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Das
lyrissche Werk.
Lyrik von Gertrud
Kolmar (2003, Wallstein-Verlag, 3 Bände, hrsg. von Regina Nörtemann).
Besprechung von Jan
Wagner in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:
Du blätterst einen Menschen um
Der Wallstein Verlag wagt die Großtat:
Das lyrische Werk Gertrud Kolmars in einer erstmals vollständigen Ausgabe, die
der unbekannten Klassikerin endlich gerecht wird
Diesen poetischen Querverbindungen nachzuspüren
ist ähnlich lohnend und aufschlussreich wie der direkte Vergleich zweier Texte,
die zu verschiedenen Zeiten dasselbe Thema bearbeiten und sogar einen Titel
teilen. So existiert der "Engel im Walde" in gleich zwei Versionen:
Die erste stammt aus dem Jahre 1933, ist in kreuzgereimten Vierzeilern gehalten
und von melancholisch-melodischer Regelmäßigkeit: "Das Antlitz schien ein
reines stilles Leid,/ Sehr sanft und silbrig rieselte das Haar." Der spätere
Engel ist von herberer Gestalt und trägt kargere, diesseitigere Züge
("Hoch und schmal, ohne Schwingen./ Sein Antlitz ist Leid./ Und sein Gewand
hat die Bleiche eisig blinkender Sterne in Winternächten"), was durch die
erstmalige Verwendung reimloser Zeilen von variierender Länge noch
unterstrichen wird - wie auch durch die Tatsache, dass man neben einer weiteren,
unglücklichen Liebe zu dem Dichter Karl
Josef Keller die immer quälenderen äußeren Umstände die Gedichte
bestimmen sieht: "Gib mir deine Hand, die liebe Hand, und komm mit mir;/
Denn wir wollen hinweggehen von den Menschen./ Sie sind klein und böse, und
ihre kleine Bosheit hasst und peinigt uns./ Ihre hämischen Augen schleichen um
unser Gesicht, und ihr gieriges Ohr betastet das Wort unseres Mundes."
Der Zyklus "Welten", dem die zweite Fassung vom "Engel im
Walde" entstammt, ist die letzte große lyrische Arbeit Gertrud Kolmars. Er
entstand 1937, zu einer Zeit, als an Publikation kaum mehr zu denken war und die
Dichterin ihren Künstlernamen längst hatte ablegen müssen; ein letzter Band,
ohne die "Welten" allerdings, erschien 1938 unter dem Titel Die
Frau und die Tiere im Jüdischen Buchverlag Erwin Löwe, musste jedoch bald
nach der sogenannten "Reichskristallnacht" zwangsweise eingestampft
werden. Mit diesen formal freien Poemen, die eine weitere, neuartige
Schaffensphase einzuleiten scheinen, endet der zweite Band dieser Gesamtausgabe,
der umfangreichste Band und ganz sicher derjenige, zu dem man lesend immer
wieder zurückkehren wird. Flankiert wird er, neben dem das Frühwerk
enthaltenden ersten Band, von einem ausführlichen Anhang. Dieser bietet nicht
nur einen detaillierten Kommentar zu den Texten und Textsammlungen, sondern
zudem eine "diplomatisch getreue Wiedergabe", also einen die
handschriftlichen Korrekturen und Änderungen berücksichtigenden Abdruck vom
"Wort der Stummen", einem Zyklus, in dem Gertrud Kolmar 1933 weitaus
direkter als sonst üblich auf die schrecklichen Geschehnisse der Zeit
reagierte.
Zwei weitere sehr lesenswerte Beigaben hält der dritte Band bereit: Zum einen
den Essay "Das Bildnis Robespierres", in dem Kolmar den von ihr geschätzten,
ja idealisierten Revolutionär vor dem kritischen Urteil und der Ablehnung der
Nachwelt in Schutz zu nehmen versucht - eine poetische Summa dieses Essays
bildet der Gedichtzyklus "Robesspierre" von 1934. Zum anderen wird ein
schmales Kapitel mit "Gelegenheits- und Scherzgedichten" präsentiert:
"Und herwärts wandelt Hildegard,/ Wo ihrer schon die Gilde harrt./ Und
weiset vor der Ritter Zahl/ Den frisch gefangenen Zitteraal" liest man
hier, erstaunt, Nonsenspoeme und Schüttelreime vorzufinden, die so gar nicht zu
dem Bild passen wollen, das man sich gemeinhin von Kolmar macht - nicht zu dem
Portraitfoto, das die schon vor einigen Jahren erschienene Kolmar-Biographie von
Johanna Woltmann ebenso wie nun die drei Schutzumschläge nebst Buchrücken
ziert; und auch nicht zu den Aussagen, die Freunde und Verwandte über Gertrud
Kolmar machten. Hilde Benjamin etwa, die noch 1941 engen Kontakt zu ihr hatte,
als Kolmar schon zur Zwangsarbeit in einer Fabrik verpflichtet worden war,
schreibt: "Die Mauer, hinter der Gertrud lebte, war nicht nur
Unscheinbarkeit und Sonderlichkeit. Sie verbreitete eine große Stille und
zugleich innere Unruhe um sich. Sie wirkte dunkel, aber nicht düster (...). Sie
war herb, aber von milder Bitternis erfüllt. Sie wirkte kühl, aber niemals
kalt. Wie sie war, kann man vielleicht nur aus den Nuancen dieser Unterschiede
erfühlen."
