Das
Löwenmädchen.
Roman von Erik Fosnes
Hansen (2008, Kiepenheuer & Witsch -
Übertragung
Hinrich Schmidt-Henkel).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der
NRZ vom
8.04.2008:
Zwischen Slapstick und
Philosophie-Exkurs
Wenn das Schiff untergeht, wie lange muss dann die Bordkapelle spielen, hatte
Erik Fosnes Hansen aus Oslo 1990 in seinem erfolgreichsten Roman "Choral am Ende
der Reise" gefragt. Im neuen, wieder panoramabreiten Opus fährt ein Journalist
in die nordnorwegische Provinzstadt Fredheim, um einer Kuriosität zu begegnen.
Hansen heißt er und über den Titanic-Untergang hat er geschrieben. Ein Alter Ego
des Autors aber ist er vor allem in seinem Schreibprinzip: Wenn man einem
Phänomen nicht leibhaftig begegnen darf, muss man sein Umfeld möglichst genau
einkreisen.
Stets sind die auswuchernden Romane Erik Fosnes Hansens Mischungen aus
erzählerischen Bravourstücken und mitgelieferten Stoffsammlungen, aus Lesefutter
und Belehrung. Wir sind am Beginn des 20. Jahrhunderts, als sich neue Ideen bis
ins entlegene Kaff verhakeln: behutsame Reformgeister und Konservative,
gefallene Mädchen und Frauen im Schönheitswahn, romantische Träumer und
Wissenschaftler, Fortschrittsgläubige und Traditionalisten. So hat man sich
verklemmt und arrangiert zwischen Kirchenchor und Kaffeetisch.
Dann stirbt Ruth Arctander bei der Geburt ihrer Tochter Eva und nichts bleibt,
wie es war. Eva nämlich leidet als einzige Europäerin des Jahrhunderts an extrem
ausgeprägter Hypertrichosis, auf deutsch: Sie ist ein Fall von Fell, über und
über behaart, ohne Aussicht auf Besserung. Sie muss es lernen, sich als
Außenseiterin zu benehmen, und alle anderen sind in der Pflicht, es in Bezug auf
sie zu tun. Sie verkörpert das Fremde im eigenen Haus und ist gedacht als
Katalysator ansonsten in gewohnten Verabredungen eingefrorener Verdrängungen.
Die Konstruktion aber knirscht, weil sie zum Panoptikum addiert wird vom
Slapstick bis zum philosophischen Exkurs, von Irving- oder
Boyleschem bis zu
Enzyklopädieartikeln, von der Innensicht des betroffenen Mädchens bis zur
Sozialstudie eines aufbrechenden Nordens. Das ist mal furios und mal sperrig,
mal gekonnt und oft gewollt. Ein Roman wie eine Menagerie von Menschen.
Eva ist überfordert, und ihr Vater ist es auch. Er aber wird zur Hauptfigur
dieses Romans wachsen: Gustav Arctander, der tüchtige Stationsmeister vor Ort,
der nach der Uhr lebt, pragmatisch die Weichen stellt und dies später auch im
übertragenen Sinne tut. Er wird in den Kontakt zur Welt gezogen, den er vorher
nur für andere hergestellt hatte. Wie dieser Mann seines Standes gezeichnet
wird, ist großartig. Im Laufe der Ereignisse gewinnt er an Würde und Kontur,
indem er sich zaghaft dem ungeliebten Kind nähert, langsam und gravitätisch erst
seine Fassung und dann seine Tochter verliert. Er ist aus Fleisch und Blut,
seine titelgebende Tochter aber bleibt eine Kopfgeburt. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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