Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück von Judith Kuckart, 2015, DuMontDass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück.
Roman von Judith Kuckart (2015, DuMont).
Besprechung von
Hannes Krauss in der WAZ, vom 02.10.2015:

In Geschichten wohnen
„Roman“ steht unter dem sperrigen Titel des neuen Buchs von Judith Kuckart, Trägerin des Literaturpreises Ruhr 2009 – auf den ersten Blick ein Reigen aus elf Episoden, der beim Lesen dann doch sich zum Roman auffächert.

Protagonisten sind neben anderen der achtzehnjährige Leonhard, der die Silvesternacht alleine im Elternhaus verbringt und am Neujahrsmorgen auf dem Dielen-Fußboden eine schlafende fremde Frau entdeckt; Emilie und Maria, zwei pensionierte Lehrerinnen, die in einem tschechischen Kurort Seltsames erleben; eine vierköpfige Familie, die sich an der Langeweile ihrer Sommerferien abplagt; Wanda (mal Kuchenbäckerin, mal Klinik-Patientin) – und immer wieder Katharina (Schauspielerin, die in Polizeiuniform kostenlos Bahn fährt) und Joseph (Klavierlehrer, schüchterner Liebhaber, Motorradfahrer). Solchen eher abseitigen Figuren begegnen wir in ihrem Alltag – in Situationen, „in denen jemand einen Gartenschlauch von da nach dort legt, Schnee unter den Füßen klirrt, es dunkel wird.“ Nicht viel aufregender sind die Handlungsorte: Stuttgart, Dresden, die sächsische Provinz, Berlin, die Costa Brava, London und – Gipfel der Exotik – Schanghai.

Kuckarts Geschichten handeln von Beziehungen (zwischen Frauen und Männern, Kinder und Eltern, Untergebenen und Vorgesetzten), von Untreue, von Freundschaften, von Berührungen (zärtlichen und gewaltsamen) und von Liebe –nicht von der wahren, aber von der wirklichen. In der Regel ist die „verbraucht, verweht.“ Gleichwohl suchen die Protagonisten verzweifelt das Glück. Mitunter fällt ihnen rückblickend ein, dass es das gewesen sein könnte. Häufiger finden sie allerdings das Unglück (verlassen zu werden, nicht mehr zu lieben, einsam zu sein) oder sogar den Tod (den plötzlichen bei einem Unfall oder den selbst gewählten, wie in der Titelgeschichte).

Warum soll man so etwas lesen? Nun, Judith Kuckart pflegt einen Erzählduktus, der rar geworden ist in zeitgenössischer Prosa und den außer ihr und vielleicht Peter Stamm nur noch wenige beherrschen: weder ausschweifend-überbordend noch nachlässig-salopp, sondern auf erhellende Weise klar. Ihre Sätze eröffnen Räume fürs eigene Denken, hinter scheinbar beiläufig Hingetupftem scheinen andere, (noch) nicht geschriebene Romane auf. In ihren besten Passagen erinnert diese Prosa an den großen russischen Erzähler Anton Tschechow. Auch der hat seine Leser nie mit Interpretationen behelligt.

In der kargen Präzision von Kuckarts Erzählungen möchte man sich gerne einnisten – wie jene Figuren, die hoffen, dass „jedem von ihnen eine Wohnung aus Geschichten offenstand“. Man findet dort zwar keine Idylle, aber Lese-Glück – etwas, das Erkenntnislöcher in die Banalitäten des Alltags reißt und so ausgelöstes Erschrecken durch eine ganz eigene Mischung aus Fremdheit und Wiedererkennen mildert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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