Die Nonsensverse zeigen eine andere, eine fröhlichere und übermütige Seite,
die sich mitunter auch in den Gedichten anzudeuten scheint - und sei es nur als
unbändige Lust an der Sprache. Diese Gesamtausgabe samt dem informativen und
anregenden Nachwort der Herausgeberin lädt dazu ein, sich mit nicht nur einer
Seite der Dichterin zufriedenzugeben, sondern sie immer neu zu entdecken - sich
den Facettenreichtum zu erlesen, auf den sie mit ihrem "Weiblichen
Bildnis" selber verweist: "Wenn ich tot bin, wird mein Name schweben/
Eine kleine Weile ob der Welt". Diese drei in jeder Hinsicht gewichtigen Bände
sollten dazu beitragen, ihren Namen dauerhaft inmitten der Lesenden zu
verankern.
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2.)
Das
lyrissche Werk.
Lyrik von Gertrud
Kolmar (2003, Wallstein-Verlag, 3 Bände, hrsg. von Regina Nörtemann).
Besprechung von Manfred
Koch aus der Neue
Zürcher Zeitung vom 23.12.2003:
Eidechsmundart
Eine neue Ausgabe der Gedichte von Gertrud Kolmar
Am Ende aller Tage halten die Tiere Gericht über die Krone der Schöpfung. Der Mensch muss sich verantworten vor den Kreaturen, die er gezähmt, gejagt, geschunden und verstümmelt hat. Der Erde als einem Riesengrab entsteigen Leichname aller Gattungen: «Karpfen mit zerfetztem Bauch», «geschwärzte Igel», «Fliegenstummel», blutende Maulwürfe, lebend verbrühte Krebse. Und auch die aseptischen Verliese der Tierversuchslaboratorien tun sich auf:
Doch aus dem weissen Saal der Wissenschaft Begann ein Strömen wie aus offner Schleuse Zerschnittner Ratten und entstellter Mäuse, Ein Treiben unergründlich ekelhaft. [. . .]
Und alle nahten riesigem Gefild, Das plötzlich da war, jäh, für diese Stunde Zuletzt noch arme, demütige Hunde, Die Steuermarke um als Heil'genbild.
Das Gedicht «Der Tag der grossen Klage» der jüdischen Lyrikerin Gertrud Kolmar ist eine der gewaltigsten apokalyptischen Visionen der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Aus dem alttestamentarischen Spruch des Propheten Habakuk, nach dem die Tiere einst die an Menschen begangenen Untaten rächen werden - «und die Tiere werden dich schrecken um des Menschenblutes willen» -, macht Kolmar ein Tribunal der Tierwelt in eigener Sache. Der Schuldspruch ist unausweichlich; nicht einmal Taube und Lamm, die Symboltiere der Sanftmut und Versöhnung, plädieren für Nachsicht mit dem Angeklagten.
Menetekel
Das Gedicht entstammt Kolmars um 1930 geschriebenem Zyklus «Tierträume», erschienen ist es zu Lebzeiten der Autorin, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde, nie. Die geschichtliche Entwicklung hat es unmöglich gemacht, den Text allein auf das Unrecht gegenüber Tieren zu beziehen. Das Szenario der eingesperrten, zu Tode gefolterten Gestalten, die ihre Schlächter verklagen, erhielt in den Jahren 1933-1945 eine fürchterliche Aktualität. Als die Zeitschrift «Sinn und Form» das Gedicht 1949 erstmals veröffentlichte, muss es auf die damaligen Leser wie ein unheimliches, zu spät gekommenes Menetekel gewirkt haben.
