Das Leuchten in der Ferne von Linus Reichlin, 2013, Galiani1.) - 2.)

Das Leuchten in der Ferne.
Roman von Linus Reichlin (2013, Galiani).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 18.2.2013:

Der Sog der Ferne
Schriftsteller Linus Reichlin schreibt im neuen Roman „Das Leuchten in der Ferne“ über einen deutschen Kriegsreporter, der in Afghanistan Taliban-Kämpfern in die Hände fällt.

Einst war er ein „viel gelesener“ Kriegsreporter. Heute sitzt der 53-jährige Moritz Martens auf einem Berliner Bürgeramt, „weil er versagt hatte“: In der Medienkrise wollen die Magazine Martens Reportagen nicht mehr drucken. Diesen Journalisten in der Talsohle des Lebens schickt Autor Linus Reichlin in die hohen Berge Afghanistans – und stürzt ihn von dort in Abgründe, die sich Martens in seinem Allerweltsschmerz nicht vorstellen konnte.

Seit Jahren schon wird Deutschland am Hindukusch verteidigt, doch hat sich die deutsche Schreiber-Elite dem Genre des Afghanistan-Romans bisher verweigert. In Erinnerung blieb allein Dirk Kurbjuweit: Im Roman „Kriegsbraut“ begleitete er eine Soldatin zum Auslandseinsatz, eine Romanze mit einem afghanischen Schulleiter inklusive – gut gemeint, am Ende aber doch unglaubwürdig.

Rettung vor der Kitsch-Falle

Nun wagt sich Linus Reichlin vor: ein gebürtiger Schweizer, der seit langem in Berlin lebt, Essayist, gefeierter Krimi-Autor, bekannt für wendungsreiche Plots und psychologisches Gespür. Beides nutzt er auch diesmal. Sein geschickt gewählter Protagonist bewahrt ihn in aller Abgeklärtheit vor der Kitsch-Falle: Martens war in Ruanda, im Irak, er hat mit Mördern gesprochen, Sterbende gesehen, Leichen.

Zudem weiß er um die Gefahren, die diese Kriegsbilder für ihn darstellen: „Das Schreckliche nahm für sich in Anspruch, das einzig Bedeutsame zu sein.“ Wenn er nun auf dem Bürgeramt Miriam Khalili kennenlernt, wenn sie ihm von einer Story erzählt, die seiner Karriere Schub geben könnte: Dann durchschaut er sich selbst im Wunsch, dem „bedeutungslosen“ Alltag zu entkommen – und Miriams Lügengeschichte zu glauben.

Geseilnahme, Familienfehde und Glaubensregeln

Miriam und Martens kommen sich näher und reisen in die Ferne, nach Feyzabad. Dort gelangen sie zu einer Gruppe Taliban-Kämpfer. Es entwickelt sich ein Drama um Geiselnahme und Lösegeld, um Familienfehden und Glaubensregeln, in das Miriam tiefer verstrickt ist, als Martens ahnen konnte.

Reichlin vermisst kunstvoll die tiefen Gräben zwischen zwei Kulturen, lässt den verweichlichten, rundlichen Weinliebhaber Martens die Härte afghanischen Gerölls spüren, die Kälte der Nächte. Am Ende aber findet er eine überraschende Gemeinsamkeit: den „verlockenden Sog in die Ferne“, der Männer von ihrer Heimat, ihrer Familie, den lähmenden Wiederholungen des Alltags fortzieht – afghanische Kämpfer ebenso wie deutsche Soldaten. Oder Kriegsreporter.

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Das Leuchten in der Ferne von Linus Reichlin, 2013, Galiani2.)

Das Leuchten in der Ferne.
Roman von Linus Reichlin (2013, Galiani).
Besprechung von Bettina Cosack in der Frankfurter Rundschau, 29.3.2013:

Von Männern und Streunern
Linus Reichlin schickt in seinem Roman "Das Leuchten in der Ferne" einen abgehalfterten Reporter zu den Taliban nach Afghanistan. Dabei war der Autor selbst noch nie in diesem Land.

Fett ist er geworden, dieser Mann, der einmal ein Kriegsreporter gewesen sein soll, fett und bräsig, die Hose kneift; zu viel Riesling, zu viel Kalbsbries und Nierchen, mit getrüffeltem Lauch verfeinert. Längst hat die Verfettung auch das Hirn erreicht, hat ihn lahm werden und resignieren lassen. 53 Jahre alt ist der Reporter Moritz Martens, geschieden, arbeitslos, perspektivlos, als er an der Nummernausgabe eines Berliner Bürgeramtes Miriam kennenlernt, die dunkle, aparte Schönheit, Tochter eines Afghanen, Mutter eines kleinen Sohnes und begnadete Lügnerin. Sie, die Fremde, die sich so anmutig bewegt, weckt in Martens die Sehnsucht nach der Fremde und lockt ihn mit der Aussicht auf die eine gute rettende Story ins Glück und ins Verderben zugleich. Kitschig? Durchaus. Aber so ist das mit der Liebe und der Sehnsucht.

