Gertrud Kolmar.Das lyrische Werk, Hrsg. von Regina Nörtemann, 20031.) - 2.)

Das lyrissche Werk.
Lyrik von Gertrud Kolmar (2003, Wallstein-Verlag, 3 Bände, hrsg. von Regina Nörtemann).
Besprechung von Jan Wagner in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:

Du blätterst einen Menschen um
Der Wallstein Verlag wagt die Großtat: Das lyrische Werk Gertrud Kolmars in einer erstmals vollständigen Ausgabe, die der unbekannten Klassikerin endlich gerecht wird

In seinem 1962 veröffentlichten Lyrikband Schattenland Ströme ließ Johannes Bobrowski drei Gedichte aufeinander folgen, von denen jedes einer jüdischen Dichterin gewidmet ist. Eines von ihnen richtete sich an die 1940 nach Schweden emigrierte und von da an in Stockholm lebende Nelly Sachs, ein anderes an Else Lasker-Schüler. Das dritte Gedicht ist mit "Gertrud Kolmar" überschrieben und endet mit den Zeilen: "Wenn ich deiner gedächte:/ Vor die Buche trat ich,/ ich hab befohlen der Elster:/ Schweig, es kommen, die hier/ waren - wenn ich gedächte:/ Wir werden nicht sterben, wir werden/ mit Türmen gegürtet sein?" Bobrowski gedenkt der einzigen der drei Lyrikerinnen, die der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie nicht entkommen war und ihr 1943 in Auschwitz zum Opfer fiel, mit einer Sprache, die "rostig von Blut" ist - und indem er in der letzten Zeile fast wortwörtlich aus ihrem Gedicht "Die Jüdin" zitiert, aus dessen Auftaktversen: "Ich bin fremd.// Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen,/ Will ich mit Türmen gegürtet sein,/ Die steile, steingraue Mützen tragen/ In Wolken hinein."

Dieses Gedicht ist eines der bekanntesten von Getrud Kolmar, und doch, was heißt in ihrem Fall schon bekannt? Denn anders als Nelly Sachs oder Else Lasker-Schüler hat Gertrud Kolmar nie einen wirklichen Durchbruch als Dichterin erleben dürfen, und auch jenes verspätete Zeichen der Wertschätzung, das sich Nachruhm nennt, ist ihr weitgehend versagt geblieben. Sie gilt als Lyrikerin, die mit Fug und Recht als Klassikerin der Moderne bezeichnet zu werden verdiente - und doch ist sie, so will es scheinen, nie über den Ruf der noch zu Entdeckenden, des Geheimtips also, hinausgekommen.

Die Gründe hierfür sind ohne Zweifel zuallererst in den historischen Umständen zu suchen, die Kolmars Karriere als Dichterin so gründlich verhinderten, dass selbst ihr poetischer Nachlass nur langsam und im Laufe vieler Jahrzehnte durchzudringen vermochte. Zu Lebzeiten waren nur wenige Werke erschienen; vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten lediglich ein schmaler Lyrikband sowie einzelne Texte von ihr in Zeitschriften und im Insel-Almanach auf das Jahr 1930 - eine Publikation allerdings, die in Lyrikkreisen für Aufsehen sorgte.

Anders als fast ihre gesamte Familie, ihre Schwestern, ihr Bruder und ihr Vetter Walter Benjamin, emigrierte Gertrud Kolmar nicht, sondern blieb an der Seite ihres alternden Vaters in Deutschland. Ihr öffentliches Wirken, wenn es als solches noch bezeichnet werden kann, musste sich immer mehr auf den kleinen Kreis nicht emigrierter jüdischer Literaten und Intellektueller beschränken - allerdings waren ihr Auftritte vor Publikum und der Austausch mit anderen Schriftstellern schon zuvor verzichtbar gewesen, wie sich ihre Lieblingsschwester Hilde erinnert: "Es mag merkwürdig erscheinen, dass die Dichterin weder in Westend, noch am Kurfürstendamm, da sie den lebhaften Literaturbetrieb der zwanziger Jahre, da sie das Café Größenwahn sozusagen vor der Tür hatte, keinen Umgang mit Dichtern, Schriftstellern, Künstlern hatte, keine Kontakte aufnahm. Kein einziger Name taucht auf, still bleibt sie für sich."