Gertrud Kolmar hat die zwischenmenschliche Grausamkeit immer zusammengedacht mit dem Verlust einer ursprünglichen zwischengeschöpflichen Solidarität, den der Mensch verschuldete, als er sich zum Herrn einer erniedrigten Restnatur aufwarf: «Einst war die Erde wundersam bestreut / Mit Pflanzendickicht, starken, bunten Tieren, / Mit Breithornwiddern, langbemähnten Stieren, / Noch ohne Kette, Joch und Herdgeläut.» So beginnt ein Gedicht aus den zwanziger Jahren. Drei Strophen weiter folgt in Form einer rhetorischen Frage die Anklage gegen den Menschen, der diesen Urzustand kreatürlicher Ebenbürtigkeit zertreten habe: «Wer hat der Wesen Bürgerbrief zerfetzt, / Ihr Gut geraubt, ihr Schweigen ausgelichtet, / Wer hat den armen Bruder hingerichtet / Und trauernd dann das Denkmal ihm gesetzt?» Aus vielen Texten Kolmars spricht ein entschiedenes Gefühl der Nichtzugehörigkeit zur Welt der Menschen; die gewöhnlichen Grenzziehungen zwischen den sogenannten höheren und den niederen Lebewesen waren ihr fremd. Gerade deshalb können Tiere in Kolmars Werk zu besonders inständigen Zeichen auch für die Gewalt werden, mit der Menschen einander misshandeln. Schon 1933 hat Kolmar die zunehmende Diffamierung und Ausgrenzung der deutschen Juden im Bild verfolgter Tiere behandelt; in Tierbildern und «Tierträumen» hatte sie sich seit je als Fremde - ein Wesen, das anderen Naturordnungen, anderen Kontinenten, anderen Zeiten angehört - entworfen: ein Selbstverständnis, in das nun die Erfahrungen eines immer brutaleren Ausschlusses aus der Gesellschaft eingehen.
Diese Transfiguration ins Tierische bedeutet bei Kolmar aber nicht einfach die Übernahme einer Opferrolle. Am kreatürlichen Ort fernab der Menschenwelt erwächst vielmehr die Kraft einer Sprache, die in viel grösserem Mass Anklage als Klage ist. Wer die magische «Eidechsmundart» beherrscht, dem steht ein gewaltigeres Idiom zu Gebote als die konventionelle Sprache. Fast alle Gedichte Kolmars haben etwas von der kämpferischen Wucht und Unbedingtheit, die jeder aufmerksame Leser in «Der Tag der grossen Klage» sofort spürt. Die im Leben so bescheidene, fast demütige Gertrud Kolmar verwandelte schreibend ihr konstitutives Fremdheitsgefühl und die realen Erfahrungen von Bedrängnis und Verfolgung in eine grandiose, weltausgreifende Sprachgebärde. So atmen gerade Texte, die - wie das Gedicht «Die Irre» (1927) - von Diskriminierung und Verzweiflung handeln, eine ungeheure, man möchte sagen: übermenschliche Energie.
Jäger und Schergen, Henkersknechte, O Gendarmen der ganzen Welt in Wut! Mein hässliches Haupt tut doch nicht das Schlechte; Schaut her! Meine Hände sind gut. [. . .]
Ich will alles Land erfüllen mit meinen lauten Gladiolen, Mein Herz zerreiss' ich in Nelken, es über den Erdball zu streun, Über ganz Frankreich, über ganz Deutschland, über ganz Belgien, über ganz Polen! Für meinen Sohn soll das sein; da wird er sich freun.
Wer solche Verse im Ohr hat, kann verstehen, warum Kolmar in Briefen aus den letzten Lebensjahren wiederholt betont, dass ihr alle Repressalien im Innersten nichts anhaben können.
Die Literaturgeschichte liebt Einteilungen, vorzüglich in Dreiergruppen. So wird Gertrud Kolmar seit geraumer Zeit in einschlägigen Darstellungen als die dritte grosse jüdische Lyrikerin der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts neben Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs gewürdigt. Vereinzelt gibt es Stimmen, die Kolmars Gedichten unter den Genannten den höchsten Rang zuerkennen. Wer aber, vielleicht aufgrund solcher Hinweise, sich in den letzten Jahren einen Kolmar-Gedichtband anschaffen wollte, musste die Buchhandlung mit leeren Händen verlassen. Die 1987 unter dem Titel «Weibliches Bildnis» erschienene Ausgabe ist schon länger vergriffen....Fortsetzung
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