Vom Lieben und vom Sehnen, vom Reisen, vom Verrat und dem Verlassensein erzählt Linus Reichlin in seinem Roman „Das Leuchten in der Ferne“, vom Abenteuer des Lebens also und von streunenden Männern. Solchen wie Martens, die es in der Gewöhnlichkeit des Alltags nicht aushalten und immer wieder das Archaische im Anderswo suchen. Und solchen wie den Taliban, mit denen Martens monatelang durch die Berge Afghanistans stapft. Auch sie, so sinniert der Mitwanderer, sind „alle einmal losgezogen zum Horizont“, haben einst den „verlockenden Sog der Ferne“ gespürt. Verwandtschaft unter Männern kann so schlicht sein. Drei Romane hat Linus Reichlin, Jahrgang 1957, in Berlin lebender Schweizer, vor dem „Leuchten“ verfasst, drei kluge Kriminalromane, in deren Mittelpunkt jeweils der deutsche Kommissar Hannes Jensen steht, ein grüblerischer Ermittler mit einem Faible für die Quantenphysik und für schräge Frauen. Glänzend geschrieben sind diese literarischen Krimis, elegant und spannend zugleich. In Brügge spielen sie zumeist, in Berlin, ein klein wenig in Island und in Irland.

Nie in Afghanistan gewesen

Nun also schickt Reichlin einen grübelnden, Bach hörenden, Rilke lesenden Lebensmittekrisler, Hannes Jensen nicht ganz unähnlich und doch so viel unsympathischer, mit viel Aufwand nach Afghanistan. Der Sog der Ferne scheint nicht nur seinen Protagonisten, sondern auch Reichlin verlockt zu haben, vielleicht, weil er meinte, nirgendwo könne es roher zugehen als dort. Er selbst, das berichtet er freimütig, ist nie in Afghanistan gewesen, hat nie vor Ort recherchiert, sondern in Büchern, im Internet und in Gesprächen.

Was legitim ist, es handelt sich hier um Literatur, nicht um ein Sachbuch, was aber doch ein wenig verstimmt, denn immerhin handelt es um eine Art Gegenwartsroman, der beständig Wahrhaftigkeit suggeriert, etwa durch die atemberaubende Präzision, mit der Reichlin die Berglandschaft Nordafghanistans beschreibt. Und immerhin gibt es Kollegen, die es ernster nehmen mit der Recherche.

Miriam ist es, die Verführerin von der Nummernausgabe, die Martens erst nach Feyzabad lotst in der Provinz Badakhshan und dann in diese kalten, grausamen und doch leuchtenden Berge. Sie sei Fotografin und kenne, behauptet sie, eine junge Afghanin namens Malalai, die als Junge verkleidet mit einer Talibangruppe umherziehe, einer Gruppe, die vom berüchtigten Dilawar Barozai angeführt werde, der wiederum für seinen Frauenhass berüchtigt sei, weshalb wiederum Malalai gerettet werden müsse. Was Martens, den Ex-Draufgänger von der Nummernausgabe, wiederum veranlasst, alle Bedenken zu ignorieren, die Reportage vorab für 10.000 Dollar an ein Wochenmagazin zu verkaufen, einen Flug à deux in einer Bundeswehr-Transall zu organisieren sowie einen Aufenthalt in einem Bundeswehr-Camp, wo man sie fürstlich bewirtet und wo sich die beiden Besucher auf einer Pritsche vögelnd näherkommen.

Nun, einen so unvorsichtigen Kriegsreporter gibt es im wirklichen Leben wohl nicht, einen derart großzügigen Chefredakteur gibt es nicht, und eine derart naive und gastfreundliche Bundeswehr gibt es auch nicht. Und doch: Linus Reichlin verführt mit der Kraft starker, dichter Sätze, und man folgt Martens und Miriam allen Zweifeln zum Trotz auf dem steinigen Weg zum Treffpunkt mit den Taliban, wo sie das verkleidete Mädchen finden, aber auch Evren, den früheren Mann Miriams; er ist es nämlich, der eigentlich gerettet werden soll.

All die Grausamkeiten

Es schließen sich an: Debatten voller Misstrauen über das Lösegeld, Hunger, Kälte, Eifersuchtsszenen, Exkurse in das Denken der Taliban, ein amerikanischer Hubschrauberangriff auf das einsame Haus im Geröllfeld, Tote, Verdächtigungen, ein großer Verrat und ein großes Verlassenwerden. Es ist Martens, der am Ende als angeblicher Spion und Geisel mit den Taliban weiterziehen muss, das ist das Schicksal des einsamen Wolfes. „Er war der Ungebundene. Er war der, auf den zu Hause niemand wartete, der Abenteurer, in den zu verlieben man sich hütete.“ Gezeichnet von den Strapazen, als Zeuge von Steinigungen und Bombenanschlägen, kehrt Martens zurück.

Er weiß nicht, wie er von all der Grausamkeit der vergangenen Monate berichten soll. Und was aus der Liebe geworden ist, das weiß er auch nicht. Immerhin, der Bauch ist verschwunden, er hat gelernt, im Gehen zu onanieren und ohne Bach und Rilke zu leben, Schmerzen und Kälte zu ertragen und „ein Leben unter Menschen zu führen, die ihm nichts von sich mitteilten“. Man muss das Leuchten in der Ferne schon sehr schätzen, um all das als Gewinn zu empfinden.

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