Das Loch im
Brot.
Chronik von Iris
Hanika (2003, Edition Suhrkamp).
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 28.6.2003:
Weiblich, städtisch
Die Erstarrung der mittleren Jahre: Iris
Hanikas kleine Literatur des wachen Intellekts
Was immer von Iris Hanika im leider
verblichenen Alltag, in den ebenso dahingegangenen "Berliner
Seiten" der FAZ oder im quicklebendigen Merkur zu lesen war,
machte Appetit auf mehr. Stets nahm für diese Autorin ihr genauer Blick auf die
Umgebung ein, ihre verhaltene, uneitle Subjektivität, die stilistische Präzision
ohne Schaumschlägerei und die Fähigkeit, Personen in essayistischen Texten
vielsagend sprechen zu lassen. Nun liegt mit Das Loch im Brot das erste
Buch der 1962 geborenen Berliner Schriftstellerin vor.
"Chronik" nennt sich das Werk im Untertitel, so wie Hanikas Kolumne im
Merkur, aus der etwa zwei Drittel der Texte stammen. Doch die meist
wenige Zeilen, höchstens anderthalb Seiten langen Texte mit Daten aus den
Jahren 1995 bis 2002 sind nicht chronologisch arrangiert. Die Schnappschüsse
des Alltags im heimischen Berliner Biotop, aber auch in Paris, Wien und New York
folgen einer anderen Ordnung. Deren Umrisse lassen die Überschriften der sechs
längeren Texte erahnen, die die datierten Eintragungen in Blöcke gliedern:
"Normal sein", "Vom gesunden Leben", "Aldi",
"Über Sex", "Wir einsamen Frauen" und "Gespräche während
des Verliebtseins".
Iris Hanika schreibt über geschlechtsreife, etwa vierzigjährige Großstädter,
denen das Leben plötzlich in aller Alltäglichkeit auf den Leib gerückt ist.
Das erste Feuilleton "Normal sein" plaudert über das unvermutete Ende
des grundsätzlichen Schwimmens gegen den Strom und der wie selbstverständlich
verlängerten Adoleszenz, über die "Erstarrung der mittleren Jahre"
und die zunehmende Selbstbezüglichkeit: "Wo wir früher mit Inbrunst die
Faschisten hassten, hassen wir heute die Leute, die ihre Hunde ihr Geschäft auf
dem Gehsteig machen lassen und den Haufen dann nicht wegräumen, und die, die
nachts ohne Licht Fahrrad fahren, weil sie uns dabei so erschrecken, wenn wir
sie mit unserem funktionierenden Mittelklassewagen wieder einmal fast überfahren
hätten." Nicht die Geburt eines Kindes, auch kein Erkenntnisprozess
besorgt diesen unaufhaltsamen Wechsel vom Rand in die Mitte der Gesellschaft und
des Lebens - sondern allein die Zeit. Loch im Brot hält ein Lebensgefühl
des Ausgesetztseins und des Übergangs fest.
Die Zeit ist eine Rutschbahn, auf der theoretische Gebäude und groß angelegte
Synthesen keinen Halt finden. Iris Hanika beschränkt sich daher auf den
Augenblick wie auf das Detail. Sie staunt über die Länge des Lebens und jedes
einzelnen Tages, sie nennt einen Menschen aufgeschwemmt von guten Vorsätzen,
sinniert über den Zusammenhang von Friseurgesprächen und Frisurergebnis, lobt
den Sommer für seine zweite Haut aus Hitze und klagt mit Hilfe des arglosen
Buchtitels Die Stute Deflorata von 1948 über die allgegenwärtige
Sexualisierung. Immer wieder kommt Hanika auf die Einsamkeit der Frauen und die
Mühen der Annäherung an das andere Geschlecht zurück.
[...diese und weitere Besprechungen
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