Auch die Werksgeschichte nach Kriegsende gestaltete sich schwierig und war vor allem dank der Bemühungen von Kolmars Schwager Peter Wenzel von Erfolg gekrönt. Sporadisch erscheinen seither immer wieder Auswahlbände ihrer Werke, doch eine Gesamtausgabe ihres lyrischen Schaffens hat es seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr gegeben. Umso begrüßenswerter ist es also, dass die Herausgeberin Regina Nörtemann und der Göttinger Wallstein Verlag nun Das lyrische Werk in einer umfassenden Edition als eine wichtige, eine notwendige Kostbarkeit in drei Bänden präsentieren.

Geboren wurde Gertud Kolmar unter dem bürgerlichen Namen Chodziesner 1894 in der Stadt, in der sie fast ihr gesamtes Leben verbringen sollte, in Berlin. Ihr Vater war ein erfolgreicher und angesehener Rechtsanwalt, der verblüffende Ähnlichkeit mit Wilhelm II. hatte und so liberal wie gebildet war; ihre Mutter entstammte dem Großbürgertum. Gertrud und ihre jüngeren Geschwister - zwei Schwestern und ein Bruder - wuchsen in materiell und intellektuell wohlbehüteten Verhältnissen auf und verbrachten ihre Kindheit und Jugend ab 1899 in einer Villa im vornehmen Vorort Westend. Dem Besuch der Höheren Mädchenschule und einer Hauswirtschaftsschule folgten die Arbeit in einem Kindergarten und ein Praktikum in einem Kinderhort und schließlich die Ausbildung zur staatlich geprüften Fremdsprachenlehrerin. Zu dieser Zeit, in den Jahren 1915 und 1916, kam es zu einer leidenschaftlichen, wenn auch recht kurzen Liebesbeziehung zu einem Offizier, dessen Name Karl Jodel gelautet haben soll - noch vielen späteren Gedichten Kolmars sind die Initialen "K.J." als Widmung vorangestellt. Sie wurde schwanger und entschloss sich, wohl aus Rücksicht auf die Eltern und den Ruf der Familie, zu einer Abtreibung: Eine Erfahrung, die kurze Zeit später einen Selbstmordversuch nach sich zog und sich bis hin zu den späten Gedichten auch im Werk Kolmars wiederspiegelt.
Die Versuchung, dieses Ereignis überzubewerten und Kolmars gesamtes Schreiben als kompensierten Kinderwunsch zu deuten, ist groß, angesichts der Themen- und Motivvielfalt aber zweifellos zu einseitig - auch wenn gewisse Aussagen Gertrud Kolmars zum eigenen Arbeiten durchaus zu psychologischen Spekulationen einladen. So erwähnt sie in einem späten Brief "dieses Gedicht, das noch nicht da ist (‚das Ungeborene')" und fährt fort: "Vielleicht wird es Monate, Jahre dauern, bis ich es ausgetrage; aber ans Licht kommen wird es, und ich hoffe, es wird keine Fehlgeburt sein, trotz aller wahrscheinlichen Mängel".

Die Herausgeberin Regina Nörtemann unternimmt in ihrem Nachwort deshalb den Versuch, das Werk Kolmars davor zu bewahren, "Experimentierfeld für Spekulationen, Identifikationen und Projektionen von Forschung und Literatur zu werden". Ohne Frage aber ist es augenfällig, wie sehr das Mutter-Kind-Thema die Dichtung Kolmars durchdringt und schon in den frühesten Texten behandelt wird, etwa in dem Gedicht auf die "Madonna aus dem Hause Tempi", das ihr erstes Buch eröffnet: "Ich knie' nicht vor der Himmelskön'gin Thron,/ An einem Frauenglück möcht' teil ich haben;/ Ich grüß' die Mutter mit dem kleinen Sohn,/ Nicht die Madonna mit dem Jesusknaben". Dieser schmale Band mit dem schlichten Titel Gedichte, 1917 im Berliner Verlag Egon Fleischel erschienen, ist in drei Abschnitte unterteilt. Schon in deren Überschriften - "Mutter und Kind", "Mann und Weib" sowie "Zeit und Ewigkeit" - werden große, ja elementare Themen angeschnitten.

Dennoch wurden Kolmars älteste Texte, zu denen noch vier vor 1920 enstandene Zyklen zählen, nicht oft in Buchform veröffentlicht. Man sah in ihnen die werdende, nicht die fertige Dichterin, erkannte einen überstarken Einfluss Richard Dehmels, einen Hang zum Sentimentalischen und Romantisierenden und Zugeständnisse an den Geschmack der Zeit. In den zwanziger Jahren verfiel sie in eine mehrjährige Schaffenspause, die, wie sie Walter Benjamin brieflich mitteilte, erst durch einen Frankreichaufenthalt beendet wurde, in dessen Verlauf sie das Gedicht "Die Irre" verfasste. War Kolmars Neigung zum Schreiben von Zyklen schon in den frühen Arbeiten offenbar, so verstärkte sich diese Tendenz nun noch.

