebener in den Ruhestand versetzt worden, zudem rast ein Zyklon auf Havanna zu. Mario möchte, die Polizeimaloche vom Hals, endlich die erste „untergründige und leidenschaftliche Erzählung“ über seine (wie er meint) um jeden Lichtblick angeschissene Generation zu Papier bringen. Ein Purgatorium aus Wirbelsturm und ehrlicher Schriftstellerei schwebt ihm vor.

Bevor er sich allerdings mit Rum, Zigaretten und seiner Underwood-Schreibmaschine an die Arbeit machen kann, muss er wegen einer kastrierten Leiche an der Playa del Chivo ein letztes Mal in den kubanischen Sumpf aus Habgier und Amtsmissbrauch. Dorthin, wo ihm die übelsten Kreaturen meist durch die Lappen gehen. Eines dieser Exemplare liegt erschlagen und verstümmelt am Strand, und Mario Conde hat drei Tage, um den Mörder aufzuspüren. So lautet die Bedingung für eine Unterschrift unter sein Entlassungsgesuch.

Typisch kubanische Lösung

Warum also war das Opfer, dieser ehemalige Funktionär der Enteignungsbehörde mit einem Rot-Kreuz-Visum aus den USA wieder auf die Insel gekommen, von der er sich vor zwölf Jahren abgesetzt hatte? Welche Beutestücke hat er im wohlversorgten Umfeld seiner Hinterbliebenen verbunkert, die so ein Risiko wert waren? Am Vorabend seines 36. Geburtstages schlingert der Teniente zwischen seinem Freundeskreis aus liebenswerten Habenichtsen und den zynischen Erben der Bourgeoisie der Lösung entgegen. Einer sehr kubanischen übrigens, denn wieder mal ist das Herz und nicht das Portemonnaie der Schlüssel.

Mit einem raffinierten und geschichtsträchtigen Plot vollendet Leonardo Padura sein „Quartett der Jahreszeiten“, mit dem der Teniente Mario Conde quasi in der Person seines Erfinders ein neues Leben beginnt.

In diesen vier Romanen, in einer hervorragenden Krimireihe ediert von Thomas Wörtche, der den Autor bei der Lesung begleitet, erfährt man mehr und auf sehr viel unterhaltsamere und subtilere Weise über Kuba und die heikle Gemütsverfassung seiner Bewohner als in jeder Reportage. Bleibt zu hoffen, dass es auch ohne Teniente Conde weiterhin Untergründiges und Leidenschaftliches von Leonardo Padura zu lesen geben wird.

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Das Meer der Illusionen von Leonrado Padura, 2005, Unionsverlag2.)

Das Meer der Illusionen.
Roman von Leonardo Padura (2005, Unionsverlag - Übertragung Hans-Joachim Hartstein).
Besprechung von Knut Henkel aus der Neue Zürcher Zeitung vom 9.5.2006:

Adiós, Inspektor Conde
Der letzte Band von Leonardo Paduras «Havanna-Quartett»

Ein Hurrikan bewegt sich auf Havanna zu. Langsam nähert sich der Sturm der kubanischen Hauptstadt, und Inspektor Mario Conde, der Protagonist von Leonardo Paduras Krimi-Tetralogie, ist sich sicher, dass die bröckelnde Pracht der Kolonialarchitektur der Naturgewalt nichts entgegenzusetzen hat. Alte, heruntergekommene Gebäude wird der Tropensturm «Félix» genauso zum Einsturz bringen wie die maroden Gründerzeithäuser, die die Calzada de Infante säumen, prognostiziert der Kriminalkommissar. Dort, im Zentrum der kubanischen Metropole, wohnt auch der melancholische Conde. Und anders als viele seiner Landsleute sehnt er das reinigende Unwetter förmlich herbei. Auf Veränderung hofft Conde, und darauf, dass der Jahrhundertsturm nicht nur die Architektur Havannas, sondern auch gleich die gesellschaftliche Hierarchie auf den Kopf stellen wird.

