Das mechanische Klavier.
Roman von William Gaddis
(2002).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 3.3.2003:

Grummelwerk aus Gift und Galle
"Das mechanische Klavier": Der letzte Roman von William Gaddis sucht in der Flut der Warenkunst nach der wahren Kunst.

Sowas darf in diesen Zeiten wohl nur ein Amerikaner behaupten: "Bei uns geht es genau besehen ja auch nicht ums Gewinnen, sondern immer nur um Geld. Außer Geld interessiert uns nichts. Geld ist das, was Amerika wirklich ausmacht". William Gaddis hat derlei nicht zum ersten Mal geschrieben, als er "Das mechanische Klavier" verfasste; schon sein Mega-Roman "J R" beginnt mit dem Wort "Geld", um 1042 Seiten lang nur noch darum zu rotieren. In seinem fünften und letzten Roman aber braucht der 1998 gestorbene Gaddis nur ein einziges Bild, um uns davon zu überzeugen, dass seine richtig schlichte These schlicht richtig ist: Die erste drahtlose Bildübertragung auf einen Monitor zeigte - ein Dollarzeichen.

Die Daddelautomaten der Antike

Davon erzählt nun ein zorniger alter Mann im Krankenbett, offensichtlich in den letzten Zügen, umgeben von Zetteln, Büchern und Karteikarten, die er ein Leben lang gesammelt hat. Ihm geht es nicht ums Geld - abgesehen davon, dass er sich Gedanken um die Aufteilung seines Vermögens an seine drei Töchter machen muss, "bevor alles zusammenbricht und den Anwälten und der Steuer zum Fraß vorgeworfen wird". Nein, wir blicken ihm beim Stöbern und Nachdenken über die Schulter, während er sich den unaufhaltsamen Zerfall der Welt, den Niedergang der Werte und das Verschwinden der Kunst zu erklären versucht. Der Einzug der Lochkarte ins Reich der Künste und seine Folgen - vom Siechenbett aus gesehen: Ein archimedischer Punkt von tödlicher Ironie.

Selbstverständlich, das geht auch dem alten Mann bei der Sichtung seines gesammelten Materials bald auf, wird die Kunst nicht erst seit der Erfindung des Automatenpianolas auf Maschinen übertragen. Allein die Wasserorgel des Heron von Alexandria zeigt schon: "Die Idee des Daddelautomaten, zweitausend Jahre alt." Karl V. hatte schon vor 500 Jahren Trompeter- und Trommler-Puppen mit beweglichen Armen, und "selbst Mozart hat Musik für Flöten spielende Uhren komponiert".

Doch bald wird aus dem Monolog des alten Mannes ein Stimmengewirr (das hatte Gaddis ja schon im "J R"-Roman als Imitation des Börsengeschnatters zur Kunstform hochgekitzelt). Während dem Alten hin und wieder eine Urinprobe umkippt oder ein Bleistift ins Laken rutscht, werden Philosophen wie Platon und Pascal herbeizitiert. Und Schriftsteller von Flaubert bis Thomas Bernhard, dem Gaddis in diesem Buch mit grimmigem Humor den Status als unerreichter Meister der Suada streitig macht. Dabei kommen auch ein paar schöne Sentenzen heraus - etwa "Lust ist nichts weiter als schön verpackte Eifersucht". Gaddis streift mit seinem gelungenen Grummelwerk aus Gift und Galle auch den Irrsinn der Klontechnik und die absehbaren Abstürze der Börse.

Am Ende des Romans bestätigt sich das einstige Modewort von der Entropie, dass alle Ordnung nur vorübergehend, der Normalzustand aber das Chaos ist. Während das Krankenlager des Alten allmählich in der allgemeinen Unordnung verschwimmt, kristallisiert sich immer klarer heraus, dass die Kunst, die echte, wahre und gute, der einzige Trost ist - selbst gegen den Tod. Was aber bleibet, wusste schon Hölderlin, das stiften die Dichter. (NRZ)

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