Innerhalb kürzester Zeit, im Winter 1927/1928, entstand zunächst Das Preußische Wappenbuch, dessen Grundidee sich der Sammlerleidenschaft des kleinen Bruders verdankte: Kolmar ließ sich von den Wappen der preußischen Provinzen inspirieren, die zu jener Zeit den Kaffee-HAG-Packungen als Sammelbilder beilagen. Was sich wie eine bloße poetische Fingerübung anhört, wird zu einer Reihe von meisterlichen Gedichten: Eine knappe Beschreibung des jeweiligen Wappens ist den Gedichten vorangestellt, die aus den spärlichen emblematischen Elementen - die Farbe des Grundes, ein Greif, Ähren, Sterne, Schlüssel, ein Fluss und ähnliches - erwachsen, sie dabei jedoch keinesfalls erklären und aufklären wollen, sondern sich im Gegenteil davon lösen und ihnen als originäre Kunstwerke gegenübergestellt werden.

Die strenge Verwendung einer Vorlage wird so paradoxerweise zum Mittel, sich von allen überkommenen sprachlichen und metaphorischen Ausdrucksweisen zu lösen und den alten Themen eine neue Form zu verleihen: "Die Türme reifen rot wie Beeren./ Wenn sie überrot sind, werden sie fallen?/ Werden wir, die Gefangenen, kehren/ Zögernd in Gassen, die Gärten und Hallen,/ Die wir einst Heimat genannt?" Sujets, die schon die frühen Gedichte bestimmten - Liebe und Verlangen, Metaphysik, die Mutter-Kind-Beziehung -, finden sich hier wie auch in dem im Anschluss verfassten Zyklus, "Weibliches Bildnis", in den auch das in Frankreich entstandene Gedicht "Die Irre" und das anfänglich zitierte "Die Jüdin" Aufnahme fanden.

Ich wird hier, frei nach Rimbaud, nicht nur eine, sondern eine ganze Reihe von Anderen: Das "Weibliche Bildnis" fügt sich aus Portraits, aus Rollengedichten zusammen, die eine Vielzahl von Facetten der Weiblichkeit - und damit der Dichterin selbst - aufgreifen und bearbeiten. Kolmar unterteilt ihren Zyklus in vier "Räume" und legt in diesen so unterschiedliche Masken wie die einer Tänzerin, einer Alternden, einer Lumpensammlerin, einer Sünderin und vieler weiterer an - beginnend, was nicht überraschen kann, mit dem programmatischen Text "Die Dichterin": "Du hältst mich in den Händen ganz und gar.// Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt/ In deiner Faust. Der du dies liest, gib acht;/ Denn sieh, du blätterst einen Menschen um."

Nicht der geringste Reiz dieser Gesamtausgabe - wie jeder umfassenden lyrischen Werkschau - ist es, zum späten Zeugen einer Entwicklung von Motiven, von Leitmotiven zu werden, den Bildern beim Wachsen, der Metaphorik beim Wandel zusehen zu können. Neben einer großen Bandbreite an Gesteinsarten und Mineralien ist es eine üppige Vegetation, eine schier überwältigende Kenntnis der Flora, aus der Kolmars Lyrik schöpft und der viele ihrer Metaphern und Vergleiche entwachsen. Ähnlich auffällig ist höchstens die Vielzahl der Tiere, die in den Versen kreucht und fleucht und denen ein ganzer Zyklus, die "Tierträume", gewidmet ist. Keinesfalls handelt es sich dabei immer um so edles Poesievieh wie Schwan und Reh, sondern bevorzugt um solches, das sowohl die strenge Form der Gedichte als auch ihre sinnliche, farben- und klangfrohe Sprache konterkariert. Kröten, Käfer, Schlangen und Hyänen etwa tauchen in immer neuen Variationen und als vielgestaltige Wiedergänger ihrer selbst auf. So sieht man einen Geier ("Die Zeit, die kränkend schreitet,/ Welkt deine Blume nicht:/ Blume, fleischroter Lappen,/ Flockfeder, schwarz oder rein;/ Hakige Fänge schnappen/ Den runden Erdklumpen ein") in einem später entstandenen Rosenzyklus als Kondor mit ähnlichen phänotypischen Merkmalen erneut seine Kreise ziehen: "Nein, das ist keine Rose: ist der Fetzen,/ Der Gurgellappen, feurig, wüst und nackt".