Eine denkbar vage Hoffnung auf der sturmerprobten Insel, wo jedermann weiss, was beim Nahen eines Hurrikans zu tun ist. Condes ehemaliger Chef, Mayor Rangel, entlassen, weil er von den Vergehen seiner Untergebenen nichts mitbekam, nagelt eigenhändig Bretter vor die Fenster seines schmucken Hauses, um die Scheiben zu schützen. Ganz Havanna ist auf den Beinen, um sich auf den Hurrikan vorzubereiten. Lebensmittel, Kerzen, aber auch Rum werden gehortet, die Bäume im Garten beschnitten und die Dachterrassen von Bauschutt und anderen Dingen befreit, um «Félix» nicht unnötig Munition zu liefern.

Condes letzter Fall

Für derartige Vorkehrungen hat Mario Conde allerdings keine Zeit, denn bevor sein neuer Vorgesetzter, ein adretter Coronel vom militärischen Abschirmdienst, sein Entlassungsgesuch unterzeichnet, muss er noch einen allerletzten Fall lösen. Ein typischer Deal a lo cubano, denn Coronel Alberto Molina will auf den fähigsten Ermittler der Dienststelle nicht verzichten, bevor der brisante Mord geklärt ist. Der droht Unmengen an Staub im Establishment aufzuwirbeln: Der Tote, den man mit zerschlagenem Schädel und abgetrennten Genitalien aus dem Meer zog, war nämlich nicht irgendjemand, sondern ein Fahnenflüchtiger aus den höheren Chargen des Aussenhandelsministeriums.

Ende der siebziger Jahre hatte sich Miguel Forcade, so der Name des Opfers, auf offizieller Mission in Madrid abgesetzt und war wenig später nach Miami übergesiedelt. Ein spektakulärer Abgang eines ehrgeizigen Mannes: Forcade sass Anfang der sechziger Jahre in leitender Funktion in der Enteignungsbehörde, und über seinen Schreibtisch gingen die Reichtümer der Kubaner, die nach dem Sieg der kubanischen Revolution die Karibikinsel fluchtartig in Richtung Miami verliessen. Dort wollten sie ausharren, bis der rote Spuk vorüberging. Kunstgegenstände, Schmuck, Gold wurden vergraben, versteckt oder ausser Landes geschmuggelt, um ja nichts den Bärtigen um Fidel Castro zu überlassen.

Wer damals, wie Miguel Forcade, ein wenig Ahnung von Kunst hatte und an der richtigen Stelle sass, konnte ungeniert Reichtümer anhäufen und sie geschickt verteilen, um voranzukommen in der realsozialistischen Hierarchie. Forcade tat das, und sein ehemaliger Vorgesetzter, Minister Gerardo Gómez de la Peña, machte nichts anderes: Er überschrieb zahlreiche Villen der Exilkubaner an verdiente und weniger verdiente Revolutionäre und sicherte sich so deren Gunst.

Befreiungsschlag der Betrogenen

Seinen Ekel angesichts dieser realkubanischen Machenschaften kann Mario Conde, dem der Ex-Minister an der Universität einst als Vorbild vorgestellt worden war, kaum unterdrücken. Und mit jedem Tag der Ermittlungen wird ihm klarer, weshalb er den Polizeidienst quittieren muss. Vielmehr will er sich seinen Jugendtraum erfüllen und Schriftsteller werden. Endlich er selbst sein, endlich eigene Entscheidungen treffen, statt gesagt zu bekommen, was das Beste für ihn ist – das will Mario Conde, und das will auch sein Freund Andrés. Der angesehene Arzt hat sich entschieden, ins Exil zu gehen, wie er seinen Freunden auf El Condes Geburtstagsparty eröffnet.

Dieser Schritt kommt für den Kommissar a. D. zwar nicht in Frage. Doch trotzdem steht dessen Entscheidung genauso wie die von Andrés für das Aufbegehren einer Generation, die mit den Idealen der Revolution aufwuchs – Idealen, die Anfang der neunziger Jahre längst an Glaubwürdigkeit verloren haben, wofür Männer wie Forcade und Minister Gómez de la Peña mitverantwortlich sind. Dieser enttäuschten Generation gehört auch Leonardo Padura an, und ihr hat er sein Havanna-Quartett gewidmet, das mit diesem Band ihr Ende findet. Den grandiosen Helden seiner vier Krimis, Mario Conde, hat der in Havanna lebende Padura allerdings nicht sterben lassen. Er darf weiterleben, nur eben nicht als Kommissar – und so darf man sich auf Neues von Mario Conde freuen.

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