Das Lied vom Tun und Lassen.
Roman von Jan Boettcher (2011,
Rowohlt).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 6.1.2012:

Glanz im Dreiklang
Jan Böttchers mehrstimmiges "Lied vom Tun und Lassen" leuchtet und tönt

Ein mehrstimmiger Roman, den zu dem es sogar Songs gibt. Denn der Autor ist zugleich auch Musiker, der aus seinem Buch ein melodiöses Gesamtkunstwerk gemacht hat, das in weiten Teilen im Netz spielt - und mit zwischhenmenschlichen Perspektiven jongliert.

„Das Lied vom Tun und Lassen“ ist ein Titel, kein Song. Man kann es nicht hören. Viele andere Lieder aus Jan Böttchers feinem Roman aber schon: Auf seiner Internetseite hat der multitalentierte Berliner Schriftsteller und Musiker die Stücke vertont, die er für seine Romanfiguren erdichtet hat. Ein nettes Gimmick für ein ohnehin melodiöses Gesamtkunstwerk, das selbst in weiten Teilen im Netz spielt.

Drei erzählen: Manuel Mauss, ein gealterter Musiklehrer voller 68er-Ideale, der mit seiner toten Frau spricht (oder sie mit ihm). Schulgutachter Johannes Engler, Mitte Dreißig, Vater eines Sohnes, getrennt lebend. Und Schülerin Clarissa Winterhoff, die den Selbstmord einer Klassenkameradin nicht verwinden kann.

Der kleine Reigen bietet dem Autor schöne Möglichkeiten des perspektivischen Spiels, so wird uns Mauss aus Sicht Englers gleich ein bisschen weniger sympathisch – dabei ist es doch so cool, wie er seine Schüler „Popband“ spielen lässt, sie über Demotapes und Management-Fragen an die Musikindustrie heranführt. Und Clarissas Blick auf den dicklichen Engler, mit dem sie eine Nacht verbringt, ist eher der einer Verfolgten – was sich für ihn ganz anders darstellte. Clarissas Part ist ein Blog: Sie schreibt ein fiktives Tourbuch ihrer Band, obschon sie ja nur mit Freunden Urlaub macht. Zwar treten hier am Ende all die Verstrickungen – Schuld, Tod, Verantwortung – zutage, begegnen sich Lebende und Tote, doch fällt der letzte Teil des Buches sprachlich ab. Was erzählerisch konsequent ist, aber schade.

Beiläufig schöne Bilder erschaffen

Denn Böttchers Prosa leuchtet. Etwa so: „Die Sonne legte einen Streifen durch die Cafeteria, nur ein Ärmel und meine rechte Hand wurden beleuchtet. Fast drei Jahre hatte ich mit keiner Frau geschlafen. Ich legte das Messer zur Seite und gabelte mit der Sonnenhand . . .“ Ganz beiläufig sieht Böttcher schöne Bilder, hebt sie auf und heftet sie in seine Geschichten – bescheiden geradezu. So erhält der Schulmief, die Kleinstadt, erhalten selbst billige Sehnsüchte und leicht peinliche Posen einen magischen Glanz.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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