Diesen poetischen Querverbindungen nachzuspüren ist ähnlich lohnend und aufschlussreich wie der direkte Vergleich zweier Texte, die zu verschiedenen Zeiten dasselbe Thema bearbeiten und sogar einen Titel teilen. So existiert der "Engel im Walde" in gleich zwei Versionen: Die erste stammt aus dem Jahre 1933, ist in kreuzgereimten Vierzeilern gehalten und von melancholisch-melodischer Regelmäßigkeit: "Das Antlitz schien ein reines stilles Leid,/ Sehr sanft und silbrig rieselte das Haar." Der spätere Engel ist von herberer Gestalt und trägt kargere, diesseitigere Züge ("Hoch und schmal, ohne Schwingen./ Sein Antlitz ist Leid./ Und sein Gewand hat die Bleiche eisig blinkender Sterne in Winternächten"), was durch die erstmalige Verwendung reimloser Zeilen von variierender Länge noch unterstrichen wird - wie auch durch die Tatsache, dass man neben einer weiteren, unglücklichen Liebe zu dem Dichter Karl Josef Keller die immer quälenderen äußeren Umstände die Gedichte bestimmen sieht: "Gib mir deine Hand, die liebe Hand, und komm mit mir;/ Denn wir wollen hinweggehen von den Menschen./ Sie sind klein und böse, und ihre kleine Bosheit hasst und peinigt uns./ Ihre hämischen Augen schleichen um unser Gesicht, und ihr gieriges Ohr betastet das Wort unseres Mundes."

Der Zyklus "Welten", dem die zweite Fassung vom "Engel im Walde" entstammt, ist die letzte große lyrische Arbeit Gertrud Kolmars. Er entstand 1937, zu einer Zeit, als an Publikation kaum mehr zu denken war und die Dichterin ihren Künstlernamen längst hatte ablegen müssen; ein letzter Band, ohne die "Welten" allerdings, erschien 1938 unter dem Titel Die Frau und die Tiere im Jüdischen Buchverlag Erwin Löwe, musste jedoch bald nach der sogenannten "Reichskristallnacht" zwangsweise eingestampft werden. Mit diesen formal freien Poemen, die eine weitere, neuartige Schaffensphase einzuleiten scheinen, endet der zweite Band dieser Gesamtausgabe, der umfangreichste Band und ganz sicher derjenige, zu dem man lesend immer wieder zurückkehren wird. Flankiert wird er, neben dem das Frühwerk enthaltenden ersten Band, von einem ausführlichen Anhang. Dieser bietet nicht nur einen detaillierten Kommentar zu den Texten und Textsammlungen, sondern zudem eine "diplomatisch getreue Wiedergabe", also einen die handschriftlichen Korrekturen und Änderungen berücksichtigenden Abdruck vom "Wort der Stummen", einem Zyklus, in dem Gertrud Kolmar 1933 weitaus direkter als sonst üblich auf die schrecklichen Geschehnisse der Zeit reagierte.

Zwei weitere sehr lesenswerte Beigaben hält der dritte Band bereit: Zum einen den Essay "Das Bildnis Robespierres", in dem Kolmar den von ihr geschätzten, ja idealisierten Revolutionär vor dem kritischen Urteil und der Ablehnung der Nachwelt in Schutz zu nehmen versucht - eine poetische Summa dieses Essays bildet der Gedichtzyklus "Robesspierre" von 1934. Zum anderen wird ein schmales Kapitel mit "Gelegenheits- und Scherzgedichten" präsentiert: "Und herwärts wandelt Hildegard,/ Wo ihrer schon die Gilde harrt./ Und weiset vor der Ritter Zahl/ Den frisch gefangenen Zitteraal" liest man hier, erstaunt, Nonsenspoeme und Schüttelreime vorzufinden, die so gar nicht zu dem Bild passen wollen, das man sich gemeinhin von Kolmar macht - nicht zu dem Portraitfoto, das die schon vor einigen Jahren erschienene Kolmar-Biographie von Johanna Woltmann ebenso wie nun die drei Schutzumschläge nebst Buchrücken ziert; und auch nicht zu den Aussagen, die Freunde und Verwandte über Gertrud Kolmar machten. Hilde Benjamin etwa, die noch 1941 engen Kontakt zu ihr hatte, als Kolmar schon zur Zwangsarbeit in einer Fabrik verpflichtet worden war, schreibt: "Die Mauer, hinter der Gertrud lebte, war nicht nur Unscheinbarkeit und Sonderlichkeit. Sie verbreitete eine große Stille und zugleich innere Unruhe um sich. Sie wirkte dunkel, aber nicht düster (...). Sie war herb, aber von milder Bitternis erfüllt. Sie wirkte kühl, aber niemals kalt. Wie sie war, kann man vielleicht nur aus den Nuancen dieser Unterschiede erfühlen."

