Das Matratzenhaus von Paulus Hochgatterer, 2009, DeutickeDas Matratzenhaus.
Roman von Paulus Hochgatterer
(2009, Deuticke)
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 5.2.2010:

"Das Matratzenhaus"
Neuerlich erzählt Paulus Hochgatterer vielschichtig von Krimi-Verwicklungen in Furth am See

See, Berge, Kleinstadt. Unter glatter Oberfläche, hinter schöner Umgebung stecken alltägliche Unsicherheiten, Zerstörungen, Grauslichkeiten. Nicht "Jetzt ist schon wieder was passiert" , sondern "Wer tut so etwas?" lautet - konkret angesichts böser Verheerung - der erzählerische Zugang von Paulus Hochgatterer.

Was "passiert" ist, kommt in seinen Romanen (wenn überhaupt: in der Schwebe unsicherer Wahrnehmung der Figuren) erst gegen Ende heraus. Vielmehr erkundet er intensiv das weite Land hinter den Fassaden, in feinen Strichen bringt er es facettenreich nahe, ohne eine Sicherheit eines "So ist es" zu behaupten. Und als in seinem neuen Buch Das Matratzenhaus die Fassade einer Versicherung isoliert wird, meldet sich der Tod. Ein junger Maurer stürzt vom Gerüst, die Polizei fragt sich, ob es tatsächlich ein Unfall war. Zugleich hat sie zu ermitteln, wer reihenweise Kinder schlägt und ihnen als mysteriöse "Schwarze Glocke" einen gewaltigen Schrecken einjagt. In einer konzentrierten österreichischen Seelenlandschaft spielt der Kriminalfall, um den sich Hochgatterers 2006 erschienener Roman Die Süße des Lebens dreht. Dieses fiktive Furth am See, das man sich gut in der Mitte Österreichs vorstellen kann, ist nun neuerlich der Schauplatz psychischer, emotionaler und auch wieder krimineller Verwicklungen.

Seine erste Furth-Ermittlung situiert Hochgatterer zur Weihnachtszeit; mit Das Matratzenhaus geht er eine Saison weiter, nicht weniger den katholischen Hintergrund beachtend, und schildert diese große kleine Welt im dichten Ambiente des Frühlings und der Osterwoche. Der Psychiater Horn und der Kommissar Kovacs, ihre Familien und ihr Berufsfeld, der Pater Bauer, der ausdauernd läuft und auch während der Messe Musik aus dem iPod hört, sind wieder Hauptfiguren der gleichen Erzählanordnung, mit der Die Süße des Lebens eine überaus gelungene Verbindung von Spannung und Vielschichtigkeit schuf.

Der Prolog, dessen Titel "Wie es gewesen sein muss" ihn als Vorstellung im Rückblick ausweist, schildert eine Ausgangssituation mit Typen (die Frau, der Mann, das Mädchen, der andere Mann, die fremde Sprache), ohne Namen zu nennen, ohne die Vorgänge zu erklären. Deutungsansätze folgen später; es sei sein Beruf, "den Dingen Bedeutung zu geben", sagt Horn, und dies gilt auch für den Kommissar.

Der Verkauf einer kleinen Inderin an einen Europäer erschließt sich im Laufe der Lektüre, wie dann auch erst langsam herauskommt, dass in einem Further Haus Kinderpornos gemacht werden. Zwei indische Mädchen, eine kleine Switi oder "Susi" und eine wohl etwa zwölfjährige "Fanni", leben in Furth, und aus Fannis Ich-Erzählung im Präsens entwickelt sich eine Aufklärung der Kriminalfälle. Diesen Handlungsstrang setzt Paulus Hochgatterer in ein kluges System abwechselnder personaler Schilderungen in Vergangenheitsform, die aus der Innenperspektive des psychiatrischen sowie des kriminalistischen Ermittlers, von Horn und Kovacs, kommen und wiederum in Gegenwartsform aus jener der Lehrerin, die die Geliebte von Pater Bauer wird.

Derart gibt der Roman verschiedene Sichtweisen, aus denen eben mehr als ein Bild entsteht und deren Zusammenwirken eine eigenartige Spannung bringt; derart schafft er psychische wie soziale Tiefenporträts, Berichte aus dem Bewusstsein und vom Rande des Bewusstseins.

 Beeindruckend und erschreckend ist dieses Panorama menschlicher Abgründe, der Pein und der Verzweiflung: Eine junge Frau schneidet mit Rasierklingen an ihrem Körper herum, ein Zwanzigjähriger hängt sich am Wohnzimmerluster auf, ein Mann verwüstet einen Kindergarten - und weder der Psychiater Horn noch der Kommissar Kovacs fühlen sich in ihrer Haut wohl, auch sie müssen sich fragen, ob sie sich nicht einmal an ihren Kindern vergriffen haben. Die schwierigen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, die wir aus einigen Prosawerken des Kinderpsychiaters Hochgatterer kennen, sind ein variantenreiches Grundthema in Das Matratzenhaus. "Wer schlug Kinder?", fragt sich der Kommissar und antwortet sich selbst ernüchternd: "Alle. Reihum und täglich." Aus ihren Unsicherheiten flüchten sich die Menschen in Musik, in Stern- und Naturbetrachtung, zum Fischen, in die Berge. Oder in die Gewalt.

Das eigene Empfinden wirkt auf die Wahrnehmung: "Die Luft über der Stadt war trüb und unruhig. Die Türme der Stiftskirche schienen zu schwanken, ebenso die Stahlschlote des Holzwerks, und mehrmals hatte er den Eindruck, als schwappe das Wasser des Sees über die Uferpromenade." So spiegelt Hochgatterer den Zustand von Horn, der mitunter gar nicht merkt, dass er seine Gedanken laut ausspricht; er ist aus dem Gleichgewicht geraten, hat sich von seinen Söhnen entfernt und sorgt sich um die Treue seiner Frau, einer Cellistin. Du spinnst, sagt er zu sich, "die Welt ist nicht mehr, als was sie ist". Seine Kollegin kontert, die Welt sei "immer mehr, als was sie ist"; diese Banalität berge die Erkenntnis, dass man nie alles erfasse und "dass jedes Konkrete zugleich auch etwas Symbolisches sei". Dies trifft ebenso für die Ermittlungen zu wie für das Erzählen, insbesondere für jenes anregend aufregende von Paulus Hochgatterer. Am Ende merke man, dass man von Anfang an etwas übersehen habe, sagt Kovacs: "Dann baust du dir eine Geschichte, irgendeine, und versuchst dir vorzustellen, wie es gewesen sein muss."

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