Die Nonsensverse zeigen eine andere, eine fröhlichere und übermütige Seite, die sich mitunter auch in den Gedichten anzudeuten scheint - und sei es nur als unbändige Lust an der Sprache. Diese Gesamtausgabe samt dem informativen und anregenden Nachwort der Herausgeberin lädt dazu ein, sich mit nicht nur einer Seite der Dichterin zufriedenzugeben, sondern sie immer neu zu entdecken - sich den Facettenreichtum zu erlesen, auf den sie mit ihrem "Weiblichen Bildnis" selber verweist: "Wenn ich tot bin, wird mein Name schweben/ Eine kleine Weile ob der Welt". Diese drei in jeder Hinsicht gewichtigen Bände sollten dazu beitragen, ihren Namen dauerhaft inmitten der Lesenden zu verankern.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1203 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Gertrud Kolmar.Das lyrische Werk, Hrsg. von Regina Nörtemann, 20032.)

Das lyrissche Werk.
Lyrik von Gertrud Kolmar (2003, Wallstein-Verlag, 3 Bände, hrsg. von Regina Nörtemann).
Besprechung von Manfred Koch aus der Neue Zürcher Zeitung vom 23.12.2003:

Eidechsmundart
Eine neue Ausgabe der Gedichte von Gertrud Kolmar

Am Ende aller Tage halten die Tiere Gericht über die Krone der Schöpfung. Der Mensch muss sich verantworten vor den Kreaturen, die er gezähmt, gejagt, geschunden und verstümmelt hat. Der Erde als einem Riesengrab entsteigen Leichname aller Gattungen: «Karpfen mit zerfetztem Bauch», «geschwärzte Igel», «Fliegenstummel», blutende Maulwürfe, lebend verbrühte Krebse. Und auch die aseptischen Verliese der Tierversuchslaboratorien tun sich auf:

Doch aus dem weissen Saal der Wissenschaft Begann ein Strömen wie aus offner Schleuse Zerschnittner Ratten und entstellter Mäuse, Ein Treiben unergründlich ekelhaft. [. . .]

Und alle nahten riesigem Gefild, Das plötzlich da war, jäh, für diese Stunde Zuletzt noch arme, demütige Hunde, Die Steuermarke um als Heil'genbild.

Das Gedicht «Der Tag der grossen Klage» der jüdischen Lyrikerin Gertrud Kolmar ist eine der gewaltigsten apokalyptischen Visionen der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Aus dem alttestamentarischen Spruch des Propheten Habakuk, nach dem die Tiere einst die an Menschen begangenen Untaten rächen werden - «und die Tiere werden dich schrecken um des Menschenblutes willen» -, macht Kolmar ein Tribunal der Tierwelt in eigener Sache. Der Schuldspruch ist unausweichlich; nicht einmal Taube und Lamm, die Symboltiere der Sanftmut und Versöhnung, plädieren für Nachsicht mit dem Angeklagten.

Menetekel

Das Gedicht entstammt Kolmars um 1930 geschriebenem Zyklus «Tierträume», erschienen ist es zu Lebzeiten der Autorin, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde, nie. Die geschichtliche Entwicklung hat es unmöglich gemacht, den Text allein auf das Unrecht gegenüber Tieren zu beziehen. Das Szenario der eingesperrten, zu Tode gefolterten Gestalten, die ihre Schlächter verklagen, erhielt in den Jahren 1933-1945 eine fürchterliche Aktualität. Als die Zeitschrift «Sinn und Form» das Gedicht 1949 erstmals veröffentlichte, muss es auf die damaligen Leser wie ein unheimliches, zu spät gekommenes Menetekel gewirkt haben.

Gertrud Kolmar hat die zwischenmenschliche Grausamkeit immer zusammengedacht mit dem Verlust einer ursprünglichen zwischengeschöpflichen Solidarität, den der Mensch verschuldete, als er sich zum Herrn einer erniedrigten Restnatur aufwarf: «Einst war die Erde wundersam bestreut / Mit Pflanzendickicht, starken, bunten Tieren, / Mit Breithornwiddern, langbemähnten Stieren, / Noch ohne Kette, Joch und Herdgeläut.» So beginnt ein Gedicht aus den zwanziger Jahren. Drei Strophen weiter folgt in Form einer rhetorischen Frage die Anklage gegen den Menschen, der diesen Urzustand kreatürlicher Ebenbürtigkeit zertreten habe: «Wer hat der Wesen Bürgerbrief zerfetzt, / Ihr Gut geraubt, ihr Schweigen ausgelichtet, / Wer hat den armen Bruder hingerichtet / Und trauernd dann das Denkmal ihm gesetzt?» Aus vielen Texten Kolmars spricht ein entschiedenes Gefühl der Nichtzugehörigkeit zur Welt der Menschen; die gewöhnlichen Grenzziehungen zwischen den sogenannten höheren und den niederen Lebewesen waren ihr fremd. Gerade deshalb können Tiere in Kolmars Werk zu besonders inständigen Zeichen auch für die Gewalt werden, mit der Menschen einander misshandeln. Schon 1933 hat Kolmar die zunehmende Diffamierung und Ausgrenzung der deutschen Juden im Bild verfolgter Tiere behandelt; in Tierbildern und «Tierträumen» hatte sie sich seit je als Fremde - ein Wesen, das anderen Naturordnungen, anderen Kontinenten, anderen Zeiten angehört - entworfen: ein Selbstverständnis, in das nun die Erfahrungen eines immer brutaleren Ausschlusses aus der Gesellschaft eingehen.

Diese Transfiguration ins Tierische bedeutet bei Kolmar aber nicht einfach die Übernahme einer Opferrolle. Am kreatürlichen Ort fernab der Menschenwelt erwächst vielmehr die Kraft einer Sprache, die in viel grösserem Mass Anklage als Klage ist. Wer die magische «Eidechsmundart» beherrscht, dem steht ein gewaltigeres Idiom zu Gebote als die konventionelle Sprache. Fast alle Gedichte Kolmars haben etwas von der kämpferischen Wucht und Unbedingtheit, die jeder aufmerksame Leser in «Der Tag der grossen Klage» sofort spürt. Die im Leben so bescheidene, fast demütige Gertrud Kolmar verwandelte schreibend ihr konstitutives Fremdheitsgefühl und die realen Erfahrungen von Bedrängnis und Verfolgung in eine grandiose, weltausgreifende Sprachgebärde. So atmen gerade Texte, die - wie das Gedicht «Die Irre» (1927) - von Diskriminierung und Verzweiflung handeln, eine ungeheure, man möchte sagen: übermenschliche Energie.

Jäger und Schergen, Henkersknechte, O Gendarmen der ganzen Welt in Wut! Mein hässliches Haupt tut doch nicht das Schlechte; Schaut her! Meine Hände sind gut. [. . .]

Ich will alles Land erfüllen mit meinen lauten Gladiolen, Mein Herz zerreiss' ich in Nelken, es über den Erdball zu streun, Über ganz Frankreich, über ganz Deutschland, über ganz Belgien, über ganz Polen! Für meinen Sohn soll das sein; da wird er sich freun.

Wer solche Verse im Ohr hat, kann verstehen, warum Kolmar in Briefen aus den letzten Lebensjahren wiederholt betont, dass ihr alle Repressalien im Innersten nichts anhaben können.

Die Literaturgeschichte liebt Einteilungen, vorzüglich in Dreiergruppen. So wird Gertrud Kolmar seit geraumer Zeit in einschlägigen Darstellungen als die dritte grosse jüdische Lyrikerin der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts neben Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs gewürdigt. Vereinzelt gibt es Stimmen, die Kolmars Gedichten unter den Genannten den höchsten Rang zuerkennen. Wer aber, vielleicht aufgrund solcher Hinweise, sich in den letzten Jahren einen Kolmar-Gedichtband anschaffen wollte, musste die Buchhandlung mit leeren Händen verlassen. Die 1987 unter dem Titel «Weibliches Bildnis» erschienene Ausgabe ist schon länger vergriffen....Fortsetzung

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0104 LYRIKwelt © NZZ